Im Blickpunkt

Aus alt wird wertvoll! Technologien aus Mitteldeutschland sollen aus Kunststoffmüll neue Wachsprodukte machen

Jedes Jahr werden in der Europäischen Union fast 50 Millionen Tonnen Kunststoffe verarbeitet. Etwa 25 Millionen Tonnen gebrauchte Kunststoffe entstehen jährlich als Abfall in den Staaten der EU. Allein in Deutschland fallen pro Jahr 4,8 Millionen Tonnen Kunststoffe als Müll an. Davon werden heute nur noch 100.000 Tonnen deponiert.

4,7 Millionen Tonnen können durch moderne Technik verwertet werden – den weitaus größeren Teil nutzt man durch Verbrennung zur Herstellung von Wärme und Strom, aber auch in der Bauindustrie bei der Produktion von Zement. Der Rest gelangt durch Recycling in eine tatsächliche Wiederverwertung der chemischen Wertstoffe für neue Produkte.

Irina Bremerstein von der Multiport GmbH im sachsen-anhaltinischen Bernburg machte auf einem Innovationsforum „netzwerk WACHSE“ in Halle an der Saale diese Situation durch einige Beispiele deutlich: „Wir verarbeiten unter anderem pro Jahr bis zu 25.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus Polyethylen und Polypropylen. Diese stammen überwiegend aus gebrauchten Folien, Rohren und Behältern aus Industrie, Haushalt und Landwirtschaft sowie von Kunststoffelementen in Autos und aus der Elektrotechnik.“ Aus diesem Müll stelle ihr Unternehmen in Bernburg jährlich bis zu 21.000 Tonnen Granulat her, mit dem zum Beispiel Kabelkanäle beim Bahnbau oder auch Wasserrinnen neu produziert werden.

Welche Wachs- und Paraffinprodukte aus den wertvollen und begehrten Kunststoffabfällen technisch einwandfrei und marktgerecht entwickelt werden können – diese Frage stand im Zentrum des Fachsymposiums des Steinbeis-Zentrums in Halle/S. Mehr als 50 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung diskutierten vor allem über die Chancen, dafür in Mitteldeutschland eine neue Wertschöpfung aufzubauen.
Die mitteldeutsche Wirtschaftsregion rund um Halle ist nicht nur aus Tradition der chemischen Industrie und der Produktion von Kunststoffen verbunden. Eine kontinuierliche Forschung und die Erfordernisse des Marktes führten und führen auch immer wieder zu innovativen Produkten und Technologien.

Heute ist das Ende des Erdölzeitalters absehbar. Für viele Produkte der chemischen Industrie und der Kunststoffverarbeitung hat die Suche nach alternativen Rohstoffen und neuen Herstellungsverfahren mit Hochdruck begonnen. Das betrifft auch die Produktion von Wachsen und Paraffinen – chemisch gesagt Stoffe aus Kohlen- und Wasserstoff (Alkane) –mit denen unter anderem Kerzen hergestellt, Papier beschichtet, Gummi weicher und diverse Pflege- und Poliermittel geschmeidiger gemacht werden. Bisher werden als Ausgangsstoff dafür hauptsächlich Produkte der Erdölindustrie gebraucht.

Irina Bremerstein ist Expertin für Sortierung und Aufbereitung von Kunststoffabfällen in Bernburg.

Um den eigenen Blick in die Zukunft schärfen zu können, macht ein Blick zurück fast immer Sinn. Den unternahm Dr. Johann Utzig: „Schon 1830 gewann Karl Reichenbach bei der Destillation von Buchenholzteer einen Stoff, der bis dahin unbekannt war und heute unter dem Begriff Paraffin weltbekannt ist. Dann ging es Schlag auf Schlag – 1839 wurden auf der Pariser Weltausstellung Paraffine und Wachse aus Schieferteer gezeigt. Besonders in Mitteldeutschland nahm die Teerindustrie im 19. und 20. Jahrhundert einen enormen Aufschwung. In Hochzeiten produzierten in dieser Region bis zu 14 Unternehmen.“ Nach seinen Angaben standen die Wissenschaftler auch in der DDR vor der Herausforderung aus Nebenprodukten der Erdölindustrie, aber auch aus Braunkohleprodukten, Paraffine und Wachse herzustellen und entwickelten dafür neue Verfahren. Patentiert wurden sie bereits zu Beginn der 1980er Jahre. Ein Schwerpunkt der Forschung und Entwicklung war zum Beispiel das Paraffinwerk in Webau.

Neuer Schwung kam zu Beginn der 1990er Jahre in die Technologieentwicklung zur Produktion von Paraffinen und Wachsen. Johann Utzig gehörte dabei zum Erfinder des „Parak“-Verfahrens. Damit können unter anderem chemisch belastete Kanister und Fässer, vereinfacht gesagt, durch Schmelzen und einem sich anschließenden Vakuumverfahren zu Paraffinen verschiedener Konsistenz verarbeitet werden. Eine entsprechende Versuchsanlage wurde 1997 in Webau in Betrieb genommen.

Heute haben sich Dr. Uwe Sauermann und Markus Klätte vom Halleschen Steinbeis-RTM-Zentrum ein neues Ziel gesetzt: „Auf der Basis der Forschungen und Erfindungen von Dr. Utzig und in Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik (IWMH) sowie dem Kunststoffkompetenzzentrum Merseburg-Halle/S. werden wir die aktuellen Technologien zur Paraffinherstellung und deren Produkte bewerten. Um dann mit den Unternehmern der Recyclingwirtschaft und den Produzenten von Wachsen und Paraffinen im Mitteldeutschen Raum ein Netzwerk Wachse zu entwickeln. Zusammen wollen wir einen Technologiesprung für wertvolle marktgerechte Produkte erreichen.“

Eingesetzt werden Paraffine und Wachse heute auch in der Bauwirtschaft beispielsweise durch Beimischen in Bitumen. Ein zukunftsträchtiges Einsatzfeld bildet die Speicherung von Wärme und Kälte, da sind sich Uwe Sauermann und Markus Klätte fast sicher. Schon heute werden Paraffine als latente Wärmespeicher in Tanks von solarthermischen Anlagen eingesetzt. Oder auch im Automobilbau sowie in modernen Baustoffen, wo es immer mehr um den effizientesten Einsatz von Energie geht: „Kunststoffmüll ist kein Abfall. Es ist unser Rohstoff für Innovation!“ wagen die beiden ihren Blick nach vorn.

 

Weitere Informationen zum Innovationsforum "netzwerk WACHSE" finden Sie hier.


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