Im Blickpunkt

K.O. der Kaffeekanne

Auf dem 19. Münchner Management Kolloquium erklären ein Thüringer Porzellanhersteller und ein Verfahrenstechniker aus Sachsen-Anhalt, warum ihre Unternehmen innovativer sind als andere, von welchen Ressourcen sie dabei profitieren und wie viel revolutionäres Potenzial in einem Tafelservice steckt.

Es ist der Klassiker im Boxring: Der schnelle Kleine fordert den behäbigen Großen heraus. Geschwindigkeit gegen Masse. Strategie gegen Kraft. Die einzige Chance des Kleinen ist es, seine formalen Unzulänglichkeiten in Stärken umzudeuten. Holger Raithel schaut nicht aus wie ein Boxer. Doch wie viele andere mittelständische Unternehmer in den Neuen Ländern kennt er die Situation, mit Beweglichkeit und Schnelligkeit gegen die Branchengrößten bestehen zu müssen. Seit 2005 ist er geschäftsführender Gesellschafter des Traditionsunternehmens KAHLA/Thüringen Porzellan GmbH. Nach Privatisierung, Konkurs und der Neugründung 1994 produziert Raithel heute mit 300 Mitarbeitern hochwertiges Porzellan für über 60 Länder und freut sich über ein Wachstum gegen den Branchentrend. Doch wie kam es dazu?

Kuschelporzellan an einem einzigen Tag

Doppelte Revolution für Kaffeetrinker: „Kuschelporzellan” von KAHLA und keine Kaffeekanne. (Foto: KAHLA/Thüringen Porzellan GmbH)

„Wir haben uns über Ressourceneffizienz als Trendsetter positioniert“, sagt Holger Raithel auf dem 19. Münchner Management Kolloquium an der TU München. So hat der Unternehmer etwa in eine Photovoltaikanlage und hochmoderne Brennöfen investiert. Doch den rund 150 Zuhörern aus Wissenschaft und Wirtschaft macht Raithel schnell klar, dass er das Thema Ressourcen ganzheitlich auffasst. Dazu gehören für den 39-Jährigen qualifizierte, motivierte Mitarbeiter genauso wie Raum für Visionen und kreative Prozesse. Die unternehmensnahe Günther-Raithel-Stiftung veranstaltet deshalb u.a. den regelmäßigen „Porzellanworkshop“, bei dem Designer, Keramiker und bildende Künstler die gestalterischen Möglichkeiten von Porzellan erkunden. „Es ist enorm wichtig“, erklärt Raithel, „kreative Potenziale nicht zu früh in Richtung konkreter Produkte zu kanalisieren“. Aus dieser Herangehensweise entstehen dann schon einmal Innovationen wie das „Kuschelporzellan“ – samtweich, wärmeisolierend, geräuschdämmend und auch noch spülmaschinenfest. Und – undenkbar bei vielen Großunternehmen: KAHLA liefert individuelle Einzelstücke der „touch“-Serie meist binnen eines einzigen Tages aus.

„Wir machen es wie Pergande!“

Ähnlich rasante Entwicklungen schildert Juniorprofessor Mirko Peglow: Von ersten Laboruntersuchungen bis zur Inbetriebnahme einer neuentwickelten, genehmigungspflichtigen Produktionsanlage vergehen bei der IPT Pergande GmbH gerade einmal zwei Jahre. Als Geschäftsführer verwandelt der Verfahrenstechniker Peglow Flüssigkeiten in Granulate, damit die Pergande-Kunden daraus Wasch- und Pflanzenschutzmittel herstellen können. Kunden wie ein deutscher Chemiekonzern, bei dem laut Peglow das geflügelte Wort „Wir machen es wie Pergande!“ umgehen soll – für den Fall, dass es mal ganz schnell gehen muss. Vor allem bei der Grundlagenentwicklung und dem Bau der Pilotanlage ist das hochinnovative Know-how aus dem anhaltischen Weißandt-Gölzau gefragt. Aktuell investiert das Unternehmen rund sieben Millionen Euro in den Bau eines eigenen Technologie- und Innovationszentrums.


Trotzige, unternehmerische Menschen

Eine wesentliche Erfolgsressource lassen Mirko Peglow und Holger Raithel in ihren Vorträgen außen vor – auf die dann BMBF-Referatsleiter Hans-Peter Hiepe hinweist: „trotzige, unternehmerische Menschen, die keine Angst haben, Grenzen zu überschreiten“. Mit dem K.O. für die meist völlig überflüssige Kaffeekanne hat KAHLA so eine Grenze überschritten und eine kleine Revolution am Kaffeetisch angezettelt – zum Nutzen des Käufers. Denn Raithel ist sich sicher: „Einfach nur anders zu sein ist keine Innovation. Echte Innovation bietet dem Kunden einen Mehrwert.“



Holger Raithel engagiert sich mit seinem Unternehmen in dem vom BMBF geförderten Innovativen regionalen Wachstumskern J-1013. Informationen dazu finden Sie hier.

Professor Mirko Peglow wirkt am Innovativen regionalen Wachstumskern WIGRATEC sowie an der InnoProfile-Initiative NaWiTec mit.


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