Im Porträt

Die Gestalterin

Wie Dr. Bärbel Voigtsberger ein DDR-Industrieforschungszentrum umgekrempelt und den ersten thüringischen Wachstumskern koordiniert hat.

"Gestaltung" ist ihr Lieblingswort. Doch sie spricht nicht nur darüber, sondern füllt es auch mit Inhalt und das reichlich: Bärbel Voigtsberger ist Geschäftsführerin des Hermsdorfer Instituts für technische Keramik, Vorsitzende des Forschungs- und Technologieverbundes Thüringen, Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen, Sprecherin des Wissenschaftsbeirates der Thüringer Regierung sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Keramischen Gesellschaft und des Vereins Innovativer Unternehmen. Das sind allerdings nur ihre beruflichen Verpflichtungen. Privat hat die 58-jährige promovierte Physikerin zwei Kinder groß gezogen und wird bald zum zweiten Mal Großmutter.

"Wenn man so ein Baby auf die Welt setzt, hat man das Interesse, dieses Baby wachsen zu lassen", erklärt Dr. Bärbel Voigtsberger schmunzelnd. Damit meint sie nicht nur ihre beiden erwachsenen Kinder. Sie meint auch die unternehmerischen Babys, die sie aufgezogen hat. Eins davon ist den Kinderschuhen längst entwachsen und steht fest auf eigenen Füßen: das Hermsdorfer Institut für Technische Keramik. Bis zur Wende hieß es noch Zentraler Forschungsbereich des VEB Keramische Werke Hermsdorf. Bärbel Voigtsberger war schon zu DDR-Zeiten dort beschäftigt. Sie hat den Umwandlungsprozess des Betriebes hautnah miterlebt und entscheidend geprägt. Das war keine leichte Aufgabe für sie: "Mit der Wende kam eine Hoffnung auf Freiheit und unendliche Gestaltungsmöglichkeiten, aber es kam auch eine völlige Orientierungslosigkeit hinzu. Wir mussten erst lernen, was Marktwirtschaft bedeutet. Wir sind von 1990 bis 1992 erstmal durch ein ganz tiefes Tal gegangen. Von 800 Mitarbeitern sind 47 geblieben, mit denen wir dann 1992 angefangen haben, dieses Institut zu gründen."

Ganz oder gar nicht - gehen oder bleiben

Bärbel Voigtsberger wurde Geschäftsführerin des neu gegründeten Hermsdorfer Instituts für Technische Keramik. Mit 41 Jahren einen so verantwortungsvollen Posten zu übernehmen, ist ziemlich mutig. Aber Zweifel kannte sie schon damals nicht: "Wenn man in eine Situation gelangt, wo man die Chance hat, Verantwortung zu übernehmen, kann man sich entweder entscheiden wegzugehen, oder man übernimmt die Verantwortung und gestaltet etwas draus. Und dieses Gestaltungselement, das ist das, was letztlich mir auch ein Stück weit innewohnt: wieder neue Chancen zu suchen und die auch inhaltlich zu gestalten."

Während Anfang der 90-er Jahre viele Menschen aus der Region wegzogen, weil sie meinten, sowieso nichts ändern zu können, blieb die Physikerin in Hermsdorf. Natürlich ist sie in Thüringen stark verwurzelt, hat hier ihre Familie und Freunde, aber das ist nicht der einzige Grund: "Ich habe auch gesagt, es kann ja nicht sein, dass die guten, die leistungsstarken Leute weggehen. Was soll dann hier werden? Es war mir von vornherein klar, dass das kein Konzept sein kann", meint Bärbel Voigtsberger voller Überzeugung. Ihr Konzept hingegen ist aufgegangen. Inzwischen sind in dem Hermsdorfer Institut 120 Mitarbeiter beschäftigt.

Mehr als nur Aufbauhilfe: der erste Wachstumskern in Thüringen

Einen riesigen Schub für das Institut und die gesamte Region brachte der erste thüringische Wachstumskern, der vom BMBF gefördert wurde. Auch an der Geburt dieses Babys war Bärbel Voigtsberger maßgeblich beteiligt. 2001 gründete sie gemeinsam mit anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen die regionale Allianz "fanimat". Der Wachstumskern fokussierte auf die Entwicklung funktioneller Materialien mit dem Schwerpunkt technische Keramik und Glas. Damit sollte nicht nur erhalten werden, was in der DDR aufgebaut wurde, denn in Thüringen hat die Produktion von Keramik und Glas schon seit mehr als 100 Jahren Tradition. In der zweiten Phase wurde aus "fanimat" der Wachstumskern "fanimat-nano", der bis zum letzten Jahr staatliche Förderung erhielt. In Zusammenarbeit mit Keramik- und Mikrotechnik-Unternehmen sind hier nanotechnologische Material- und Beschichtungskonzepte für keramische Komponenten und Systeme entwickelt worden. Die Anwendungsgebiete reichen von der Elektrotechnik und Elektronik über die Optik und Medizintechnik bis hin zur Luft- und Raumfahrt.

"Das Programm war maßgeschneidert für uns", meint Bärbel Voigtsberger, "Es hat für unser Haus eine starke industrielle Verbindung gebracht. Und was besonders erfreulich ist, dass die Unternehmen sich alle Richtung Wachstum entwickelt haben. Schon in der ersten Phase konnten wir nachweisen, dass die Unternehmen überdurchschnittlich im Vergleich zur Branche und zur Region gewachsen sind. Und auch jetzt ist das Wachstum nachweisbar." Die Förderung des Wachstumskerns zeigt in Hermsdorf also nicht nur kurzfristig Wirkung. Das ist Bärbel Voigtsberger sehr wichtig: "Wir haben gezeigt, dass wir eine leistungsfähige Region sind, sowohl was die Materialforschungsseite betrifft als auch die Technologien, insbesondere im Mikrosystemtechnikbereich. Das hat für die Region eine nachhaltige
Bedeutung."

Erfolgsrezepte und Zukunftspläne

Eigentlich könnte sich Bärbel Voigtsberger nun zurücklehnen und auf ihrem Erfolg ausruhen. Die Arbeit am Institut läuft wie am Schnürchen, Aufträge gibt es genug. Die Hermsdorfer kooperieren inzwischen mit den größten Keramikherstellern in Deutschland und Partnern auf der ganzen Welt. Am Institut werden sowohl die Grundlagen des Materials erforscht als auch keramische Produkte für Unternehmen entwickelt und hergestellt. Diese Mischung ist es, die den Erfolg gebracht hat, meint Bärbel Voigtsberger. Ihre Strategie klingt einfach: "Man muss ein Profil haben, man muss gute Mitarbeiter haben, die man motiviert, denen man Chancen eröffnet. Junge Leute können eigene kreative Innovationsfelder entwickeln, also Grundlagenforschung betreiben. Das ist die eine Säule, die andere Säule sind intensive Kontakte mit der Industrie." Das funktioniert am Hermsdorfer Institut für Technische Keramik so gut, dass es demnächst in die Fraunhofer-Gesellschaft aufgenommen werden soll. Ein entsprechendes Konzept haben Bärbel Voigtsberger und ihre Mitarbeiter bereits vorgelegt. Anfang nächsten Jahres fällt die endgültige Entscheidung. Für Bärbel Voigtsberger wäre das der berufliche Höhepunkt, die Vollendung ihres Lebenswerks. Aber sie ist nicht die Frau, die sich dann zur Ruhe setzt. Dafür hat sie zu viel Energie und zu viele Ideen. Stattdessen will sie die Prioritäten ein wenig verlagern: "Ich gehöre nicht zu den Leuten, die denken, ohne sie dreht sich die Welt nicht weiter. Deshalb will ich irgendwann auch einen größeren Schwerpunkt auf die Familie setzen. Das macht unheimlich viel Spaß und hält jung. Das ist mein Konzept für die Zukunft."

Weitere Informationen zum ehemaligen Wachstumskern fanimat nano erhalten Sie hier.


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