
Der Physiker und Proteinforscher Prof. Milton T. Stubbs über seinen Weg von New York über London und Oxford nach Halle (Saale) an das neue Zentrum für Innovationskompetenz HALOmem.

Milton T. Stubbs - dieser Name klingt beim ersten Hören nicht nach Halle an der Saale. Sein Klang führt uns in die Ferne. Wir sehen die Londoner Tower Bridge aus dem Themse-Nebel herausstreben. Und sanft hügelige Landschaften mit genussvoll kauenden Schafen und liebevoll gepflegten Landhäusern - eingetaucht in eine satte orangene Abendsonne. Der immer spürbare Atlantikwind weht feines Salz auf die Zunge. So kann man sich täuschen.
Weder das Saale-, noch das Themseufer hat Milton Stubbs Geburtsort gesehen. Denn New York liegt am Hudson River. In der faszinierenden Glitzer-, Kultur- und Wirtschaftsmetropole lernte er erst krabbeln, dann laufen. Er schaute zu, wie Fischer Welse aus dem Hudson fangen, lernte malen und spielen im Kindergarten und letztlich lesen in "first grade". Was für eine große Welt für so einen kleinen Jungen - wow!
Eine Entscheidung seiner Eltern ändert sein Leben. Ihre Scheidung führt den jungen New Yorker mit seiner Mutter nach London und gleich in die Schule. Von Deutschland aus gesehen scheint dieser erzwungene Schritt nur bedingt dramatisch - die Sprache bleibt und der "American Way of Life" wird sich wohl nicht grundsätzlich vom Leben "in England's green and pleasant land" unterscheiden. Wie man sich täuschen kann. Milton Stubbs muss laut lachen: "Na klar ist London eine Metropole von Welt. Aber verglichen mit New York läuft das angelsächsische Leben viel bedächtiger. Wo New Yorker gern auf lang überlegende, abwägende Gedanken und Diskussionen zugunsten eines fast kindlichen Willens zum Ausprobieren verzichten, geht vielen Einwohnern der britischen Hauptstadt diese unverblümte Offenheit eher ab." Dieses Introvertierte ist für den ABC-Schützen Milton schon fremd. Und dann noch die neuen Wörter seiner Mitschüler für viele Dinge, die er eigentlich anders nennt. Die scheinbar gleiche Sprache und doch eine neue Welt. Milton Stubbs fühlt sich gefordert, will seine Mutter nicht enttäuschen, lässt sich ein auf sein neues Leben.
Das spielt sich vor allem in der Schule ab: "Ich war und bin immer neugierig", sagt er und lächelt dabei sein auch heute noch großes Jungslachen, das ihn um Jahre jünger macht. Dabei setzt sich der ganze Körper in eine scheinbar nicht enden wollende Bewegung, ein rotierendes System, das die Kraft des Drehsessels im Büro komplett mitnutzt. Ein Augenkontakt kommt so oft nur für die Sekunden zustande, in denen die Bewegung zwischen Schreibtisch und Fenster genau einen Blick auf den Gegenüber zulässt. Der aber sitzt.

"Meine Welt um mich herum fand ich schon damals spannend. Natürlich ohne sofort die Naturwissenschaften damit zu verbinden", gibt er zu. Um dann doch gleich kein Geheimnis daraus zu machen, dass er schon mit einer gewissen Freude in die Physik- und Mathematikstunden seiner Schule ging. Was ja bis heute nicht unbedingt selbstverständlich ist. Schmunzelnd gibt er noch eine Überraschung preis: "Ich war der erste Junge in meiner Klasse, der als Austauschschüler nach Deutschland ging. Osterferien am Bodensee - eine ganz andere Welt."
Dass er dennoch nicht Germanistik, sondern Mathematik und Physik zu studieren begann, verwundert nicht wirklich: "Aber Stopp, der Traum vom Mathematikstudium hielt nur ein Semester lang. Mathematik an der Universität mit ihren Abstraktionen und Definitionen blieb für mich zu esoterisch. Und so konzentrierte ich mich auf die Physik." Seinen Bachelor Studiengang schloss er 1983 an der Universität von Durham ab. Um sich gleich anschließend einem Mythos zu nähern: Oxford. Ein Jahr Zeit, um an diesem Ort die unvergleichliche wissenschaftliche Kraft und Kompetenz zu spüren und zu nutzen: "High Power! Die Vielzahl der Wissenschaftler, die in Oxford uns Studenten betreuten. Experten aus der ganzen Welt, die in unvergleichlicher Weise die große Tradition der Universität kennen, aber vor allem täglich ihre Zukunft erarbeiten."
Milton T. Stubbs hält inne. Sein ganzer Körper steht abrupt still, sein Blick ist klar, die Stimme konzentriert entspannt: "Genau diese Situation wollen wir hier in Halle an der Saale erreichen. Angemessen kleine internationale Arbeitsgruppen, die intensiv mit den wissenschaftlichen Leitern kommunizieren und ihre Forschungen zügig und professionell durchführen. Die technische Infrastruktur an unserem Institut für Biochemie und Biotechnologie der Martin-Luther-Universität ist hervorragend, die Voraussetzungen für Weltklasse sind da. Jetzt kommt es auf uns an!"
Bevor er seinen Hallenser Traum weitererzählen will, unterbricht ihn sein eigener Blick zurück und führt die Gedanken noch einmal nach England. Die Vielfalt der Möglichkeiten in Oxford steckt seine Phantasie an, setzt eine unglaubliche Kreativität in ungeahnte Bewegung. Der atemberaubende technische Fortschritt in den 1980er Jahren, das durchstartende Computer-Zeitalter bringt neben den technologischen Forschungsgebieten auch wieder philosophische Fragen auf die wissenschaftliche Tagesordnung. Seinen Doktor der Philosophie macht er am Oxforder Institut für molekulare Biophysik. Seine Leidenschaft für das Fächer übergreifende Verbinden von Forschungen in der Physik, der Biologie, der Chemie sowie der Medizin und das Anwenden der gemeinsam erreichten Ergebnisse zum Beispiel bei der Behandlung bisher nicht heilbarer Krankheiten war endgültig entfacht.
Dann der erste Aufenthalt als Wissenschaftler in Deutschland, genauer gesagt, zu dieser Zeit noch die alte Bundesrepublik - Martinsried, Bayern. Milton Stubbs: "Die ersten Wochen waren richtig hart. Außerhalb des Max-Planck-Instituts für Biochemie wurde ein Deutsch gesprochen, das ich nicht kannte. Die bayrische Herzlichkeit war deutlich anders, als es manche Klischees behaupten. Es waren einsame erste Wochen in Deutschland." Die aber ins Land und vorbei gingen. Insgesamt sieben Jahre arbeitete er in Martinsried beim Chemie-Nobel-Preisträger Robert Huber und spezialisierte sich immer weiter auf dem Gebiet der Röntgenstrahlkristallografie. Heute denke er gern an diese Zeiten zurück, wischt er jede Wehleidigkeit vom Tisch: "Sie waren vielleicht meine glücklichsten Jahre, ich habe enorm gelernt - für meine Arbeit, aber vor allem für mein Leben."

Rainer Rudolph - diesen Namen erwähnt Milton Stubbs nicht nur einmal. Bis zum Dezember 2009 waren sie Kollegen an der Martin-Luther-Universität Halle / Wittenberg. Prof. Dr. Rudolph leitete den Bereich Technische Biochemie am gleichen Institut, ihre Zusammenarbeit war seit Jahren intensiv und anregend. Rainer Rudolph starb völlig unerwartet im Dezember 2009.
Ein erster Kontakt, der Milton Stubbs Lebensweg ungeahnt nachhaltig ändern sollte, kam 1997 zustande. Stubbs war in dieser Zeit unbefristet und voller Arbeit am Institut für Pharmazeutische Chemie an der Universität Marburg Chef der Röntgenstrahlkristallografie - Forscherherz, was willst du noch mehr?
Eine mögliche Antwort auf diese noch nicht gestellte Frage begann sich in Milton Stubbs Kopf Silbe für Silbe zu entwickeln, als ihn Rainer Rudolph zu einem Vortrag nach Halle (Saale) einlud. Ja, er habe diesen einen Tag noch deutlich vor Augen, bemerkt er ohne jede Sentimentalität: "Die Stadt war keine Liebe auf den ersten Blick. Aber tief eingeprägt haben sich mir Personen und Gespräche, Inhalte und Wünsche an diesem einen Tag. Das war eine Aufbruchsstimmung, die mich berührte und begeisterte."
Offensichtlich war nicht nur er von dieser Begegnung beeindruckt. Rainer Rudolph und sein Team konfrontierten ihn nur wenige Monate später mit der Frage, ob er sich vorstellen könne, künftig im nahen Osten Deutschlands zu forschen. Die sich schon entwickelnde Antwort brauchte nicht mehr viel Zeit, um zur Entscheidung zu werden. Ein erstes Vorstellungsgespräch stellte schon 1998 die Weichen für Milton Stubbs, dem New Yorker aus London, in die Saalestadt. 2001 dann die Berufung an die über 500-jährige Hallenser Universität, Umzug und Neustart in Sachsen-Anhalt: "Ich kam genau zum richtigen Zeitpunkt hierher. So viel Raum für Neues, eine Geräteausstattung vom Feinsten, Mitarbeiter und Studenten, die mir signalisierten, dass hier etwas wächst, dass wir zusammen viel erreichen wollen." Milton Stubbs hatte eine solche intensive Kooperation seit Jahren nicht mehr erlebt. Für ihn sei Halle der ideale Ort für seine Arbeit, betont er so nachdrücklich, dass es beeindruckt. Die hier schon aufgebaute und sich weiter entwickelnde Kompetenz in der Proteinforschung hat diesem Wissenschaftsstandort ein deutliches Profil gegeben: "Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung hat viele Gründe.", sagt Milton Stubbs, um vielsagend hinzuzufügen: "Ein ganz wichtiger aber ist, dass wir hier keine Diven haben. Wir sind ein Team, jeder hat seine Stärken, die nutzen wir für unsere Ziele." Er betone das deshalb, weil er auf seinem wissenschaftlichen Weg nach Halle (Saale) immer wieder "divenhafte" Forscher traf, die Tempo und Leidenschaft eines Teams merklich bremsen können.
Mit seiner Frau, einer echten Hallenserin, und seinen Kindern gönnt er sich an den Wochenenden richtig freie Stunden, in denen durch Halles gut erhaltene und wunderbar restaurierte Altstadt geschlendert wird. Oder hinaus an die Saale in die Parklandschaft der Peißnitz-Insel. Da ist wieder sein großes Jungslachen: "Es ist schön hier. Ich fühle mich richtig wohl." So spricht wohl jemand, der angekommen ist, zu Hause.
Und von seinem Traum wird er in den nächsten Monaten an der kalifornischen Universität von Berkeley vielen erzählen. Bei einem Forschungsaufenthalt dort will er die Möglichkeiten der Elektronenmikroskopie weiter austesten. Um bei dieser Gelegenheit von einer ostdeutschen Stadt und ihrer Universität, von seinem Team und einem ganz besonderen Aufbruch zu berichten: "Noch müssen wir die Anderen von Halle (Saale) überzeugen. Aber das kann sich schnell ändern", da ist sich Milton Stubbs sicher.
Früher musste ein Junge aus Halle an der Saale nach London ziehen, um mit seinem Können eine Musik zu schaffen, die ihn weltberühmt und zum Engländer machte. Er hieß Georg Friedrich Händel. Heute ziehen Engländer nach Halle (Saale), um mit ihrem wissenschaftlichen Talent unser Leben Schritt für Schritt zu verbessern. Was für eine Zeit!
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(URL: http://www.unternehmen-region.de/de/2998.php)