Im Blickpunkt

Technik, die nicht nur Chirurgen begeistert: der Demo-OP 2.0

Mehr Sicherheit bei Operationen, das ist Ärzten und Patienten gleichermaßen wichtig. Doch im Klinikalltag sind längst nicht alle technischen Möglichkeiten umgesetzt. Informatiker, Ingenieure und Chirurgen am Leipziger Innovation Center Computer Assisted Surgery (ICCAS) wollen das ändern. Ihre Ideen haben sie nun erstmals in einem neuen Hightech-Operationssaal demonstriert.

Wie die ICCAS-Wissenschaftler demonstrierten, werden sämtliche Bilder der Raumüberwachungskameras im OP-Saal in dem neuen Surgical-Black-Box-System gespeichert.

Die Beleuchtung erinnert ans Theater. Große, schwenkbare LED-Scheinwerfer hängen von der Decke des Demo-OP 2.0 von ICCAS. Im Rampenlicht steht eine schwarze Kunststoff-Liege, daneben sitzt der Chirurg. Er zieht den edelstahlglänzenden Versorgungsarm auf die richtige Position, an den er verschiedene Operationsgeräte anschließen kann. Ein Patient liegt allerdings noch nicht bereit und Professor Gero Strauß trägt keinen grünen Kittel, sondern einen eleganten grauen Anzug. Schließlich ist heute ein besonderer Tag. Zum ersten Mal wird der Öffentlichkeit der neue Demo-Operationssaal am ICCAS präsentiert.

Mehr als zwei Millionen Euro stecken in dem mit modernster Technik ausgestattetem Raum. Selbst die Klimatisierung funktioniert nach einem neuen Konzept: Statt vertikal bewegt sich die Luft horizontal. So wird der Luftstrom nicht mehr durch Geräte gestört. Wichtige Utensilien liegen auf einem Gerätewagen, der sich per Knopfdruck über Schienen an der Decke durch den Raum bewegen lässt. Während des Eingriffs wird der Chirurg jederzeit mit Informationen über den Patienten und den Verlauf der Operation versorgt. Die kann er auf einem in Karbon gehüllten HD-Monitor verfolgen, dem so genannten Onboard Information Display.

Die Black Box im OP

Damit die technischen Abläufe und die Arbeit des Chirurgen während einer Operation genau nachvollziehbar sind, haben ICCAS-Ingenieure und Informatiker ein Surgical Black-Box-System entwickelt. Wie bei einer Black Box im Flugzeug sind hier sämtliche Geräte im Operationssaal und die Raumüberwachungskameras angeschlossen. Alle Daten werden von dem System gespeichert und können als Qualitätskontrolle oder auch zu Lehrzwecken genutzt werden. Geplant ist, künftig mehrere OP-Säle über ein zentrales Leitsystem wie in einem Flughafentower zu überwachen. Schon ab Januar 2012 wird an der Vernetzung der Operationsräume des Leipziger International Reference and Development Center (IRDC), der HNO und Neurochirurgie des Uniklinikums Leipzig sowie des Demo-OP 2.0 gearbeitet.

Die Black Box ist außerdem mit dem von ICCAS entwickelten Workflow Management System verbunden. Ähnlich einem Navigationssystem im Auto werden dem Operateur während des Eingriffs auf einem Monitor aktuelle und künftige Arbeitsschritte sowie damit verbunden Risiken angezeigt. Dieses Surgical Management and Guidance System soll ihm die Arbeit erleichtern, die Sicherheit erhöhen und Zeit sparen. An der Entwicklung dieses Systems arbeiten Dr. Thomas Neumuth und sein Team. Neumuth leitet die Gruppe „Modell basierte Automation und Integration“.

Um eine umfassende Verknüpfung verschiedener Daten und Geräte im OP überhaupt zu ermöglichen, sind bestimmte Standards für Software und Technik notwendig. Darum kümmern sich am ICCAS Professor Heinz Lemke und seine Arbeitsgruppe. Sie haben bereits neue internationale Standards im Bereich der Implantation eingeführt.

Gute Planung ist der halbe Erfolg

Bereits vor einem Jahr hatten die ICCAS-Wissenschaftler eine intelligente Planungseinheit für chirurgische Eingriffe entwickelt, die Surgical Planing Unit (SPU). Nun haben sie ihr Konzept weiterentwickelt und die SPU wird in Kürze in der Onkologie des Leipziger Uniklinikums zum Einsatz kommen. Dort werden sich Ärzte verschiedener Fachrichtungen vor einer Operation treffen, um über den Eingriff zu beraten. Auf großen Displays können sie Patientendaten und dreidimensionale Bilder der zu operierenden Körperregionen abrufen. Auf diese Weise sind insbesondere riskante Operationen viel besser planbar, wie Professor Jürgen Meixensberger, Sprecher des ICCAS-Vorstandes, betont.

Und auch der Demo-OP 2.0 soll so bald wie möglich in die Kliniken gelangen. „Es ist der Operationssaal von übermorgen“, erläutert Gero Strauß bei der Präsentation. Doch schon jetzt arbeitet das ICCAS-Team an der klinischen Umsetzung des Konzepts.



Weitere Informationen zum Zentrum für Innovationskompetenz ICCAS finden Sie hier.


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