Im Porträt

„Wir haben hier ein Dienstleistungsspektrum aufgebaut, das uns bundesweit eindeutig und einmalig positioniert“ - Kerstin Schmidt, Innovativer regionaler Wachstumskern BioOK

Die Mathematikerin Kerstin Schmidt koordiniert den Wachstumskern BioOK seit 2005. Sie ist darüber hinaus Geschäftsführerin von zwei Unternehmen, die zur BioOK GmbH gehören. Im Interview berichtet sie über ihre Aufgaben als Netzwerkmanagerin, über den Teamgeist bei BioOK und den Umgang mit Kritik an der Arbeit mit gentechnisch veränderten Pflanzen.

Das Förderprogramm „Innovative regionale Wachstumskerne“ fördert Bündnisse von Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die über eine gemeinsame, besondere Technologieplattform in ihrer Region verfügen. Der Wachstumskern BioOK in Groß Lüsewitz bei Rostock arbeitet an Verfahren zur Prüfung und Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen (GVP) und möchte langfristig die anbaubegleitende Überwachung von GVP in ganz Europa durchführen. Bis 2014 will BioOK der führende Dienstleister im Bereich der Prüfung, Zulassung und Überwachung von GVP in Europa werden, dabei sollen 40 bis 60 neue Arbeitsplätze entstehen.

Wir sitzen hier im Agrobiotechnikum (ABT) in Groß Lüsewitz bei Rostock. Seit 2004 besteht dieses Haus, in dem sich Labore, Büros und 1.000 Quadratmeter Gewächshaus befinden. Auf dem Gelände befindet sich inzwischen eine 250 Hektar große Nutzfläche für Freilandversuche. Ist das ABT inzwischen zur Drehscheibe der modernen Agrobiotechnologie geworden?

Kerstin Schmidt: Ja, ich denke, dass wir inzwischen einen Namen haben, der doch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal trägt. Wir haben dieses Gebäude und das ganze Konzept hier auf die Beine gestellt, um zu sagen: „Wir wollen die Risiko- und Sicherheitsbewertung dieser Pflanzen machen, wir wollen den Pflanzenzüchter, der solche Pflanzen hier in Europa auf den Markt bringen will, darin unterstützen, diese Pflanzen hinsichtlich ihrer potenziellen Risiken zu bewerten." Diese Bewertung ist ja notwendig im Rahmen des europäischen Zulassungsverfahrens. Wir haben hier ein Dienstleistungsspektrum aufgebaut, das diese Bewertungen umfassend durchführen kann, und wir sind landes- aber auch bundesweit inzwischen diejenigen, die sich in diesem Bereich ziemlich eindeutig und einmalig positioniert haben.

Durch ihren Verbund von Unternehmen und Wissenschaftlern bieten Sie unter dem Dach von BioOK die Analyse, Bewertung und Überwachung von agrobiotechnologischen Produkten als Gesamtdienstleistung an. Damit will BioOK führend in ganz Europa werden. Wie weit sind Sie diesem Ziel näher gekommen?

Kerstin Schmidt: Wir haben uns mit Partnern hier in der Region zusammengetan, von denen viele inzwischen auch in diesem Zentrum sitzen, und zunächst einmal versucht, ein Dienstleistungsspektrum aufzubauen, das die Analyse, die Bewertung und Überwachung von GVP umfasst. Inzwischen können wir die einzelnen notwendigen Schritte, die für eine Sicherheitsbewertung wichtig sind, durchführen – sowohl isoliert als auch im Rahmen eines Gesamtkonzeptes. Dafür haben wir ein modulares System etabliert. Wir haben im Prozess gelernt, dass viele Analysen mehr oder weniger miteinander verknüpft sind und dass man diese Analysen nicht nebeneinander durchführen sollte, sondern in Abhängigkeit voneinander, dass man aus den Ergebnissen mancher Analysen auch lernen kann, dass man andere nicht mehr durchzuführen braucht. Das Ganze wollen wir nun noch weiter ausfeilen, so dass wir, wenn wir das geschafft haben, weltweit mit diesem Überblick, diesem Interdisziplinären und dieser Kompaktheit diese Fragestellung angehen können.

Für den Erfolg eines Netzwerkes kommt es ganz wesentlich auf die Führung und Koordination der beteiligten Partner an. Sie koordinieren im Wachstumskern BioOK vier Unternehmen und vier wissenschaftliche Institute. Wie sieht diese Arbeit im Alltag aus?

Kerstin Schmidt: Ich würde zunächst mal sagen, dass ich ja nie so ganz alleine bin mit dieser Arbeit. Das mag damit zusammenhängen, dass unser Wachstumskern so ausgerichtet ist, dass wir alle sehr eng miteinander kooperieren. Und damit auch ein sehr enger Draht zwischen den Unternehmen und den Forschungseinrichtungen existiert. Aber grundsätzlich reichen die Koordinationsaufgaben von der Organisation bis hin zur inhaltlichen Ausgestaltung der Arbeit des gesamten Wachstumskerns.

Ich organisiere unsere Veranstaltungen, jetzt zum Beispiel gerade unser drittes Statusseminar. Hier wollen wir die Fortschritte unserer Arbeit vorstellen und Werbung machen für das, was wir tun. Da ist man dann in der Vorbereitung natürlich zum einen damit beschäftigt, in der Welt umherzureisen oder herumzutelefonieren und zu e-mailen, um ein entsprechendes Programm zusammenzustellen, zum anderen stimmt man auch mit den Partnern ab, was wir präsentieren werden auf diesem Workshop.

Dann gibt es Anfragen von Kunden oder von Institutionen, die unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen. Da bin ich auch diejenige, die die relevanten Partner anspricht und sie um die entsprechende Zuarbeit bittet. Wir sind jetzt insgesamt doch sehr darauf ausgerichtet, Aufträge zu akquirieren. Dafür muss ich natürlich immer wissen, was die einzelnen Partner inhaltlich machen, damit ich das auch verkaufen kann.

Sie sind ja auch Geschäftsführerin einiger Unternehmen, die zu BioOK gehören. Wie kam es zu Ihrer Entwicklung von der Unternehmerin zur Netzwerkmanagerin?

Kerstin Schmidt: Es war einfach notwendig, Partner ins Boot zu holen, um bestimmte Ideen umzusetzen. Das Thema meiner Arbeit war immer das Gleiche. Es ging immer um die Arbeit mit und an Pflanzen, praktisch die Dienstleistung für den Züchter. Ich habe mit Partnern zu tun, die auch ihre eigene Geschäftsidee verfolgen, die man einerseits entsprechend einbinden kann, doch deren Interessen auch gewahrt werden müssen. Das ist ein ganz interessantes Wechselspiel. Man bekommt auch viel von den anderen, was sehr förderlich für das Ganze sein kann, aber man versucht natürlich auch, sie bei der Stange zu halten und sie weiter für die Idee zu begeistern.

Hat sich Ihre Tätigkeit, Ihr Verantwortungsbereich in den vergangenen Jahren verändert? Wenn ja, in welche Richtung?

Kerstin Schmidt: Oh, ja. Ich war bis zum Jahr 2000 Geschäftsführerin einer Firma mit drei Mitarbeitern. Durch den Bau des Agrobiotechnikums und die Wachstumskern-Initiative sind mir in dem Unternehmen inzwischen 20 Mitarbeiter direkt unterstellt. Und wenn ich den ganzen Wachstumskern betrachte sind es 50 bis 100 Leute, die an dem Projekt mehr oder weniger beteiligt sind. Das war schon eine Herausforderung am Anfang, alleine eine Sitzung des Wachstumskerns zu leiten. Die Verantwortung und der Umfang meiner Arbeit sind größer geworden.

Was war oder ist für Sie die größte Schwierigkeit beim Koordinieren des Wachstumskerns?

Kerstin Schmidt: Vor allem die Balance hinzukriegen zwischen den gemeinsamen Interessen des Wachstumskerns und den eigenen Interessen der Unternehmen. Für die Unternehmen, die hier an unserem Wachstumskern beteiligt sind, wurde ein zusätzliches Geschäftsfeld eröffnet, das für sie lukrativ ist, aber sie werden es nur weiter verfolgen, wenn es sich für sie auch lohnt. Weil ich ja eben auch selber Geschäftsführerin von einigen Unternehmen bin, habe ich sehr viel Verständnis dafür, dass jedes Unternehmen natürlich unabhängig von BioOK weiter existieren muss. Diese beiden Interessen unter einen Hut zu bringen erfordert sehr viel Offenheit und Kommunikation, sehr viel Abstimmung, so dass man dann auch immer mit einem guten Gefühl zusammenarbeiten kann. Das gelingt uns ganz gut, doch müssen wir da sehr drauf achten.

Um erfolgreich zu sein, müssen Sie neue Ideen entwickeln. Wie sieht es da mit der Teamarbeit aus?

Kerstin Schmidt: Da kooperieren wir eng mit den wissenschaftlichen Einrichtungen. Dies ist ein ganz wichtiger Bestandteil, denn die wissenschaftlichen Ideen werden an der Universität geboren und wir überlegen, inwieweit es Sinn macht, die Ergebnisse wirtschaftlich umzusetzen. Um diesen Prozess weiter zu verbessern, haben wir auch die BioOK GmbH gegründet, und wenn wir uns da mit allen Gesellschaftern zusammensetzen, können wir Probleme diskutieren und finden auch eine Lösung. Dieses Konstrukt tut dem ganzen Bündnis sehr gut. Alle haben Verantwortung übernommen und verfolgen das Interesse, dieses Gebilde zum Erfolg zu führen.

Was macht Ihnen am meisten Freude bei der Arbeit, was gibt Ihnen Auftrieb, spornt Sie an weiterzumachen?

Kerstin Schmidt: Am meisten Freude macht es mir, wenn man draußen in Europa Anerkennung bekommt. Wenn die Sachen nachgefragt werden und wenn man merkt, dass man mit dem, was man tut, den Zeitgeist getroffen hat. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man eine Zukunftstechnologie anpackt und mit seinen Dienstleistungen ein gewisses Know-how und eine gewisse Stellung erreicht, die doch wirklich einmalig und herausragend sind. Wenn ich überlege, wo wir hergekommen sind, was hier vorher war in dieser Region, in diesem Bereich, dann kann man darauf schon stolz sein. Wenn ich dann unterwegs bin und sagen kann, wir spielen hier mit weltweit in diesem Bereich, sowohl wissenschaftlich als auch wirtschaftlich, dann ist das eine schöne Anerkennung und Motivation weiterzumachen.

Ihre Freilandversuche, sprich gentechnisch veränderter Weizen, Kartoffeln und seit diesem Jahr eventuell auch Gerste, sind in der Öffentlichkeit umstritten. Naturschützer wehren sich heftig und machen Ihnen die Arbeit schwer. Wie kommen Sie damit zurecht?

Kerstin Schmidt: Wir sind einfach der festen Überzeugung, dass wir das Richtige machen. Wir arbeiten mit größter Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen, und wir machen nichts Illegales. Alles, was wir durchführen, ist durch einen langen Zulassungs- und Genehmigungsprozess gelaufen.

Wir müssen im Blick haben, was weltweit passiert in diesem Bereich. Und wenn ich das habe, dann kann man eigentlich nur den Kopf schütteln, wie dieses Thema von der Angstindustrie und der Politik in Deutschland missbraucht wird; und dies vor dem Hintergrund, dass unsere Landwirtschaft ja weltweit wettbewerbsfähig sein muss. Ich weiß, wie es anderswo aussieht auf der Welt. Ich weiß – wir betreiben ja selber auch Landwirtschaft –, dass ich meine Produkte, die ich hier im Herbst vom Acker hole zum Börsenpreis verkaufen  muss, das heißt, ich konkurriere mit den Landwirten aus Amerika, Asien und Australien um den Preis. Wenn ich dann neue Technologien nicht einsetzen kann, dann werde ich langfristig nicht wirtschaftlich arbeiten können.

Vor drei Jahren hat das Land Mecklenburg-Vorpommern an die Gemeinde Sanitz zur Umsetzung des Konzeptes für das Agrobiotechnikum 30 Hektar Versuchsflächen pachtfrei vergeben. Auf diesen Flächen werden u. a. die Freisetzungsversuche im Sinne des Gentechnikrechts durchgeführt. Die Landesregierung bekennt sich soweit zur Unterstützung des Anbaus gentechnisch veränderter Produkte. Stärkt Sie diese Haltung bei Ihrer Arbeit?

Kerstin Schmidt: Das Land hat die Flächen an den Betreiber des Agrobiotechnikums, der damals BioCon Valley war, pachtfrei abgegeben, und wir haben diese Flächen dann von BioCon Valley gepachtet, weil wir Mieter und Nutzer dieses Zentrums sind. Wir haben sie nicht kostenlos bekommen. Das war keine Unterstützung der Gentechnik, sondern eine Unterstützung, um dieses Haus betreiben zu können. Nichtsdestotrotz gibt es von unserer Landesregierung eine Unterstützung für dieses Haus hier. Das Land Mecklenburg-Vorpommern sagt, wir wollen in unserem Agrarland einen sorgfältigen Umgang mit diesen Technologien prüfen. Wir wollen nicht pauschal ja oder nein dazu sagen, sondern wir wollen sehen, gibt es da interessante Entwicklungen für unsere Landwirte, die ja keinen unwesentlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leisten, die wichtig sein könnten. Wir wollen aber auch nicht mit fliegenden Fahnen diese Technologie akzeptieren, weil wir unter anderem auch ein Tourismusland sind, und wir wollen nachhaltig mit unserer Natur und Umwelt umgehen, und insofern ist dieses Zentrum etwas, wo wir ganz hautnah miterleben können, ist da etwas dran oder nicht. Wir von BioOK sind für diese Haltung sehr dankbar, und wir stehen auch im ständigen Dialog mit der Landesregierung darüber, was wir für Arbeiten machen, was sie für Ansprüche hat, das läuft eigentlich sehr gut.

Frau Schmidt, Sie haben sicherlich im Laufe der Jahre gelernt, dass es schwierig ist, die Komplexität Ihrer Tätigkeit in der Öffentlichkeit oder in den Medien darzustellen. Sie müssen ja ab und an nach ihrem Empfinden ungerechte Angriffe aushalten, verlässt Sie manchmal der Mut?

Kerstin Schmidt: Bei den Angriffen selber nicht, weil wir mit unseren Partnern genügend Rückhalt haben. Mich verlässt eher der Mut, wenn ich sehe, wie die Pflanzenzüchter, die weltweit aktiv sind, Europa den Rücken zukehren, weil sie im Moment sagen: “Das ist uns hier zu anstrengend, das haben wir auch nicht nötig, wenn ihr das hier nicht anbauen wollt, dann bauen wir das eben woanders an und dann importiert ihr das und dann können eure Landwirte zusehen, wo sie die Wertschöpfung herkriegen“. Wenn solche Entscheidungen getroffen werden, dann wird mir schon ein bisschen mulmig.

Wir werden unsere Daseinsberechtigung behalten in dem Sinne, dass wir dann für den Import solcher Pflanzen diese Zulassungsprüfung machen müssen. Aber natürlich besteht dann die Gefahr, dass das Ganze zu einem Nischendasein verkommt – das war nicht das große Ziel, was wir hatten!

Was wünschen Sie sich künftig in Bezug auf Ihre Arbeit?

Kerstin Schmidt: Ich wünsche mir mehr Zukunftsoptimismus im Hinblick auf diese Technologie in Europa, so dass wir mehr Stabilität, mehr Mut, mehr Entwicklung in Europa auf den Weg bringen können. Ich wünsche mir, dass wir mit unserem Wachstumskern ein Level erreichen, von dem aus wir von einer sicheren Basis unsere Dienstleistung an den Mann bringen können. Ich wünsche mir, dass wir dann einmal in ruhiges Fahrwasser kommen. So dass man sagen kann, wir haben jetzt hier ein Unternehmen, das steht auf soliden Beinen und das wird vielleicht die nächsten zehn Jahre so weitergehen.

3. Februar 2009

 

Nähere Informationen zum Innovativen regionalen Wachstumskern "BioOK" finden Sie hier.


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