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Bei der Kick-off-Veranstaltung der ForMaT-Inititative TASC, diskutierten Magdeburger Wissenschaftler wie Telemedizin für das neue Sachsen-Anhalt-Netz zur Akutbehandlung von Schlaganfällen innovativ genutzt werden kann.
Rainer P. hat es wie fast immer eilig. Der Gymnasiallehrer in Stendal ist spät dran. Ein Schülergespräch bringt seinen Plan für den Nachmittag mit Arbeiten korrigieren und Unterricht vorbereiten gehörig ins Wanken. Und dann sind da auch noch die Papierstapel mit all den wissenschaftlichen Neuigkeiten, die er wenigstens einmal pro Woche in Ruhe lesen wollte. Er springt ins Auto, reiht sich in den fließenden Verkehr, will den nächsten Gang einlegen - ein noch nie gespürter Schmerz macht aller Hektik mit einem Schlag ein Ende. Die Hand rutscht vom Hebel, keine Kraft mehr, kein Gefühl - Rainer P. bremst mit letzter Anstrengung. Dann ist es still.
Eine kleine Auswahl des Geräteparks für die telemedizinische Betreuung von Schlaganfall-Patienten hatte das TASC-Team vor Ort präsentiert.
Jetzt hat er noch maximal drei Stunden Zeit, um am Leben zu bleiben. Dazu braucht er vor allem sofort einen Notarzt, der den Schlaganfall erkennt, die Akutversorgung einleitet und ihn mit Blaulicht in eine Klinik mit einer "Stroke Unit"-Intensivstation bringt, um zum Beispiel eine Lebens rettende Thrombolyse einzuleiten. Die nächste "Stroke Unit" mit acht Betten aber ist ca. 100 km von Stendal entfernt im Magdeburger Universitätsklinikum. Ein sehr weiter Weg.
Diese Situation vor Augen trafen 2008 Magdeburger Ärzte und Wissenschaftler der Otto von Guericke-Universität eine Entscheidung. Es muss auch in einem Land wie Sachsen-Anhalt, trotz dünner Besiedlung vor allem in der sanften Altmark - der Wiege Preußens - möglich sein, die notwendige Akutversorgung von Schlaganfallpatienten zu gewährleisten. Schnell fand sich ein Team zusammen, das im Kern aus Prof. Dr. Matthias Raith (Universität Magdeburg, Interaktionszentrum für Entrepreneurship), Prof. Dr. Georg Rose (Universität Magdeburg, Medizintechnik und Medizinische Telematik), Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze (Uniklinikum Magdeburg, Klinik für Neurologie), Dr. Michael Görtler (Uniklinikum Magdeburg, Stroke Unit) und Prof. Dr. Martin Skalej (Uniklinikum Magdeburg, Institut für Neuroradiologie) besteht.
Von Beginn an richteten sie ihren forschenden Blick weit über den regionalen Tellerrand hinaus. Die Fakten sprechen eine schmerzlich klare Sprache:
Jedes Jahr erleiden 165.000 Männer und Frauen in Deutschland einen Schlaganfall, alle drei Minuten ein Schlaganfall zwischen Rügen und dem Schwarzwald. Er ist die häufigste Ursache für Behinderungen. 40 % der Schlaganfallpatienten sterben noch im gleichen Jahr. Etwa 64.000 neue Pflegefälle pro Jahr brauchen Hilfe. Rund 50.000 Euro Behandlungskosten fallen für jeden Schlaganfall in Deutschland an. Wahrscheinlich wird sich die Zahl der Schlaganfälle bis 2050 verdoppeln.
Diese puren Zahlen aufgreifend entstand die TASC (Telemedical Acute Stroke Care)-Idee. Mit ihr soll in Sachsen-Anhalt ein Schlaganfall-Netzwerk entstehen, in das zunächst fünf Kliniken mittels modernster Telemedizin eingebunden werden. Neben dem Uniklinikum Magdeburg konnten noch Ende 2008 die Kliniken in Stendal und Halberstadt als Projektpartner gewonnen werden. Innovative und Diagnose taugliche Videokonferenztechnik wurde in diesen beiden Krankenhäusern installiert und mit der "Stroke Unit" im Uniklinikum Magdeburg und seinen Fachärzten verbunden. Bereits 50 Schlaganfallpatienten in Stendal und Halberstadt konnten seither durch Telemedizin versorgt werden. Dabei kommunizieren die Magdeburger Experten mittels Kamera und Computer mit Arzt und Patient vor Ort. Ganz offensichtlich ein Erfolg versprechender Weg, der allerdings noch mit Hindernissen gepflastert ist.

Hendrik Vogt (BMBF) prognostiziert großes Interesse an TASC.
Mit Unterstützung der BMBF-Innovationsinitiative Neue Länder Unternehmen Region wollen die Magdeburger Ärzte und Wissenschaftler diese Hindernisse noch besser erforschen und gezielt aus dem Weg räumen. Hendrik Vogt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): "Fast 1,5 Millionen Euro investieren wir bis zum Jahr 2011 in die TASC-Initiative, weil wir Idee und Ziele sehr positiv bewerten. Viele Experten in Deutschland und darüber hinaus werden ihre Arbeit mit großem Interesse verfolgen. Magdeburg kann sich als Standort für innovative Medizintechnik weiter profilieren."
Projektinitiator Prof. Dr. Matthias Raith lenkt den Blick vor allem auch auf die ökonomische Bewertung dieser technischen Innovation mittels Telemedizin: "Um eine telemedizinische Servicezentrale für Sachsen-Anhalt aufzubauen, brauchen wir ein wirklich tragfähiges unternehmerisches Konzept. Bisher ist das noch nicht vorhanden. Die aktuelle Telemedizin-Praxis trägt noch einige medizinische, technische, wirtschaftliche und juristische Fragen mit sich, deren Antworten in den beiden TASC-Jahren gefunden werden müssen."
Prof. Dr. Georg Rose, der vor allem Brücken zwischen den renommierten Magdeburger Ingenieurswissenschaften, der Medizintechnik und der Medizinischen Fakultät an der Otto von Guericke-Universität baut, ist sicher: "Die Medizintechnik gehört weltweit zu den Innovationstreibern. Sie zählt zu den Forschungsschwerpunkten an der Uni Magdeburg. 25 verschiedene medizintechnische Forschungsvorhaben werden zurzeit auf dem Campus an der Elbe bearbeitet."
Universitätsrektor Klaus Erich Pollmann gab zum Kick-off der TASC-Initiative unumwunden zu: " Diese Dynamik bei neu entstehenden Kooperationen in der Medizintechnik innerhalb der Universität und mit externen Partnern habe ich nicht erwartet. Sie überrascht mich so positiv, dass ich die viel versprechenden Projekte so stark unterstützen werde, wie es mir möglich ist."
Rainer P. befindet sich zurzeit in der Reha-Phase. Die telemedizinische Direktverbindung vom Stendaler Krankenhaus zum Magdeburger Ärzteteam hat ihm wahrscheinlich sein Leben gerettet.
Weitere Informationen zum ForMaT TASC erhalten Sie hier.
(URL: http://www.unternehmen-region.de/de/3569.php)