Im Blickpunkt

Der Berg bewegt sich

Wenige forschungsstarke Großunternehmen, dafür viele KMU und zum Teil exzellent ausgestattete Hochschulen, die mal mehr, oft aber weniger gut kooperieren: Der Befund gilt für viele ostdeutsche Regionen – und er ist alt. Das Forschungsprojekt zum Technologietransfer, das jetzt an der BTU Cottbus präsentiert wurde, ist dagegen völlig neuartig.

Den Wirtschaftspartnern auf der Spur: GIB-Geschäftsführer Professor Carsten Becker, BTU-Präsident Professor Walther Christoph Zimmerli, BMBF-Referatsleiter Hans-Peter Hiepe und der Lehrstuhlinhaber für Produktionswirtschaft an der BTU, Professor Dieter Specht (v.l.n.r).

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen. Der Berg, das ist die Brandenburgische Technische Universität Cottbus: Mit über 7.000 Studierenden und rund 700 Wissenschaftlern ist die BTU ein Schwergewicht in der Region, dank klarer Profilbildung und überdurchschnittlicher Ausstattung auch überregional sichtbar, aber – wie so viele Hochschulen – bisweilen ein Stück zu weit entfernt von den Propheten. Und das sind die vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Sie sind meist Spezialisten in engen technologischen Nischen. Oft wissen sie genau, welche F&E-Aufgaben heute gelöst werden müssen, um morgen auf den nationalen und internationalen Märkten bestehen zu können – haben aber nicht die nötigen Forschungs- und Entwicklungsressourcen. Bisher kommen die KMUs mit ihren Kooperationsangeboten zur Hochschule; sie stammen allerdings ganz überwiegend aus der Region – eine kritische Masse an Kooperationen wird so nicht erreicht. Und genau das soll nun anders werden.

In ganz Deutschland aufgespürt

Das Forschungsprojekt, das am 25. Januar 2012 in Cottbus präsentiert wurde, hat die „Zukunft des Technologietransfers in strukturschwachen Regionen“ im Visier. Gemeinsam mit ihrem Partner, der Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung (GIB), arbeitet die BTU an einem Transferkonzept, das sich speziell an kleine und mittlere Unternehmen wendet – und das potenzielle Wirtschaftspartner nicht mehr nur in der Region finden, sondern gezielt in ganz Deutschland aufspüren soll.

„Die BTU muss die Chance nutzen, selbst unternehmerisch tätig zu werden“ fordert Professor Walther Christoph Zimmerli. Der BTU-Präsident freut sich zwar über eine herausragende Drittmittelquote, weiß aber auch, dass die BTU „nicht aus einer Position der Stärke heraus“ handelt, wenn sie nun nach neuen Wegen zu neuen Aufträgen sucht.

Ein Vorbild für andere Universitäten

Für Hans-Peter Hiepe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) führt der Weg zu mehr Wirtschaftskooperationen nur über ein scharf profiliertes Forschungsangebot: „Die Universitäten müssen sich auf spezifische Zielkunden konzentrieren. Jedem alles bieten zu wollen, wird nicht funktionieren“. Daneben sei es wichtig, die Unternehmen ernst zu nehmen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und „ordentliche Geschäftsbeziehungen mit klaren Strukturen“ zu etablieren. Genau dies haben die BTU und ihr Projektpartner GIB vor. „Wir sehen die BTU als permanenten Begleiter und Partner der Unternehmen im Innovationsprozess und gleichzeitig selbst als Akteur in verschiedenen Branchen“, sagt GIB-Geschäftsführer Professor Carsten Becker.

Zwölf Lehrstühle und 15 Unternehmen sind dabei, wenn die Projektförderung voraussichtlich im Frühjahr 2012 beginnen wird. Durch intensive Feldforschung und die enge Einbeziehung der Lehrstühle soll das Projekt auch Modellcharakter  für andere Universitäten in strukturschwachen Regionen haben. Der neue Technologietransfer-Ansatz der BTU wird auch die Universität selbst verändern – so der geradezu prophetische Tenor der Präsentationsveranstaltung. Doch bis zum Projektabschluss im Frühjahr 2014 wartet noch ein gewaltiger Berg Arbeit.


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