Im Blickpunkt

Quo vadis ibi?

Vor fünf Jahren startete in der Chemie- und Braunkohleregion Halle/Merseburg/Leipzig das Bündnis ibi (Innovative Braunkohlen-Integration in Mitteldeutschland), um den weltweit ersten Braunkohle-Chemiepark zu entwickeln, modellhaft aufzubauen und global zu vermarkten. Heute steht fest: Seit dem Start haben sich die Rahmenbedingungen für ibi verschlechtert. In Halle (S.) trafen sich nun die wichtigsten Akteure auf einem Fachsymposium zur Bestandsaufnahme.

Im Tagungsprogramm standen nur fünf Minuten „Begrüßung“. Aber ibi-Vorstand Andreas Hiltermann begrüßte alle mit einer klaren Botschaft: Auch wenn die ibi-Forschungsvorhaben auf einem guten Weg seien, stehe das bisherige Geschäftsmodell auf dem Prüfstand. Es rechne sich zurzeit nicht, Erdöl durch Braunkohle zu ersetzen – dem günstigen Erdgas „sei Dank“.

Billiges Gas statt Braunkohle

Der Braunkohletagebau war mit massiven Veränderungen der Landschaft verbunden. Auch die CO2-Emissionen bei der Verbrennung haben ihren Preis. Eine mögliche, aber umstrittene Lösung wäre die unterirdische Speicherung des CO2. (Bild: Hardy - Fotolia)
Vor allem der relativ niedrige Gaspreis macht ibi zu schaffen. Bis vor wenigen Jahren entwickelten sich Öl und Gaspreis parallel, aber nun ist der Gaspreis erheblich gesunken, vor allem durch das günstige Shalegas in den USA. Käme dieses billige Gas auch auf den Weltmarkt, funktioniert das Geschäftsmodell von ibi nicht mehr. Daher sei in ganz Europa beispielsweise kein Investor für eine Braunkohle-Vergasungsanlage in Sicht: „Es gibt derzeit keine Nachfrage und keinen Markt für ein solches Projekt.“ schätzte Hiltermann die problematische Situation ein. Erschwerend kämen auch die mangelnde Rechtsicherheit beim Emissionshandel hinzu sowie die für die heimische Kohle nachteilhafte Bewertung im Vergleich zu ausländischem Gas im Emissionshandel. Der ungleiche Wettbewerb durch Subventionen vor allem bei den erneuerbaren Energien sei ein weiterer Nachteil.


Braunkohlen-Chemiepark als Produkt

Braunkohle wird meistens energetisch genutzt, sie wird „verheizt“. Sie kann aber auch stofflich verwertet werden, vor allem in der organischen Chemieindustrie, die kohlenstoffreiche Rohstoffe für die Produktion benötigt. Schon in den 1930-er und 1940-er Jahren war Mitteldeutschland Standort für eine innovative Braunkohlenchemie. Erste Großanlagen zum Vergasen und Verflüssigen von Braunkohle entstanden hier, die teilweise auch in der DDR weiterbetrieben wurden. Allerdings einhergehend mit einer unglaublichen Energieverschwendung und Umweltverschmutzung. Heute wird in der Chemieindustrie überwiegend Erdöl verwendet (rund 70 Prozent), Erdgas (14 Prozent) und mit steigender Tendenz nachwachsende  Rohstoffe (12 Prozent). Kohle hat mit derzeit zwei Prozent einen geringen Anteil in diesem Rohstoffmix. Für die Chemieindustrie sind die Kohlenstoffquellen grundsätzlich austauschbar. Der Einsatz erfolgt aufgrund verschiedenster Kriterien: politische Rahmenbedingungen, vorhandene Verfahren und Technologien, Verfügbarkeit und natürlich der Preis.

Für einen profitablen Braunkohlen-Chemiepark muss die ganze Prozesskette funktionieren. Das Bündnis ibi hat mit zehn Unternehmen und zwei Hochschulen wichtige Partner an Bord aus dem Bergbau, dem Anlagenbau und der Chemieindustrie.


 

Das Bündnis ibi ging bisher davon aus, dass in Zukunft weltweit Verfahrenstechnologien und Anlagen benötigt werden, um alternative Kohlenwasserstoffquellen, wie die Braunkohle, für die chemische Industrie nutzbar zu machen. Dabei sind Komplettlösungen wichtig, die die Eigenschaften der Kohle vom Bergbau bis zur Veredelung berücksichtigen: „ Ibi will genau diese, aufeinander abgestimmte Technologie, in einem „Braunkohlen-Chemiepark“ entwickeln und in Leuna realisieren.“, so der bisherige Plan des ibi-Bündnisses. Dazu müssen die Prozessschritte von der Lagerstätte über die Gewinnung und Aufbereitung bis zur stofflichen Umsetzung (Extraktion, Niedertemperaturkonversion, Vergasung) miteinander vernetzt werden. Mögliche Kunden sehe man vor allem in China, Russland und der Ukraine.

Ermutigung von Bund und Land

In Sachsen-Anhalt gibt es riesige Braunkohle-Vorkommen, aber der Rohstoff hat in der Bevölkerung ein problematisches Image. (Bild: womue – Fotolia)
Dr. Tamara Zieschang, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft Sachsen-Anhalt, sagte, die Landesregierung wolle die Aktivitäten von ibi zum Aufbau eines Braunkohle-Chemieparks am Standort Leuna auch in Zukunft positiv begleiten: „Das ist Teil der Koalitionsvereinbarung und eine große Chance für die Region. Die Braunkohlevorkommen in Sachsen-Anhalt sind immens. Wir haben das Know-how, um eine komplexe Wertschöpfungskette zu schaffen.“ Zwei von fünf Schlüsselindustrien, die Sachsen-Anhalt in seiner Innovationsstrategie definiert habe, die Chemieindustrie und der Anlagenbau, seien bei ibi beteiligt und erhielten wichtige Impulse.

Auch Hans-Peter Hiepe, Referatsleiter im BMBF, machte der Initiative Mut. Er habe die Entwicklung dieses Bündnisses und seiner Idee seit langem verfolgt: „Ich war von Anfang an fasziniert von der stofflichen Verwertung der Braunkohle. Die Vorteile waren evident. Die Region und der Wachstumskern ibi haben eindeutige Alleinstellungsmerkmale.“ In keiner anderen Region habe man so lange und intensiv in diesen Technologien geforscht. Die Diskussionen um die Braunkohle seien komplex und manchmal auch moralisch aufgeladen. Letztendlich müsse immer das Geschäftsmodell funktionieren. „Ich bin nach wie vor von der Idee der stofflichen Verwertung überzeugt, auch wenn die erfolgreiche Umsetzung nun länger dauert als geplant“.


Nähere Informationen zum Wachstumskern ibi finden Sie hier.

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