
Dr. Jürgen Ude hat Erstaunliches vollbracht: In einem Land ohne Automobilindustrie hat er ein schlagkräftiges Automotive Cluster initiiert. Porträt eines Magdeburger Ingenieurs.

"Ist denn die Elbe immer noch dieselbe, fragt sich der Dom und wundert sich!" - Diesen Gassenhauer dürfte wohl so ziemlich jedes Magdeburger Kind ab den 1950er Jahren im Kindergarten leidenschaftlich gern gelernt und gesungen haben. So auch Jürgen Ude, geboren und aufgewachsen in der damaligen Bezirksstadt, studiert und promoviert an der früheren Technischen Hochschule Otto von Guericke, nach einem spannenden Weg heute Geschäftsführer des Innovations- und Gründerzentrums in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts - ein waschechter "Machdeborjer" also.
"Dieser Weg wird kein leichter sein!" - Jürgen Ude sind solche Gedanken immer mal wieder zuerst durch den Kopf und von dort aus in alle Gliedmaßen geschossen. Was aber seinen Drang, klug weiterzumachen, höchstens kurz verzögerte, nie aber grundsätzlich infrage stellte. Über Teile dieses Weges soll hier erzählt werden.
Diese unbezahlbare Gabe, seine Umwelt im Wesentlichen positiv wahrzunehmen, wischt der Magdeburger Jürgen Ude als nicht so bedeutend vom Tisch, vielmehr macht er darauf aufmerksam, dass er zu einer unglaublich glücklichen Generation gehöre: "Nie hätte ich mir träumen lassen, eines Tages beispielsweise in den Chefetagen des VW-Werkes in Wolfsburg nicht nur einen Termin zu haben, sondern dass dort von mir auf fachliche Fragen erstklassige und vor allem neue Antworten erwartet werden." Noch heute ist eine gewisse Verwunderung darüber in seinem Gesicht abzulesen; unüberhörbar das kraftvolle Ausatmen, das erleichtert und Platz für frische Stärke schafft.
Wie er denn überhaupt diesen Weg finden konnte und was er denn dafür studieren musste, werde er immer mal wieder gefragt, schmunzelt Jürgen Ude: "Was für eine Frage an einen Magdeburger! Natürlich Ingenieurwissenschaften!" Das sei ja wohl, jedenfalls zu seiner Studentenzeit, allenfalls eine Sekunden dauernde Überlegung gewesen, ergänzt er. Zwar habe er sich mit dem Magdeburg in der DDR verordneten Titel "Stadt des Schwermaschinenbaus" nicht wirklich anfreunden können, der wirtschaftlichen Realität in der Elbestadt entsprach es aber vollkommen. Etwa 50.000 Männer und Frauen waren in den 1970er und 80er Jahren in den Werken des Maschinen- und Anlagenbaus tätig. Noch heute sind Namen wie zum Beispiel SKET (Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann) und SKL (Schwermaschinenbau Karl Liebknecht) nicht nur Firmennamen einer Geschichte gewordenen Zeit. Sie stehen für Lebensabschnitte vieler Generationen, deren Alltag von der oft schweren Arbeit in Gießereien, im Metallbau, im Fertigen riesiger Maschinen und Anlagen für Tagebaue, Kraftwerke und Schiffe auf der ganzen Welt geprägt war: "Ja. Magdeburg roch nach Eisen und Stahl. Es wurde geschmolzen und gegossen, geschweißt und gefräst, gebohrt und genietet. Die über 300.000 Einwohner starke Stadt an der Elbe hatte bestimmt nicht den Ruf eines Kurortes. Aber ihre Wirtschaft und Wissenschaft hatte Tradition und sie lebte", unterstreicht Jürgen Ude, lehnt sich im Stuhl zurück und lässt diese Feststellung für Sekunden im Raum stehen. Ohne das Gesprächsthema verlassen zu wollen, will sich der stolze Magdeburger einen kurzen, aber nachhaltigen Ausflug in die Historie von Technik und Innovation seiner Heimat nicht verkneifen: "Bevor sich 1857 der Magdeburger Bezirksverband gründete, wurde ein knappes Jahr davor am 12. Mai 1856 der Verein deutscher Ingenieure nicht irgendwo, sondern im von Magdeburg nicht weit entfernten Alexisbad ins Leben gerufen. Na klar war das kein Zufall! Die Region erlebte einen industriellen Aufschwung ohnegleichen. 1855 eröffnete Hermann Gruson in Magdeburg eine Schiffswerft mit Maschinenfabrik und Eisengießerei, die er 1893 an das Krupp-Imperium verkaufte. Unter dem Namen Krupp-Gruson wurde dieses Magdeburger Unternehmen weltbekannt."

Dass Jürgen Ude ein Ingenieur aus Überzeugung ist, merkt man am leidenschaftlichen Redefluss, der natürlich noch auf den Vater aller Magdeburger Wissenschaftler und Macher kommen muss - Otto von Guericke. Sein Ruf in Magdeburg gleicht zwar noch nicht ganz dem anderen Magdeburger Otto, der als Kaiser Otto der Große vor tausend Jahren seine Lieblingspfalz an der Elbe zur dritten Weltstadt neben Rom und Konstantinopel ausbaute, aber er ist unübersehbar und unüberhörbar in der Landeshauptstadt. Der Entdecker des Vakuums und Erfinder wissenschaftlicher Events - sein Halbkugelversuch, bei dem 16 Kaltblüter versuchen, eine luftleere Eisenkugel auseinanderzureißen, ist bis heute ein großes Spektakel - war auch Bürgermeister und Stadtplaner; ein Universalgenie, das Magdeburg zu einem ersten Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung seiner Zeit machte.
Hier führt Jürgen Udes Diskurs wieder in unsere Zeit: "Das Anwenden von Forschungsergebnissen in der Wirtschaft fand ich immer reizvoll." Und das, obwohl sich sein erster Arbeitsplatz nach dem 1985 abgeschlossenen Studium noch nicht ganz danach anhörte - das Staatliche Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung (ASMW). Dann kam in Magdeburg der 9. Oktober 1989, an dem tausende Magdeburger auf dem Domplatz Mut und Stimme fanden, mit der sie feststellten: "Wir sind das Volk!" Aus der Bezirksstadt wurde die Landeshauptstadt, aus dem ASMW das Landesmaterialprüfamt, aus der Technischen Hochschule die Universität Otto von Guericke, aus Jürgen Ude ein Dr. Dipl.-Ingenieur, der praktisch über Nacht neue Wissenschaftler in Hannover und Freiburg kennenlernte: "Eine tolle Zeit, die nicht nur Freiheit atmete, sondern deren Möglichkeiten uns fast erschlugen. Wenn man sie nicht nutzte!" Und Dr. Jürgen Ude wollte sie nutzen. Weniger um endlich richtig Karriere zu machen, sondern um die großen Potenziale seiner Heimat in der Wissenschaft und in der Wirtschaft nicht kaputtgehen zu lassen: "Das wäre nicht nur eines Schande, sondern ein Armutszeugnis gewesen." Nicht mit mir, dachte sich Jürgen Ude und wusste als gelernter DDR-Bürger: nur zusammen sind wir stark! Suchte sich also Mitstreiter, fand sie in ganz Sachsen-Anhalt und stampfte am Industriestandort Harzgerode ein "Creativitäts- und CompetenzCentrum" aus dem Boden. Um ihn herum kämpften vor allem Maschinen- und Anlagenbauer um ihre Existenz und Tausende von Arbeitsplätzen. Ude und seine Partner mischten sich ein, nutzten alte und knüpften neue Kontakte, begeisterten Investoren aus dem alten für das neue Land und gründeten eine Initiative der Automobilzulieferer in Sachsen-Anhalt. "Na klar wurden wir auch belächelt", erinnert er sich: "Wir hatten doch keine Tradition in der Autobranche, wir waren Neulinge!" Heute hat Staunen das Belächeln ersetzt. Seine MAHREG-Initiative hat über 100 Mitgliedsunternehmen, das Land fordert und fördert es als Clusterinitiative für die 250 Zulieferbetriebe mit ca. 18.000 Beschäftigten. Für das Automobilcluster Ostdeutschland hat Jürgen Ude und sein Team die Themenführerschaft für Innovationen aus Aluminium erreicht, und zurzeit baut er in Magdeburg ein neues Institut für AutoMobilität - IKAM - auf. Er hat richtig Karriere gemacht, möchte man ihm zurufen: "Karriere?", überlegt er kurz: "Dieses Wort ist mir noch immer etwas fremd. Ich sage es einfacher - ich hatte Wissen und das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Leute zu treffen. Und dass wir Magdeburger was können, wusste ich auch schon vor 1990. Was draus machen, konnte ich aber erst danach."
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