Im Blickpunkt

Xinnovations – gegen die digitale Demenz!

Mit einem optimistischen Aufruf zur Gestaltung der Zukunft sind die Xinnovations – das Forum für Internet, Politik und Innovation – zu Ende gegangen. An drei Tagen trafen sich in der Humboldt-Universität zu Berlin hochkarätige Expertinnen und Experten, um über Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten der Informationsgesellschaft zu diskutieren. Zentrale Themen waren semantische Technologien und ihre Bedeutung für die Unternehmenswelt, das Internet der Zukunft, die Öffnung von Staat und Gesellschaft im Zeitalter sozialer Medien und Globalisierung sowie die Schaffung eines Klimas für Open Innovation.

Drei Tage ging es bei schönstem Spätsommerwetter Unter den Linden wieder um die Informationsgesellschaft. Das Fachpublikum traf auf Fachpersonal aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und konnte sich davon überzeugen, dass „Internet-Innovationstreiber – von Entwicklern technologischer Lösungen bis zu Gründern mit neuen Geschäftsmodellen – zuhauf in die europäische Start-up-Location Berlin zieht“, wie der Berliner Staatssekretär für Wirtschaft, Technologie und Forschung, Nicolas Zimmer, erfreut feststellte. „Die Etablierung einer nachhaltigen digitalen Wirtschaft, die starke ökonomische Impulse und verantwortliche gesellschaftliche Akzente setzt, ist Herausforderung für Technologie- und Forschungspolitik und den Wirtschaftsstandort Berlin“, führte er aus.

Teilnehmer im altehrwürdigen Humboldtsaal der Universität

Mit dieser enthusiastischen Ansicht steht er nicht allein da: Auch Rainer Thiem, Mitveranstalter der ersten Stunde, zog eine äußerst zufriedene Bilanz: „Ich denke, dass die diesjährigen Xinnovations die besten waren, weil sie das inhaltliche Niveau stark angehoben haben.“ Erstmals wurden in den Foren auch die soziologischen, juristischen und politischen Aspekte der internetbasierten Informationstechnologien gleichrangig thematisiert. Und der starke Zuspruch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer spricht für sich: „Damit zeigt sich doch, dass ein Herr Spitzer (der Autor des umstrittenen Bestsellers „Digitale Demenz“) mit seinen Thesen, das „Internet“ führe zur Verblödung der Menschheit, vollkommen falsch liegt“, meinte Thiem. Die Veranstalter gehen davon aus, dass auch in den kommenden Jahren der Stoff für Diskurse über die Weiterentwicklung von E-Democracy, Social Media, Datenschutz und IT-Sicherheit nicht ausgehen wird. Allein das Thema „Informationelle Fremdbestimmung durch große Internetanbieter“ betrifft alle Menschen, die sich im Internet bewegen.

Dr. Thilo Weichert (Landesbeauftragter für Datenschutz) äußerte sich u.a. dazu, dass Web-2.0-Anbieter persönliche Daten sammeln, daraus Profile erstellen und diese kommerziell nutzen, ohne dass es klare Rechtsverhältnisse gibt oder wirksame Einwilligungen eingeholt würden: Ein wichtiger Schritt könnte, so sagte Weichert, der sein, von den Anbietern die Portabilität der persönlich eingepflegten Daten einzufordern und die Monopolisierung durch Konkurrenzangebote zu durchbrechen.

Preisverdächtige Erfolgsgeschichten

Die Xinnovations begannen mit einer Eröffnung durch Professor Adrian Paschke, Leiter der InnoProfile-Nachwuchsforschungsgruppe Corporate Semantic Web an der Freien Universität Berlin, zum Thema „Wie Semantic Web Technologien im Unternehmen zum Einsatz kommen“. Paschke stellte in seiner Keynote am ersten Tag, der unter der Überschrift „CSW Forum Technologie“ stattfand, verschiedene Ansätze und Werkzeuge aus dem InnoProfile-Projekt im Bereich des semantischen Wissensmanagements, der semantisch unterstützten Unternehmenskollaboration und der semantischen Suche vor.

Um nur zwei Beispiele für die geballte Innovationskraft auf den Xinnovations zu nennen: Ein Tagesordnungspunkt war die Vorstellung des aus der Corporate-Semantic-Web-Gruppe an der FU Berlin über ein EXIST-Gründerstipendium hervorgegangenen Start-up-Unternehmens Klickfilm UG. Klickfilm entwickelt und vermarktet eine semantische Internetsoftware für Medienanbieter, die in Filmen enthaltene Objekte semantisch erfasst und mit anderen Informationen verknüpft und anklickbar macht. Die Anwendung ermöglicht es den Nutzern, für sie interessante Informationen durch Klicken auf die im Film gezeigten Objekte abzurufen, etwa über Orte, Autos oder Kleidung der Darsteller. Klickfilm wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium als innovative Geschäftsidee in den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und im Business Plan Wettbewerb.

Als zweites Beispiel hervorzuheben ist das ebenfalls aus der Semantic-Web-Gruppe an der FU Berlin entstandene Start-up-Unternehmen Chariteam UG. Chariteam baut eine semantische Datenbank auf mit der Firmen und Privatleute, die sich gesellschaftlich engagieren wollen, ein passendes gemeinnütziges Projekt finden können. Chariteam erstellt, speichert und verwertet dazu relevante Verbindungen zwischen dem Profit- und Non-Profit-Sektor und schafft konkrete Anwendungsmöglichkeiten für Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten von Unternehmen.

Wie die Zeit vergeht

Wie immer fand am ersten Abend der Xinnovations das beliebte Berlin Semantic Web Meetup statt. Die Berlin Semantic Web Meetup Gruppe wurde 2008 von Corporate Semantic Web als regionale Wissenstransfer- und Kooperationsplattform für das Semantic Web in Berlin gegründet. Mit mehr als 15 Meetups zu unterschiedlichen Semantic-Web-Themen und über 550 Teilnehmern gehört die Berlin Semantic Web Meetup Gruppe zu den größten innerhalb des weltweiten Semantic-Web-Meetup-Netzwerkes und zu den ersten in Europa.

Das Thema „Gesellschaft“ war dann auch ein ganztägiges Forum: Die programmatische Spannweite des Forums wurde am letzten Tag in der Keynote von Prof. Dr. Dr. h.c. Ingolf Pernice vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) zusammengefasst. Unter der Überschrift „Informationsgesellschaft und Politik“ beleuchtete der renommierte Staatsrechtler die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Informationsgesellschaft und Politik: „Das Internet ist Auslöser und Katalysator dieses Zusammenspiels“, sagte Pernice. „Die Politik begreift, welche Chancen für Wirtschaft, Bildung und soziale Entwicklung die räumlich unbeschränkte und zeitlich unmittelbare Kommunikation bietet und vor welche Herausforderungen sie uns stellt. Sie sucht nach Lösungen, um diese Potenziale für die wirtschaftliche Entwicklung und effektive Verwaltung zu nutzen und zu entwickeln. Umgekehrt verändert der Zugang zu Information, Wissen und sozialen Netzwerken nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch Politik und das Verhältnis des Bürgers zum Staat“, erklärte der Jurist, der zu den Gründungsmitgliedern des Instituts für Internet und Gesellschaft angehört. Pernice betonte, dass Open Government, Open Data und Partizipation des informierten Bürgers Stichworte für die geforderte proaktive Transparenzpolitik des Staates sein müssen: „Das Semantic Web eröffnet dabei neue Dimensionen. Die Debatte um die Neuordnung des Datenschutzes ist ein Symptom für den Wandel, dem die Informationsgesellschaft selbst unterliegt.“

Die daran anschließenden Diskussionen zeigten im Ergebnis eines ganz deutlich: Die Gesellschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen, diese sind jedoch lösbar. Zum Beispiel bei den Xinnovations 2013.

 

Nähere Informationen zum InnoProfil Corporate Semantic Web stellen wir Ihnen hier zur Verfügung.


nach oben