Im Blickpunkt

„Eine neue Ebene erreichen“ - Gespräch mit dem Cluster-Forscher Christian Ketels

Der an der Harvard Business School in Boston tätige Wirtschaftswissenschaftler Dr. Christian Ketels im Gespräch über regionale Wirtschafts-Cluster in Europa, die Wachstumskerne in den Neuen Ländern, nicht programmierbare Innovationen und notwendige Visionen.

Unternehmen Region: Mit der Förderung von Wachstumskernen zielt das BMBF auf die Entwicklung regionaler Cluster. In der Diskussion werden die beiden Begriffe bisweilen synonym verwendet. Wie stehen Sie dazu?

Christian Ketels: Also, ich bin da relativ emotionslos, was die verschiedenen Begrifflichkeiten angeht. Auch wenn es im Detail Unterschiede gibt, so verbindet diese und andere Begriffe doch ein gemeinsamer Kern. Und dieser Kern - das Potenzial der Zusammenarbeit von regional und inhaltlich benachbarten Unternehmen und Forschungsinstitutionen für Wirtschaft und Innovation - ist wichtiger, als die häufig fruchtlose Diskussion über den richtigen Begriff.

Wie beurteilen Sie die Umsetzung bei den verschiedenen „Wachstumskern“-Initiativen?

Viele dieser Initiativen laufen sehr gut, auch wenn es natürlich im Einzelfall nicht immer klappt, wie erhofft. Manchen aber fehlt wohl die „kritische Masse“ bei der Mitgliederzahl, um zu noch besseren Ergebnissen zu kommen und insbesondere um einen wirklich fühlbaren Einfluss auf die sie umgebende regionale Wirtschaft zu haben.

Die kritische Masse ist nur eines Ihrer vier Kriterien für Cluster.

Das erste Kriterium ist die Nähe. Die Partner müssen sich rein räumlich nahe sein, um gemeinsames Wissen und Ressourcen sinnvoll teilen zu können. Das zweite sind enge inhaltliche Verbindungen, im Kern die Nutzung gleicher Technologien oder der Fokus auf die gleichen Endkundenbedürfnisse. Aber das allein reicht nicht aus. Am wichtigsten ist die Bereitschaft der Partner zur Zusammenarbeit, und zwar von möglichst allen.

Dass Regionen im Zeitalter der Globalisierung so wichtig sind, erstaunt auf den ersten Blick.

Tatsächlich haben viele Unternehmen heute Kunden und Lieferanten weltweit. Wie lassen sich dabei spezifische Wettbewerbsvorteile aufbauen, wenn gleiches auch für Konkurrenten aus anderen Ländern gilt? Häufig spielt da die Nähe eine große Rolle: Sie fördert eine enge Kommunikation mit Zulieferern oder Forschungsinstituten, die sonst nicht möglich wäre. Und wird damit zur Quelle von Wettbewerbsvorteilen, die der Konkurrent aus Amerika oder Fernost nicht kopieren kann.


Was macht den Erfolg von Clustern aus?


Cluster funktionieren, weil unternehmerischer Erfolg nicht nur davon abhängt, dass wir als Individuen eine Leistung bringen. Er hängt auch von der Leistung anderer ab, die mit uns zusammen einen gemeinsamen Endkunden bedienen. Sind die Zuliefererbetriebe wenig leistungsfähig, leidet der Automobilhersteller. Ist die Forschungslandschaft wenig innovativ, fallen die produzierenden Unternehmen zurück.

Sie haben vorhin in der Podiumsdiskussion gesagt, eine Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene, das kann eigentlich fast jeder. Warum ist es Erfolg versprechender, auf regionaler Ebene, eben als Cluster, zusammenarbeiten?

Cluster sind keine neue Sache. Das gibt’s im Prinzip schon hunderte von Jahren, dass Handwerker, Manufakturen, Unternehmen zusammenarbeiten. Das Umfeld hat sich jetzt geändert. Durch die Globalisierung, durch neue Informationstechnologien und so weiter hat man Zugangsmöglichkeiten, die früher nicht da waren. Man kann mit einer Universität in Tokio zusammenarbeiten, mit einem Zulieferer in China, mit einem Dienstleister in USA - was immer man will und braucht. Aber das können alle andern auch. Wenn ich das nicht mache, dann spiele ich noch nicht mal mit, im globalen Markt.

Die internationale Vernetzung ist also Eingangsvoraussetzung. Habe ich die gemeistert, muss ich überlegen: Wo ist meine Standort-Stärke, was haben die anderen nicht? Was ist meine Tradition, was sind meine Kompetenzen, wo meine Verbindungen? Da unterscheidet sich eine Region von der anderen: Jede hat ihren eigenen Mix von Standort-Faktoren. Da muss man nicht in jeder einzelnen Dimension der Weltbeste sein. Als Unternehmen gilt es dann zu identifizieren, bei welchen Aktivitäten die spezifischen Qualitäten der Region von Vorteil sind. Da kann man dann aufsetzen und überlegen, wie man diese Qualitäten stärken und daraus Wettbewerbsvorteile schaffen kann.

Das ist wohl der Punkt, an dem Sie sagen, Cluster kann man nicht schaffen, sondern man aktiviert sie letztendlich nur.

Genau. Wir sprechen von Cluster-Mobilisierung - mit Unternehmen, die den ersten Markttest bestanden haben, und engagierten Forschungsinstituten. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Cluster geeignetes Instrument, um weiterzuhelfen, um festzustellen: Wie können wir besser werden, was müssen wir tun, um auf die nächste Ebene höherer Produktivität und Innovationskraft zu kommen. Wenn man aber gar nichts von alledem hat, dann heißt Cluster-Entwicklung im Endeffekt: Wir spielen Gott, oder wir spielen Markt, wir sagen beispielsweise: Biotechnologie, das sollte hier sein - ohne groß auf die Region einzugehen. Das funktioniert fast nie.

Kann man also nichts tun, wenn die genannten Voraussetzungen fehlen?

Was man machen kann, ist ganz allgemein gute Bedingungen für wirtschaftliche Aktivitäten zu schaffen. Wenn die da sind, müssen wir versuchen, Cluster-Instrumente einzusetzen: Wo sich zarte Triebe zeigen, da gießen wir, da helfen wir, dass das Potenzial ausgeschöpft wird.

Die wirtschaftliche Tradition spielt für Cluster also eine wichtige Rolle. In Ostdeutschland war sie eine ganze Zeit unterbrochen. Macht das die Cluster-Bildung dort schwieriger?

Die wirtschaftlichen Strukturen in den Neuen Ländern sind in der Vergangenheit nicht im Markt gewachsen. Und der schmerzhafte Wandlungsprozess hin zu einer marktgetriebenen Struktur ist noch nicht voll abgeschlossen. Cluster können dabei helfen, die vorhandenen Puzzle-Stücke, die vielleicht nur nicht richtig geordnet sind, wieder zusammen zu bringen. So könnte auch Osteuropa als Markt wieder eine wichtigere Rolle spielen, da hier viele gewachsene historische Kontakte vorhanden sind - noch. Man sollte diese Kontakte stärker nutzen, und nicht immer nur auf den Weltmarkt schielen.

Osteuropa ist eben ein schwieriger Markt ...

... aber auch ein Markt, der in etlichen Segmenten boomt. Es bilden sich dort derzeit viele Produktions-Cluster. Ostdeutsche Netzwerke könnten ihre alten Kontakte nutzen, um den osteuropäischen Clustern und Unternehmen beim Aufbau zu helfen, mit Dienstleistungen, oder auch bei Forschungs- und Entwicklungs-Aufgaben, mit denen Firmen dort noch überfordert sind.

Ich glaube, dass Osteuropa auf jeden Fall eine wichtige Rolle spielen kann. Es gibt zwei relativ unterschiedliche Dimensionen, wie man sich das vorstellen kann. Das eine ist die Marktnachfrage in den recht schnell wachsenden Volkswirtschaften dort. Ostdeutschland kann die Brücke dorthin sein. Aber da stehen wir in Konkurrenz mit vielen anderen Standorten. Wir können aber auch umgekehrt Osteuropa als neuen Produktionsstandort betrachten, und die Brücke zurück sein, in die westlichen, entwickelten Märkte. An dieser Nahtstelle zwischen Ost und West gibt es im Moment ein hohes Wohlstandsgefälle. Darin stecken auch ökonomischen Potenziale - bei allen Schwierigkeiten, die ohne Frage existieren.

Bleiben wir beim Beispiel Osteuropa: Sind Cluster da wirklich so wichtig? Oder entwickeln sich die Regionen nicht doch von selbst, ohne dass man großen Einfluss ausüben kann?

Bei Cluster-Politik geht es darum, wie wir eine Entwicklung verbessern können. Nicht darum, wie wir eine Entwicklung überhaupt erst schaffen können. Wirtschaftsentwicklung ist immer Evolution, man fängt nie bei Null an. Was wir sehen, ist, dass Cluster sich häufig spezialisieren - und da fängt dann der Einfluss an. Ein Beispiel aus der Ölwirtschaft: Eines der erfolgreichsten Öl- und Gas-Cluster ist in Texas, obwohl es dort kaum noch Öl gibt. Da sind nur noch die Kompetenzen. Aber damit kann man Märkte bedienen. Andere Regionen spielen andere Rollen. Cluster-Strukturen ändern sich übrigens auch, wenn sich wirtschaftliche Gegebenheiten ändern. Cluster lösen sich nur selten auf.

Wie weit müssen sich regionale Cluster voneinander unterscheiden?

In den USA ist der Grad an Spezialisierung in Clustern deutlich höher als bei uns. Da gibt es beispielsweise reine Logistik-, Finanz- oder auch Touristik-Netzwerke. Da muss auch bei uns der Weg stärker hingehen. Ein gewisses Maß an Heterogenität ist sicher hilfreich, aber nach außen sollte die Positionierung doch eindeutig sein.

Sie haben das Baskenland als erfolgreiches Beispiel genannt für den Umbau einer Region, die sehr durch Industrialisierung bestimmt war. Kann man da Parallelen zu Ostdeutschland ziehen? Könnte die Entwicklung dort ähnlich positiv wie im Baskenland verlaufen?

Also ich denke, man sollte sich das Baskenland zumindest ein bisschen näher angucken. Nicht unbedingt was sie konkret gemacht haben an Maßnahmen. Sondern wie sie es geschafft haben, als Region zusammenzukommen und sich zu verbessern. Sie wollten nicht akzeptieren, dass alles den Bach runtergeht, dass die Werften zumachen und so weiter. Sie haben gesagt, wir versuchen auf unseren Stärken aufzubauen, wir wollen uns verbessern. Die Basken haben noch einen weiten Weg zu gehen. Aber das Baskenland hat es immerhin schon geschafft, zu den reichsten Regionen Spaniens dazuzustoßen. Das müssen auch unsere Unternehmen den Basken nachmachen: Überlegen, wie man durch Zusammenarbeit das Produktivitätsniveau erhöhen kann. Das ist das wichtigste.

Anderes Thema: Was an vielen Projekten von „Unternehmen Region“ auffällt, ist, dass die Kommunikation für etliche Beteiligte anfangs ganz zentral war: einfach miteinander ins Gespräch kommen, teilweise sich überhaupt erst kennen lernen. Ein weiterer immer wieder genannter Punkt ist, dass man das Cluster auch als eine Art Marketingverbund nutzen will. Wenn man jetzt mal auf Kommunikation und Marketing abhebt - reicht das als Grundlage für ein Cluster aus, oder gehört eigentlich doch mehr dazu?


Eine interessante Frage. Wir haben im letzten Jahr eine weltweite Umfrage bei vielen Cluster-Initiativen gemacht. Das Ergebnis war, dass man Cluster nicht dadurch definieren kann, was sie tun. Sondern eigentlich nur durch ihre Ziele: Wir wollen unsere Wettbewerbsfähigkeit steigern, die Innovationskraft des Clusters stärken. In einer Region kann das bedeuten: Wir müssen was am Marketing tun. Wir haben gute Produkte, aber niemand kennt uns. Oder: Unsere Region hat ein schlechtes Image, deswegen kommen keine guten Arbeitskräfte. Oder weiter: Wir müssen uns einfach mal kennen lernen - wir sitzen in einer Straße gegenüber und wissen nichts voneinander.

Ist also Kommunikation doch die Hauptaufgabe eines Clusters?

Kommunikation ist sicher wichtig, aber die wichtigste Aufgabe im Cluster ist, folgendes genau festzustellen: Was ist die Barriere, die unsere Unternehmen hindert, besser zu werden. Dann kommt man zu den richtigen Maßnahmen. Wir springen häufig zu schnell zu den Maßnahmen - und zwar Maßnahmen, die Clustern insgesamt und generell helfen sollen. Das funktioniert nicht. Das ist ganz unterschiedlich, von Region zu Region.

Noch ein Wort zum Marketing. Es hat eine Phase gegeben, wo man zu viel nur auf Marketing gesetzt hat. Man muss wohl Regionen-Marketing machen, auch Stadt-Marketing, das ist schon wichtig. Aber die Botschaft muss stimmen, und sie muss mit Leben gefüllt sein. Die Regionen haben gemerkt, dass sie erst mal etwas vorweisen müssen, dann können sie ans Marketing denken. Man kann nicht mit Marketing anfangen. Es muss eine reelle Leistung dahinter stehen, die vermarktet werden kann.

Thema Staat: Er spielt in Clustern meist einen wichtigen Part und hilft entscheidend bei der Finanzierung. Wäre das ein Bereich, wo man sagen könnte, hier soll der Staat doch mal eine größere Rolle spielen? Und sich nicht, wie oft postuliert wird, soweit wie möglich zurücknehmen.

Ich glaube, diese Diskussion über mehr oder weniger Staat bringt uns nicht mehr weiter. Das Problem ist, dass wir zuviel Staat haben in Bereichen, wo er dem Wettbewerb schadet. Und wir haben vielleicht zu wenig Staat da, wo er den Wettbewerb auf ein höheres Niveau heben könnte. Wir sehen häufig in Clustern, dass es viele verschiedene Akteure gibt. Dann haben wir ein klassisches kollektives Handlungsproblem: Wie bringen wir alle zusammen? Das muss nicht der Staat machen, aber häufig ist es eben der Staat, der alle Faktoren zusammen bringt. Und der Staat hat großen Einfluss auf die Hochschul-Landschaft, auf die Anreizsysteme, auf das Geld, das er zur Verfügung stellt, auf die Infrastruktur, auf Forschungsprogramme und so weiter. Es gibt jede Menge Hebel, die der Staat da bewegen kann.

Was kann der Staat am besten für ein Cluster tun?

Er kann einen Prozess schaffen, wo sich alle an einen Tisch setzen: Unternehmen, Universitäten, Verwaltung, Politik. Dann wird entschieden: Was müssen wir als Cluster insgesamt tun? Und was davon macht der Staat, was machen die Unternehmer, was die Universitäten. Erst dann kann jeder in seinem Bereich vernünftig arbeiten.

Zum deutschen Staat gehört der Föderalismus. In der Podiumsdiskussion wurde er eher als Problem gesehen. Sie glauben, dass er für die Wirtschaftsförderung und damit auch für Cluster ein Vorteil ist. Warum?

Eine unserer traditionellen Stärken in Deutschland ist in der Tat der Föderalismus. Er gibt auch Unternehmen sehr direkte Möglichkeiten, auf die spezifischen Rahmenbedingungen in ihrer Region einzuwirken. Wir haben aber den ursprünglichen Länder-Föderalismus leider erlahmen lassen und eine Art zweite Bundesebene geschaffen, wo alles koordiniert werden soll. Das funktioniert nicht. Wir müssen hier wieder klarer trennen: Was sollen die Länder tun, wo sind die Aufgaben des Bundes?

In zentralistischen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich fehlt diese Ebene. Da muss man immer gleich zum Abgeordneten ins Parlament. Derzeit versucht man in England fast krampfhaft, eine regionale Ebene einzuziehen - vor allem, um Entscheidungswege zu verkürzen. Wir haben diese regionale Ebene, die sehr handlungsfähig sein könnte, und die eigentlich wenig ideologiebehaftet oder politiküberladen ist. Leider haben wir uns in der Vergangenheit Ketten angelegt und vieles blockiert. Mal sehen, was die jetzt begonnene Föderalismus-Reform noch bringt.

Was einem im Zusammenhang mit Clustern auch in den Kopf kommt, ist der Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter und sein „klassischer“ Unternehmer, der den Wirtschaftskreislauf durch sein Engagement in Schwung hält. Könnte man sagen, dass dieser Schumpeter'sche Unternehmer im Cluster - wo Unternehmen zusammenarbeiten, um auf eine andere Ebene zu kommen, so wie Schumpeter es fast explizit sagt - eine neue Heimat gefunden hat?

Freut mich, dass Sie Schumpeter gerade in diesem Zusammenhang erwähnen. Uns wird ja manchmal der Vorwurf gemacht, Cluster seien das Ende des Wettbewerbs: Alles ist Kooperation, alle sind nur noch Freunde und so weiter. Das ist natürlich nicht der Fall, die beteiligten Firmen stehen weiterhin im Wettbewerb. Unternehmen in USA haben wesentlich weniger Schwierigkeiten zu verstehen, dass man in Teilbereichen kooperiert und trotzdem mit seinen Partnern hart im Wettbewerb steht.

Schumpeters Unternehmer hätte da sicher kein Problem damit. Er würde etwa in Ostdeutschland nicht nur versuchen, durch längere Arbeitszeit und ein bisschen niedrigere Löhne Erfolg zu haben. Er würde sicher sehen: Hier ist eine interessante Innovation, hier ist ein interessanter Zulieferer - können wir zusammen etwas Neues machen? Dann hat man auf einmal nicht nur den eindimensionalen Preiswettbewerb - plötzlich gibt’s jede Menge Dimensionen. Jeder kann seine Stärken suchen, um im Wettbewerb auf eine neue Ebene zu kommen - so wie Schumpeter das beschrieben hat.

In den meisten Clustern dominieren die kleinen und mittleren Unternehmen, die KMUs. Warum sind so wenig Große dabei?

Es gibt eine Tendenz, dass die KMUs die ersten sind, die auf Innovationen anspringen. Häufig sind es Kleinunternehmen, die sehr viel forschen, und oft wurden sie von Leuten frisch von der Universität gegründet. Aber diese Start-ups haben nur selten die Kapazitäten, um alles selber zu tun. Also schließen sie sich zusammen. Wir müssen allerdings schon aufpassen, dass wir das durch die Projektstruktur nicht zu sehr zementieren, so dass es im Endeffekt nur eine Förderung für KMUs gibt. Erfolgreiche Cluster funktionieren meist durch das Miteinander von großen und kleinen Unternehmen. Die Großen haben die Distributionskanäle, die Kontakte ins Ausland und so weiter. Das können nur wenige Kleine, aber sie sind darauf angewiesen, um wirklich Erfolg zu haben. Das ist das Manko zum Beispiel in der Biotechnologie, dass die großen Pharmakonzerne nur unzureichend dabei sind. Und ohne die hat man's schwer.

Sie sprachen anfangs von kritischen Massen, die für Cluster nötig sind. Können die auch in begrenzten, oft ländlichen Regionen erreicht werden, wie es manche Gegenden Ostdeutschlands sind?

Ich glaube schon, aber das ist natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Wir haben gerade in den USA eine Studie über ländliche Regionen gemacht. Cluster funktionieren da auch, aber man muss sehr viel stärker in Bezug gehen zu Großstadt-Regionen in der Nähe. In Ostdeutschland ist keine Region wirklich weit weg von größeren Städten, und die Infrastruktur ist mittlerweile gut. Aber man muss sich schon genau überlegen: Welche Rolle können wir für den Großraum Hamburg oder Berlin oder Leipzig spielen. Innovationen werden ein wenig schwieriger ohne dieses großstädtische Milieu. Aber für große Teile Ostdeutschlands ist sowieso die Produktivität wichtiger: Was können wir zu deren Steigerung tun?

Zum Abschluss bitte ein paar echte Experten-Tipps, um im Cluster noch erfolgreicher zu sein.

Den einzig richtigen Tipp gibt es natürlich nicht, das hängt von den Bedingungen vor Ort ab. Aber mit am wichtigsten ist meiner Meinung folgendes: Mit Selbstbewusstsein, aber realistisch nach innen gucken, und dann die eigenen Stärken richtig herausstellen. Das Benchmarking sollte man nicht übertreiben - die anderen kochen auch nur mit Wasser.

Zweiter Tipp: Sich nicht von der staatlichen Förderung abhängig machen. Das ist schwierig, denn Geld ist immer knapp. Man sollte sich aber nicht von außen steuern lassen, nur um an Geld zu kommen. Erst überlegen, was man will, und dann, woher das Geld kommen könnte. Nie etwas tun, nur weil es dafür staatliche Förderung gibt. Das ist der Anfang vom Ende. Glauben Sie´s mir.


Berlin, 16.11.2004

Dr. Christian Ketels ist Forschungsleiter am von Professor Michael E. Porter geleiteten Institut für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der Harvard Business School.

 


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