
Das Krankenhaus im anhaltischen Zerbst ist ab sofort an das telemedizinische Netzwerk in Sachsen-Anhalt angeschlossen. Damit haben Schlaganfallpatienten in dieser Region eine deutlich verbesserte Chance auf schnelle professionelle Diagnose und Therapie.
Juliane Krause koordiniert die TASC-Initiative an der Otto von Guericke-Uni Magdeburg.
Beim Schlaganfall geht es um Minuten. Oft sind nur Millimeter kleine Gerinnsel in den Blutgefäßen, die verhindern, dass unser Gehirn ausreichend mit Blut versorgt wird, der Auslöser für diese lebensbedrohende Situation. Wenn dieser "ischämische Infarkt" festgestellt wird, dann gibt es heute mit der Thrombolyse eine Therapie, die langwierige oder sogar lebenslange Schädigungen unserer Körperfunktionen verhindert.
Diese Therapie kann aber nur während der ersten vier Stunden nach dem Schlaganfall angewendet werden. Dabei wird ein Medikament direkt in die Blutbahn geleitet, das mithilfe von Enzymen das Gerinnsel auflöst bzw. notwendige körpereigene Enzyme wieder aktiviert. Anwenden dürfen diese Behandlung aber nur besonders spezialisierte Ärzte.
Sie finden sich in Sachsen-Anhalt vor allem in zurzeit vier "Stroke Units". Diese Intensivstationen für Schlaganfallpatienten sind rund um die Uhr mit Fachärzten und modernster Technik ausgestattet. Vorreiter dabei war und ist das Universitätsklinikum in der Landeshauptstadt Magdeburg.
Dr. Michael Görtler leitet die Magdeburger "Stroke Unit": "Nur rund acht Prozent der Schlaganfallpatienten in Deutschland werden zurzeit mit der Thrombolyse therapiert. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Aber in einem Land, wie Sachsen-Anhalt, können wir vor allem zwei Gründe definieren - die Entfernung aus dünn besiedelten Regionen zum nächsten Facharzt bzw. zur nächsten Stroke Unit."
Hier setzt die Idee des Projektes TASC (Telemedical Acute Stroke Care) ein. Die Projektkoordinatorin Juliane Krause erläutert die Innovation so: "Mithilfe modernster Telemedizin wollen wir diese für die Patienten unbefriedigende Situation verbessern. Konkret heißt das zum Beispiel für einen Schlaganfallpatienten in der Region Anhalt, dass er nicht erst mit einem anstrengenden und aufwendigen Transport nach Magdeburg oder Bernburg gebracht werden muss, sondern jetzt im Krankenhaus Zerbst optimal diagnostiziert und therapiert werden kann."
Dr. Stefan Lübke ist seit 1998 leitender Chefarzt des Zerbster Krankenhauses der Medigreif-Gruppe.
Dabei helfen Kamerabilder und Patientendaten, die in Echtzeit via sicherer Datenleitung von Zerbst in die Magdeburger "Stroke Unit" übertragen werden. Zusammen mit den Magdeburger Experten führt der Arzt in Zerbst die erforderlichen Diagnosen und Behandlungen durch. Der Patient bekommt eine erstklassige Akutbehandlung vor Ort - bis hin zur Thrombolyse.
Dass die TASC-Initiative eine Erfolgsgeschichte zu werden scheint, hat sich bei den Fachleuten in Sachsen-Anhalt herumgesprochen. So hat sich inzwischen um das Kompetenzzentrum am Magdeburger Universitätsklinikum eine Reihe von "Satellitenkliniken" in Gardelegen, Halberstadt, Stendal, Aschersleben und jetzt auch in Zerbst angeschlossen. Voraussichtlich ab Juni dieses Jahres wird das Krankenhaus in Burg ebenfalls Netzwerkpartner sein. Bei Auslastung der Magdeburger "Stroke Unit" stehen die Experten im Krankenhaus Bernburg für die "Satellitenkliniken" bereit.
Wenn es gelänge, die Thrombolyse-Therapie auf rund 20 Prozent der Schlaganfälle zu erhöhen, so formuliert es Dr. Michael Görtler, könnten jährlich bis zu 200 Millionen Euro für Pflege bedürftige Schlaganfallpatienten eingespart werden - weil der Patient selbstbestimmt weiterleben könne und keine Pflege braucht. Nach seinen Informationen konnten durch das telemedizinische Schlaganfall-Netzwerk seit Beginn im Dezember 2008 bis heute 163 Patienten behandelt werden. Davon waren rund 75 Prozent Schlaganfälle. Etwa 40 Prozent dieser Patienten konnten mit der Thrombolyse therapiert werden - das ist mehr als doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt.
Diesem Ziel sieht sich auch Dr. Stefan Lübke, Leitender Chefarzt in Zerbst, verpflichtet: "Für unsere Patienten ist das heute ein guter Tag. Ab sofort bietet unser kleines Krankenhaus - das aber sehr typisch für viele Kliniken in der Bundesrepublik ist - durch die Telemedizin modernste Diagnose und Therapie an, die nach einem Schlaganfall hilft Lebensqualität zu sichern bzw. Leben zu retten."
Dabei ist die TASC-Initiative nicht etwa ein rein medizintechnisches Projekt. Nach Angaben von Juliane Krause wird das gesamte Vorhaben betriebswirtschaftlich begleitet, um machbare Geschäftsmodelle aus diesen Analysen heraus zu entwickeln. So werde man zusammen mit der AOK Sachsen-Anhalt im Frühsommer eine Studie vorstellen, die den Stand des telemedizinischen Schlaganfall-Netzwerks zwischen Elbe, Harz und Saale umfassend analysiert.
Und die innovativen TASC-Macher lassen ihre Gedanken bereits zu neuen Fragen vorstoßen. Im Mittelpunkt dabei steht die Erstversorgung der Schlaganfallpatienten vor der Einlieferung in die Klinik - also im Rettungswagen. Aufbauend auf erste Ergebnisse des ASTER-Innovationsforums 2009 in Magdeburg sollen hier von der ersten Diagnose- und Therapieminute an Verfahren entwickelt werden, die den Schlaganfall nicht zur lebenslangen Geißel für den Patienten werden lässt.
Nähere Informationen zum ForMaT TASC finden Sie hier.
(URL: http://www.unternehmen-region.de/de/3569.php)