
Dr. Gero Strauß - Oberarzt des HNO-Universitätsklinikum, Leipzig - über persönliche Chancen und die Zukunft der Computerassistierten Chirurgie.

Er ist Oberarzt in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Leipziger Uniklinikums, Direktor des Internationalen Referenz- und Entwicklungszentrums für chirurgische Technologie in Leipzig, mit 38 Jahren jüngster Präsident der Internationalen Gesellschaft für Computerassistierte Chirurgie und Vorstandsmitglied im Zentrum für Innovationskompetenz für Computergestützte Chirurgie. Wie schafft der Familienvater das alles? "Die Antwort ist relativ einfach", meint Gero Strauß vergnügt, "Wenn es Spaß macht, dann macht man das natürlich gerne."
In dieser prunkvollen Leipziger Gründerzeitvilla macht es mit Sicherheit Spaß, zu arbeiten. Einst lebte hier Familie Baedeker, die Herausgeber der allseits bekannten Reiseführer. Heute verbirgt sich in dem altehrwürdigen Haus das Modernste, was die Medizintechnik zu bieten hat. Hier ist der Sitz des jüngst eröffneten International Reference and Development Centre for Surgical Technology, kurz IRDC. Dr. Gero Strauß, der Chef des Hauses, zeigt als erstes seinen ganzen Stolz: einen Hightech-OP mit riesigen HD-Bildschirmen, auf denen jeder chirurgische Eingriff gestochen scharf wiedergegeben werden kann. Ein Navigationssystem hilft bei minimal-invasiven Operationen, alles ist computergesteuert und über Touch-Screens bedienbar. Solch ein Operationssaal ist weltweit einzigartig. Der Medizingeräte-Hersteller Karl Storz und dessen Partner haben das Zentrum technisch ausgestattet. Das IRDC ist keine normale Klinik, sondern hier werden modernste chirurgische Technologien erprobt und entwickelt. Für Gero Strauß ist klar, dass Leipzig den Zuschlag dafür bekommen hat, weil ICCAS hier Pionierarbeit geleistet hat.
ICCAS ist das Zentrum für Innovationskompetenz für Computerassistierte Chirurgie. Dessen Gründung im März 2005 eröffnete Gero Strauß völlig neue Perspektiven: "Es ist ja die Zeit des Berufslebens, wo man selber sucht oder auch angefragt wird und es war jedes Mal so, dass die Bedingungen in Leipzig durch ICCAS haushoch besser waren. Das kann man getrost als Erfolg verbuchen. Das geht nicht nur mir so, sondern auch vielen anderen Mitarbeitern im ICCAS, dass das tatsächlich eine Karrierechance war."
Gero Strauß ging also nicht an eines der großen Zentren für Computerassistierte Chirurgie in Boston, London oder Tokio. Stattdessen blieb er in Leipzig und half mit beim Aufbau von ICCAS.
Das war beruflich ein Glücksfall für ihn, aber auch privat, denn der Leipziger konnte seiner Heimatstadt treu bleiben. Schließlich lebt hier seine Familie; die Eltern, seine Frau und die beiden Kinder. Hier sind seine Wurzeln. In dieser Stadt hat er als Abiturient die friedliche Revolution miterlebt. Gemeinsam mit Tausenden Leipzigern ging er damals auf die Straße, um gegen das DDR-Regime zu demonstrieren. "Das gibt es wahrscheinlich nur einmal im Leben, dass so viele Menschen mit einem Ziel vereint sind und sagen: Das wollen wir jetzt und das wollen wir alle zusammen. Das hat uns sicher sehr geprägt, diese einzigartige Chance." Dass er 16 Jahre später als erfolgreicher HNO-Chirurg mithilft, ein Innovationszentrum für Computerassistierte Chirurgie aufzubauen, hätte er sich damals sicher nicht träumen lassen.

Heute forschen im Zentrum für Innovationskompetenz ICCAS mehr als 30 Informatiker, Chirurgen und Ingenieure aus aller Welt. Sie beschäftigen sich mit der Analyse chirurgischer Arbeitsabläufe und der Gestaltung chirurgischer Assistenzsysteme. Außerdem untersuchen sie die Effekte der Automatisierung bei der chirurgischen Arbeit. Die Ziele sind hoch gesteckt. Computergestützte Chirurgie soll mehr Sicherheit für die Patienten bringen und die Komplikationsraten weiter senken. Gleichzeitig sollen durch geringere Operationszeiten Kosten gespart werden. Das klingt alles sehr vielversprechend; aber vor allem klingt es so, als würde der Chirurg irgendwann nur noch im Kontrollraum sitzen und Knöpfchen drücken. Doch die Gefahr sieht Gero Strauß nicht: "Wir haben wirklich das große Glück, dass wir geniale Ingenieure im Projekt haben, die uns auch mal bremsen, wenn wir zu euphorisch Sachen fordern und wünschen. Und andererseits brauchen die auch Vollblut-Chirurgen, denn es macht keinen Sinn, sich beraten zu lassen von Leuten, die technikgetrieben sind, die einfach gerne große Maschinen im OP haben. Da gab es zu viele Fehlentwicklungen. Es gibt Eingriffe, wo man sagen muss: Um Gottes willen, nicht so viel Technik! Es wäre schlimm, wenn wir als Chirurgen von diesem Weg abkommen." Genau dieser lebendige Austausch zwischen Ingenieuren und Chirurgen zeichnet ICCAS aus. Hier haben Techniker und Mediziner eine gemeinsame Sprache gefunden, was nicht gerade einfach ist. "Wir haben lernen müssen, diese Sorgfalt zu verstehen, die Kritik auch zu verstehen, die die Ingenieure manchmal haben", meint Gero Strauß, "Und die wiederum haben lernen müssen, diese Heißblütigkeit und diesen dringenden Wunsch, schnell was ändern zu wollen, zu kanalisieren. Da gibt es also ein ständiges Wechselspiel, was auch Spaß macht, wenn man es einmal geschafft hat, sich zu vertrauen."
Die Arbeit bei ICCAS bedeutet viel für Gero Strauß. Er sieht seinen Erfolg eng verbunden mit dem Erfolg des ZIK. In den nächsten Jahren würde er ICCAS gerne noch sichtbarer machen und noch mehr Berufskollegen von den Vorteilen der Computerassistierten Chirurgie überzeugen. Doch bei aller Begeisterung für die Technik wird Gero Strauß auch immer Chirurg bleiben. Die Patienten stehen für ihn an erster Stelle. Er schaltet die Computer in dem Hightech-OP aus, leise schließt sich die automatische Glastür hinter ihm. Für heute hat er Feierabend, die Familie wartet. Aber schon morgen geht es weiter, denn Gero Strauß hat sich noch viel vorgenommen: "Ich würde es gerne schaffen, dass wenn man am Ende des Berufslebens steht, dass man dann etwas erreicht hat, wo sich wenigstens ein, zwei Leute daran erinnern und sagen: Mensch, das haben die auf den Weg gebracht. Das fände ich das Wichtigste."
Weitere Informationen zum Zentrum für Innovationskompetenz ICCAS finden Sie hier.
(URL: http://www.unternehmen-region.de/de/376.php)