Im Blickpunkt

Bus trifft Bahn – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Sie wirkt wie eine futuristische Riesenraupe, zusammengesetzt aus drei modernen Stadtbussen. Ihr Name: AutoTram®, Länge: über 30 Meter, Aufnahmekapazität: fast 260 Leute. Noch ist die Busbahn nur ein Versuchsträger. Doch wenn alles gut geht, wird sie schon in der zweiten Jahreshälfte im öffentlichen Personennahverkehr durch Dresdens Straßen fahren. Das hoffen zumindest die Entwickler des gleichnamigen Wachstumskerns.

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normales Gewerbegebiet in der kleinen thüringischen Gemeinde Nobitz-Ehrenhain. Doch hinter einer Werkshalle des Unternehmens Göppel Bus GmbH verbirgt sich eine spektakuläre Weltneuheit: eine Busbahn mit Hybridantrieb. In den vergangenen Wochen hat sie den letzten Schliff bekommen. Jetzt steht sie beinahe voll funktionsfähig und frisch geputzt in der Halle.

Die Vertreter des Wachstumskerns AutoTram® sind zu Recht stolz auf ihr „Baby“. In nur 36 Monaten haben sie es entwickelt und gebaut. Bei ganz normalen Linienbussen dauert so etwas fünf Jahre. Keine schlechte Bilanz, bedenkt man, dass die Entwickler aufgrund des Antriebsystems und der Ausmaße der AutoTram® einige technische Herausforderungen zu bewerkstelligen hatten. So überlegten sich die wissenschaftlichen Partner des Dresdner Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, wie das riesige Fahrzeug auch beim Lenken die Spur halten kann und nicht ausbricht. Die Lösung für das Problem haben sie sich bei den Raupen abgeschaut. Die kleinen Tiere bilden lange Schlangen, in denen sie dicht hintereinander krabbeln, ohne dass auch nur eine von ihnen aus der Spur läuft. Die technische Antwort auf die natürliche Raupenbegabung ist eine Mehrachslenkung. Viele Monate haben Wissenschaftler damit an einem 18 Meter langen Testfahrzeug mit mehreren Anhängern experimentiert, bis ihnen selbst das Rückwärtsfahren keine Probleme mehr bereitete. Damit der gesetzlich vorgeschriebene Wendekreis eingehalten wird, bekommt die Busbahn ganz hinten im dritten Wagenteil eine zusätzlich angetriebene Lenkachse. Da es eine so spezielle Achse nicht standardmäßig auf dem Markt gibt, haben die Ingenieure diese umgebaut und auf den Busbetrieb angepasst.

Viel bewegen mit wenig Energie

Detailreiche Zeichnungen des neuartigen Fahrzeugs.

Die AutoTram® hat eine hybride Antriebstechnik. Das heißt, in dem Fahrzeug sind ein Dieselmotor mit Generator und zwei Elektromotoren installiert. Die Elektromotoren sind so genannte Traktionsmotoren, welche die Achsen direkt antreiben. Ihre Energie bekommen sie von Lithium-Ionen-Akkus, die durch den Generator des Dieselmotors mit Strom gespeist werden. Über ein ausgeklügeltes zentrales Steuersystem wird, je nach Bedarf, automatisch zwischen beiden Antrieben gewählt. Schließlich soll die Busbahn so energieeffizient wie möglich fahren. Technik und Knowhow für diese so genannten Traktionscontroller kommen von der M&P GmbH, einem mittelständischen Unternehmen aus Dresden. Die Elektromotoren für die AutoTram® hat die Dresdner WITTUR Electric Drives GmbH in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden entwickelt. Eine der Innovationen ist die spezielle Kühlung des Motors: Das Aggregat dafür ist direkt im Motor eingebaut. So werden Rohre gespart und Energieverluste vermieden.

Fit für die Praxis

Schon in der letzten Februarwoche will die DEKRA die ersten Praxistests mit der AutoTram® starten. Auf einem speziellen Gelände werden unter anderem Lenkung und Betriebssicherheit getestet. Besteht sie alle Prüfungen, wollen die Dresdner Verkehrsbetriebe die Busbahn auf drei verschiedenen Strecken zum Einsatz bringen. Dort sind bisher ganz normale Busse unterwegs, die Fahrgastaufkommen von bis zu 36.000 Menschen pro Tag kaum bewältigen können. Die AutoTram® soll Abhilfe schaffen. Ob sie sich in der Praxis bewährt, wollen die Dresdner Verkehrsbetriebe mit verschiedenen Untersuchungen während der Fahrten prüfen. Erst dann wird entschieden, ob das Spezialgefährt dauerhaft zum Einsatz kommt.

Bernhard Schmidt, Geschäftsführer der Göppel Bus GmbH, hat aber auch außerhalb Sachsens schon Interessenten für die AutoTram®: In Istanbul, Indien und China erwarten potentielle Abnehmer mit Spannung den Praxistest in Dresden. Wenn der Versuchsträger AutoTram® in ein paar Jahren zum Serienprodukt weiterentwickelt ist, rechnet Schmidt mit jährlichen Umsätzen von bis zu 40 Millionen Euro und der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die Vision der Wachstumskernpartner hat Form angenommen. Wie es aussieht, kann in dem unscheinbaren Gewerbegebiet der kleinen thüringischen Gemeinde Nobitz-Ehrenhain in aller Stille der Aufschwung beginnen.


Weitere Informationen zum Innovativen regionalen Wachstumskern AutoTram® finden Sie hier.


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