Im Porträt

Fakten. Fakten. Fakten. Und immer an die Lausitz denken!

Hans Joachim Krautz vom InnoProfil "Innovative Kraftwerkstechnologien" macht Kohle zu schwarzem Gold.

Seine Augen haben zwei Lieblingsbeschäftigungen: Sie blitzen kurz auf, wenn sich das Gespräch einem interessanten Thema nähert, und sie schmunzeln so unaufgeregt freundlich, dass sie seinem eigenen als auch dem Gesicht des Gegenübers ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.

Hans Joachim Krautz verfügt nicht über die titanengleiche Statur eines Arnold Schwarzenegger, der zurzeit seinen kalifornischen Sonnenstaat in ein neues Energiezeitalter führen will. Aber auch er hat eine Energie-Mission: Sichere und saubere Energieerzeugung soll den Klimawandel beeinflussen, ihn verlangsamen. Dass er dabei nicht zuerst an die Sonne und ihre Kraft, sondern an Kohle denkt, liegt an seiner Heimat. Er ist Brandenburger von Geburt und Lausitzer aus Überzeugung.

Wenige Autominuten von Cottbus entfernt ist er groß geworden. Vor der Haustür die dörfliche Idylle mit allem, was dazugehört: schier unendliche Wiesen und die typischen Brandenburger Kiefernwälder, farblich kontrastiert mit Flecken weißer Birkenwäldchen. Nicht weit davon der Spreewald mit seinem romantischen Wasserlabyrinth.

Hans Joachim Krautz wuchs in den 1950er Jahren hier auf. Und mit ihm wuchs die Kohleindustrie rund um Cottbus. Der von Partei und Staat vielfach beschworene Aufbruch war in der Lausitz zu spüren. Er griff nach Kohle und Dörfern, Menschen und ihren Häusern. Die Kohle brachte Arbeit und kleinen Wohlstand, abgebaggerte Landschaft und unaufhörlich qualmende Schlote. Diese Zeit war voller Kontraste, Fragen, Sehnsüchte und Hoffnungen - Nachkriegszeit eben.

Es sollte, es musste besser werden. Vielleicht hatte Hans Joachim Krautz Kohle im Blut, vielleicht auch nur die damals übliche Technikbegeisterung eines Jungen, der die gigantischen Kohlebagger sah, die immer hungrig ihre Schaufelzähne in die Braunkohle - das schwarze Gold der Lausitz - gruben. Der staunend die neuen Kraftwerke in den Himmel wachsen sah und sich wünschte, hier einmal Steuermann auf der Turbinenbrücke zu sein.

Nach der Schule ging es Schlag auf Schlag, als müsste ein persönlicher Fünfjahresplan übererfüllt werden: Maschinenbaustudium in Dresden, gleich anschließend Arbeitsaufnahme im volkseigenen Kraftwerkskombinat. Aber nicht an einer beliebigen Stelle, sondern leitende Mitarbeit bei der Inbetriebnahme der damals neuen Kraftwerke in Boxberg und Jänschwalde. Immer mehr zum Arbeitsschwerpunkt von Hans Joachim Krautz wurde Forschung und Entwicklung beim Institut für Kraftwerkstechnik in Vetschau: "Untersucht und entwickelt haben wir in dieser Zeit wie die Weltmeister. Wenn jemand auf dieser Welt über die Braunkohle, ihre Nutzung als Energierohstoff und ihre Verarbeitung in modernen Kraftwerksblöcken Bescheid wusste, dann wir beim IFK in Vetschau."

Nur in die Praxis der DDR-Kraftwerke umgesetzt wurde so gut wie nichts von dem, was sie an Forschungsergebnissen erarbeitet hatten, merkt Professor Krautz heute an. Kein Geld und kein Material - diese bekannten Übel der Planwirtschaft hatten dringend notwendige Innovationen jahrzehntelang verhindert.

Dann das Wunder von Berlin, die Mauer fiel, die Welt stand offen, die Gedanken waren frei. Endlich! Ingenieur, was willst du mehr? Endlich das Wissen der ungezählten Stunden im Forschungslabor Wirklichkeit werden lassen, so hoffte Hans Joachim Krautz und machte sich auf den Weg. Knüpfte neue Kontakte und lernte das Wasser kennen, mit dem auch andere Kraftwerksexperten auf der Welt kochten. Das trieb ihn mehr an, als dass es ihn bremste.

Innovationen von heute für die Kraftwerke von morgen brauchte die Energiewirtschaft in Deutschland und Europa in der Mitte der 1990er Jahre. Krautz konnte und wollte sie liefern. Er kannte die Fakten und nur die zählten und zählen bis heute für den hartnäckigen Lausitzer: "Unsere Kohle sichert heute und in den kommenden Jahrzehnten die stabile und preisgünstige Versorgung mit Energie, die ja bekanntlich aus der Steckdose kommt. Die Kompetenz der Kraftwerksplaner sowie der Maschinen- und Anlagenbauer macht es uns heute möglich, Kohlekraftwerke mit einem Wirkungsgrad von bis zu 45 Prozent ans Netz zu bringen. Und was noch wichtiger ist: den Ausstoß des für Mensch und Umwelt auf Dauer tödlichen Kohlendioxids radikal zu verringern. Wir können das, wenn man uns lässt!", betont er mit einem Lächeln, das etwas bitter scheint.

Diesem Können, das oberflächlich auch mit Know-how umschrieben werden könnte, ordnen sich die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zielgenau unter, die seit 1996 unter seiner Leitung an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus laufen. Krautz wechselte die Seiten: Aus dem forschenden Entwicklungsingenieur eines Unternehmens wurde der Inhaber des Lehrstuhls für Kraftwerkstechnik in Cottbus. Auch wenn der Sitz seines Instituts auf dem Campus zurückhaltenden Glanz ausstrahlt, die Arbeit seines Teams bringt die Fachwelt zu einem vernehmbaren Schnalzen mit der Zunge. Made in Cottbus - das klingt gut in den Expertenohren. Folgerichtig setzt er auf eine intelligente Mischung aus gestandenen Wissenschaftlern und die frischen Ideen des Nachwuchses.

Kein Wunder also, dass sich bei einer vormittäglichen Teambesprechung nur die jungen Gesichter der Nachwuchsforschungsgruppe unter Leitung von Alexander Findeisen um den Konferenztisch versammelt haben. Sie wurden mit einer fünfjährigen Förderung durch das InnoProfile-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ausgezeichnet. In dieser Zeit stehen sie vor der Herausforderung, zu erforschen, wie Kraftwerke künftig sauberer, sicherer und effizienter entwickelt und vermarktet werden können. Herkules lässt grüßen.

Und Hans Joachim Krautz lässt nicht locker. Seine Augen blitzen kurz auf, sie haben sein Thema entdeckt - die Nachwuchsforscher sind auf eine Idee gestoßen, die neues Wissen und frisches Geld vom BMBF bringen kann. In einer Versuchsanlage des Instituts für Kraftwerkstechnik soll eine neue Brennkammer entwickelt werden. Diese Anlage ist das Herzstück der Arbeiten, mit denen minutiös erforscht werden soll, wie die feuchte Rohbraunkohle am besten getrocknet werden kann, mit welchem Verfahren sie dann in den Verbrennungsprozess eingebracht wird und auf welche Weise das gefährliche Rauchgas ungefährlich werden kann.

Ihre Hoffnung setzen sie auf das "Oxyfuel" genannte Verfahren, bei dem Sauerstoff mit dem Rauchgas gemischt wird. Läuft dieses technische Verfahren gut, so entsteht dabei Kohlendioxid in so hoher Konzentration, dass man es Dank modernster Technik aus dem Rauchgas heraustrennen kann.  Alexander Findeisen brennt für diese Innovation: "Bekommen wir diese Technologie als stabiles praxistaugliches Verfahren in den Griff, dann haben wir einen Exportschlager. Weltweit werden in den kommenden Jahren vor allem in China, Indien, Brasilien und Südafrika neue Kohlekraftwerke entstehen - allein in Südafrika mit einer Leistung von 35.000 Megawatt. Das entspricht etwa 20 Kraftwerken in der Größe der Anlage Schwarze Pumpe." Bisher werden diese Kraftwerke mit geringerer Effizienz und ohne jegliche Reduzierung oder Abscheidung von Kohlendioxid geplant.

Der Professor aus der Lausitz und sein Nachwuchsforschungsgruppenleiter wollen und dürfen sich diese Chance nicht entgehen lassen. Hans Joachim Krautz und Alexander Findeisen machten sich also im vergangenen Jahr auf den Weg nach Südafrika und kamen mit einer Vereinbarung zurück, die Zukunft atmet. Fünf Südafrikaner werden in den kommenden Jahren an der BTU Cottbus Power Engineering studieren, finanziert durch Stipendien des größten südafrikanischen Energiekonzerns. Und die nächste weite Reise des Duos Krautz und Findeisen steht schon fest auf dem Programm: Im November 2009 warten Wissenschaftler und Unternehmer im brasilianischen Fortaleza auf die beiden Kraftwerksexperten aus der fernen Lausitz.

Denkt er an die jetzt beginnende internationale Kooperation steht die Freude Hans Joachim Krautz ins Gesicht geschrieben: "Es wäre ein Leichtes, den Ausstoß von Kohlendioxid aus den veralteten Kohlekraftwerken der Schwellenländer um die Hälfte zu verringern. Unsere Technologieforschungen laufen auf Hochtouren und sind so weit gediehen, dass der industrielle Einsatz bevorsteht. Mehr Klimaschutz mit einem berechenbaren Ergebnis geht zurzeit nicht. Cottbus, die Lausitz, Brandenburg können Innovationsweltmeister der Kraftwerkstechnik werden."

Sein Blick geht hinüber zu den riesigen Kühltürmen des Kraftwerks Jänschwalde. Vielleicht sei es ja wie meist mit den Propheten und dem eigenen Land, resümiert er und wischt den Propheten wieder schnell vom Tisch: "Das Sinnvolle wird sich durchsetzen. Die Fakten werden entscheiden." Dabei betrachten seine Augen den Heimatboden. Er steht auf schwarzem Gold. Sein strahlender Blick lässt keinen Zweifel.                   

18. März 2009

 

Weitere Informationen zum InnoProfil "Innovative Kraftswerkstechnologien" finden Sie hier.


nach oben