
Professor Michael Baumann über den Wissenschaftsstandort Dresden und die Möglichkeiten der Strahlentherapie.

Vor 15 Jahren ist Michael Baumann von der Universität Hamburg in die sächsische Landeshauptstadt gekommen, aus Überzeugung: "Ich hatte damals den Eindruck, dass sich gerade in Dresden mit großer Dynamik etwas Neues entwickelt. Ich wusste, dass es hier hervorragende Leute gibt, die viel erreichen wollen, das hat mich sehr gereizt, hier dabei zu sein." Der 47-jährige Mediziner hat seine Entscheidung nie bereut. Inzwischen ist der Professor für Strahlentherapie und Radioonkologie Direktor des Krebszentrums am Uniklinikum. Seit 2004 ist er Sprecher des Zentrums für Innovationskompetenz OncoRay für Strahlenforschung in der Onkologie in Dresden.
Weißer Kittel und dunkles Jackett hängen in seinem Büro direkt nebeneinander, immer griffbereit. Professor Michael Baumann ist nicht nur Mediziner und Forscher, sondern auch Manager. Für ihn ist das kein Widerspruch. "Ich habe mich schon ganz frühzeitig in meiner Karriere entschieden, dass ich Arzt und Wissenschaftler sein will. Das ist etwas, was ich in einem medizinischen Wissenschaftsbetrieb für absolut wichtig halte, um Ergebnisse aus der Grundlagenwissenschaft für die Behandlung von Patienten nutzbar zu machen. Die Managementfunktion ist erst später dazugekommen, die gehört aber meiner Meinung nach dazu. Das geht los bei der Organisation wissenschaftlicher Strukturen und Teams, bei der Beschaffung von Geräten, bei der Rekrutierung talentierten Personals, aber insbesondere bei der Entwicklung von Strategien. Daran muss man auch arbeiten, um wissenschaftlich voranzukommen."
Michael Baumann ist definitiv vorangekommen. Gemeinsam mit einen Kollegen hat er in Dresden einiges bewegt. Das ZIK OncoRay ist das beste Beispiel dafür. Die Voraussetzungen für die Gründung des Zentrums vor fünf Jahren waren ideal. Die Voraussetzungen waren sehr gut, denn die Strahlenforschung war sowohl an der Medizinischen Fakultät als auch an anderen Fakultäten der TU Dresden und im Forschungszentrum Dresden-Rossendorf sehr gut aufgestellt und die Krebsforschung ist ein starker Forschungsschwerpunkt am Uniklinikum in Dresden. Dennoch war der Aufbau von OncoRay nicht immer einfach, erinnert sich Michael Baumann: "Eine Schwierigkeit ist, das Bewusstsein zu schaffen, dass man die Anstrengungen wirklich bündeln muss, dass man interdisziplinär und auch zwischen verschiedenen Forschungseinrichtungen kooperieren muss. Viele tendieren dazu, ihr eigenes, ganz spezifisches Forschungsprojekt in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist auch richtig, jeder Forscher muss von seinem Projekt überzeugt sein. Was aber wichtig ist, wenn man ein Zentrum aufbauen will, das überregionale Wirkung haben und international mithalten soll, dass jeder berücksichtigt, wie das einzelne Projekt mit der Gesamtstruktur und den Zielen dieses Zentrums zusammenpasst." In den letzten fünf Jahren hat sich ein starkes Team bei OncoRay etabliert. Die Wissenschaftler und kooperierenden Unternehmen des Zentrums beschäftigen sich mit der Erforschung und Verbesserung der Strahlentherapie für die Behandlung von Krebserkrankungen. Die Strahlentherapie ist ein sehr effektives Verfahren zur Vernichtung eines Tumors und verringert dadurch auch die Gefahr der Streuung von Metastasen, die gewöhnlich das Endstadium einer Krebserkrankung darstellen. Im Gegensatz zu anderen Verfahren kann die Strahlentherapie nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich exakt gesteuert werden. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von OncoRay werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen.
In absehbarer Zeit, da ist sich Michael Baumann sicher, werden weltweit mehr Menschen an Krebs sterben als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass in den letzten Jahren sehr große Fortschritte bei der Behandlung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen gemacht wurden und die Lebenserwartung insgesamt steigt. Gleichzeitig steigt mit zunehmendem Alter aber das Risiko, an Krebs zu erkranken. "Ältere Patienten sind jedoch immer fitter", ergänzt Michael Baumann, "Jemand, der heute 75 ist und eine Krebserkrankung bekommt, der möchte noch viele Jahre gut leben. Darüber hinaus dürfen wir auch nicht aus den Augen verlieren, dass viele junge Menschen an Krebs erkranken und mehr und mehr organerhaltende Verfahren zur Behandlung eingesetzt werden, die fast immer eine Strahlentherapie beinhalten. Das heißt, wir haben eine zunehmend größere Gruppe von Patienten, die eine exzellente Behandlung für ihre Erkrankung braucht."

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet OncoRay sehr eng mit Partnern aus der Industrie und mit anderen Zentren für Innovationskompetenz zusammen beispielsweise im Projekt onCOOPtics mit dem ZIK ultraoptics in Jena. "In diesem Projekt wollen wir die Grundlagen für eine völlig neue Generation von Strahlentherapiegeräten entwickeln. Die Kollegen in Jena haben eine besondere Expertise bei Hochleistungslasern, die sich hervorragend mit unserer Expertise in der Medizinphysik, Strahlenbiologie und Strahlentherapie ergänzt. Hier können wir auf Laserbasis Strahlen erzeugen, Protonen- und Ionenstrahlen, die Vorteile für Patienten haben", meint Professor Baumann und räumt gleichzeitig ein, dass dies noch viel Zeit braucht: "Das ist nicht etwas, was sich heute jemand überlegt und was schon nächstes Jahr in eine kommerzielle Anwendung geht. Hier braucht man eine langfristige Forschungsstrategie. Dies ist einer der besonderen Vorteile an dem Unternehmen-Region Programm, das uns ermöglicht, mit dem notwendigen Zeithorizont neuartige Verfahren und komplexe Produkte zu entwickeln, die zusammen mit Industriepartnern kommerzialisiert werden sollen."
Seit dem Start von OncoRay haben die Wissenschaftler und auch Michael Baumann viel erreicht. So ist der Erfolg bei der sächsischen Landesexzellenzinitiative eine Anerkennung, die neue Möglichkeiten eröffnet und die Bedeutung des Zentrums in Dresden stärkt. Professor Baumann kann also zufrieden sein. OncoRay ist auf dem richtigen Weg und es gibt noch viel Potenzial auszuschöpfen. Das will der 47-jährige weiter mit aller Kraft versuchen. "Ich möchte gerne sehen, dass wir die konkreten Anwendungen wie die Laserradioonkologie, wie neue Substanzen, die Tumoren strahlenempfindlicher machen und neue diagnostische Methoden, tatsächlich in die Klinik bringen, damit die Patienten davon profitieren. Ich wünsche mir, dass Patienten durch unsere Forschung besser geheilt werden können, dass die Effizienz der Therapie weiter zunimmt, und dass Nebenwirkungen weiter abnehmen. Das wäre das, was ich gerne erreichen will", sagt Michael Baumann und wechselt das dunkle Jackett wieder gegen den weißen Kittel. Er muss los, seine Patienten warten.
Weitere Informationen zum ZIK OncoRay erhalten Sie hier.
(URL: http://www.unternehmen-region.de/de/378.php)