
Roland Watzke ist Unternehmer mit Passion. Er hilft Pflanzen auf der ganzen Welt schneller Wurzeln zu schlagen. Und er fühlt sich bis heute seiner Heimat Anhalt als Sachsen-Anhaltiner verbunden.
So kann man sich täuschen! Wenn die eigenen Gedanken zu sehr banalen Klischees folgen. Dann sitzt man Roland Watzke gegenüber, will die erste ausgefeilte Frage mit Brillanz und technischem Knowhow auf den Tisch werfen und stößt dann dort mit aufgeregtem Blick auf einen Gedichtband - wo man doch eher Laptop und Forschungsprotokolle erwartet hätte.
"Nur langsam jene Schatten weichen.: Tagebuch eines Dichters" steht auf der Titelseite des Buches. Ein Dichter? Dabei hatte man sich doch mit einem Geschäftsführer verabredet, dessen Neugier immer neue Fragen provoziert. Deren Antworten nicht immer gleich auf der Hand liegen. Vor allem dann, wenn sie wie meist wissenschaftlich-technischer Natur sind.
Dr. Roland Watzke, Initiator des Wachstumskren ReaWeC 2 und Geschäftsführer der AMYKOR GmbH Bitterfeld-Wolfen.
Der Blick fällt aus dem angenehm hellen Büro hinaus auf blauen Sommerhimmel. Wattige weiße Wolken machen die eigene Laune luftig - mach' die Augen zu, möchte man sich selbst zuflüstern und halte nur zehn Sekunden inne!
Doch der Blick senkt sich und landet in Bitterfeld-Wolfen. Hier im Chemiepark befindet sich der Sitz der AMYKOR GmbH, deren Chef Roland Watzke ist. Er schaut einem ins Gesicht, freundlich, ein bisschen verschmitzt, ungeduldig natürlich und eigentlich möchte man sagen: Bitte lesen Sie doch ein Gedicht vor! Aber die Contenance siegt dann doch über den überraschenden Moment. Schade, denkt man sich eine Sekunde später, als man die Normalität des geplanten Gespräches versucht herzustellen.
Was aber nicht gelingt. Zu groß ist der Reiz dieses schmalen Buches. Da - das Telefon ruft den Dichter an den Hörer und gibt die Gelegenheit zu einem schnellen Blättern:
Wider die Erfinder
Und den Erfindern wird beigebracht,
was sie alles beachten müssen.
Was sie zu tun haben,
welches Papier zu beschreiben.
Nur alle die, die dies mir sagen - können nichts erfinden.
Das Telefonat ist schon beendet, das Buch wird zugeklappt, der Gesprächsfaden nimmt seinen Lauf: "Mein Zuhause ist bis heute Dessau. Dort bin ich geboren, dort sind meine Wurzeln. Ich bin also Anhalter", womit Roland Watzke das frühere Fürstentum in Größe eines Landkreises meint, das heute mit der Überschrift UNESCO-Welterberegion Luther-Bauhaus-Gartenreich wirbt und seinen prägenden Eindruck im Namen des Bundeslandes Sachsen-Anhalt hinterlässt. "Nächstes Jahr wird Anhalt übrigens 800 Jahre alt - was für ein Jubiläum!", freut sich der umtriebige Dichter und man meint schon seine nächsten Ideen hinter der Stirn kreisen zu sehen.
Dessau
Und es treibt mich durch die Stadt, die ihre Wurzeln verloren hat.
Was will ich finden, was kann ich tun?
Bin nimmer müßig, kann nicht mehr ruhn.
Suche ihre Quellen, frage nach dem Sinn.
Wie soll sie werden, war einst so schön.
Roland Watzkes Lebensweg hatte in den ersten Jahren mit der Entfernung von Dessau nach Wolfen nicht mehr als 20 Kilometer zu überwinden. Wie tausende andere Frauen und Männer im damaligen Bezirk Halle (Saale) nahm sein Leben Kurs auf die Chemie, deren Fabriken diese Region zwischen Elbe, Mulde und Saale nicht erst in der DDR dominierten. Hier in Wolfen und nirgendwo sonst entwickelte die AGFA 1936 den ersten Farbfilm auf der Welt, der tatsächlich in Produktion ging: "Die dahinter stehenden Erfindungen der Chemiker und Ingenieure aus Wolfen und Bitterfeld waren einfach genial!", freut sich noch heute Roland Watzke. Und kommt dann gleich auf seinen Punkt, der ihn als Unternehmer und Forscher seit vielen Jahren umtreibt: "Diese geniale Technologie, bei der mehrere Schichten spezieller Chemikalien auf das Filmband aufgetragen wurden, wodurch Spielfilme endlich Farbe ins Kino bringen konnten, war mit dem Siegeszug der Digitalisierung aber überhaupt nicht am Ende."
Watzke musste es wissen, war er doch seit 1978 im volkseigenen ORWO-Filmkombinat tätig und ab 1988 dort Produktionsdirektor. Wer, wenn nicht er, kannte die Stärken und Schwächen dieser Technologie? Kannte die Frauen und Männer, die Tag und Nacht in drei Schichten bis zu fümf Prozent des DDR-Nationaleinkommens allein in der Bitterfelder Industrieregion erwirtschafteten. Unter Arbeitsbedingungen, die am Ende der 1980er Jahre auch den überzeugtesten Chemiearbeitern die Tränen in die Augen trieben. Und das nicht nur bei Westwind.
Als erster Unternehmer seiner Branche hat Dr. Roland Watzke eine amtliche Bestätigung der Volksrepublik China erhalten, dass seine Pilzsporen das Wurzelwachstum messbar beschleunigen.
Mit der Wende in der größten DDR der Welt und nach dem Taumel der Wiedervereinigung stand der Alltag vor der Tür. Sowohl vor Watzkes Wohnung, als auch mit ungeahnter Wucht vor dem ORWO-Kombinat: "Einige von uns hatten zu Beginn der 1990er Jahre die Hoffnung, dass jetzt auch Bitterfeld und Wolfen eine neue wirtschaftliche Blüte erleben werden. Wer sich aber wirklich auskannte, wusste, wir haben keine Chance auf dem Weltmarkt mit unserer Technik von vorgestern."
Mit der Triton Umweltschutz GmbH machte sich Roland Watzke ab 1993 zum Unternehmer. Etwa 20 Hektar verschmutzte und bis in das Erdreich vergiftete Fabrikflächen im Bitterfelder Industrierevier rekultivierten er und seine Mitarbeiter in der Mitte der 1990er Jahre. Noch über 15 Jahre später erspürt man in seinen Augen das noch immer fast ein bisschen ungläubige Staunen über diesen ersten Erfolg damals: "Es ging also. Auch extrem kontaminierte Böden und Flächen können wieder zum Leben erweckt werden!", lautete ein in die Zukunft weisendes Fazit dieser Arbeit.
Und Watzke wäre nicht Roland Watzke, wenn er dieses Wissen einfach so in Bitterfeld hätte stehen lassen. Seine Gedanken kletterten über den anhaltischen Tellerrand hinaus und erspähten etwas ganz Besonderes: Pilze! Nein, keine Pfifferlinge oder Steinpilze, sondern Mykorrhiza-Pilze für die man schon ein Mikroskop braucht: "Klein und oho! Würde der Volksmund sagen.", hört man Roland Watzke lachen und fortfahren: "Diese minikleinen Wirbelwinde sind die Freunde vieler Wurzeln. Mykorrhiza-Pilzsporen stimulieren das Wachstum der Wurzel so stark, dass es eine Freude und für alle zu sehen ist."
Sein Wissen und das Knowhow seiner Mitarbeiter hat sich begonnen herumzusprechen - in China hat er nach über 18 Monaten als erstes ausländisches Unternehmen dieser Branche überhaupt ein staatlich anerkanntes Zertifikat erhalten, das die Wirksamkeit seiner Verfahren und Produkte zum Stimulieren des Pflanzenwachstums ohne Gentechnik amtlich bestätigt. Das war und ist für ihn die Eintrittskarte in das "Green Wall"-Projekt, mit dem in China die schnelle Wiederaufforstung mit Nadelbäumen und Pappeln vorangetrieben wird.
Aber auch 100.000 Oliven und Palmen unter marokkanischer Sonne kommen in den anregenden Genuss von Mykorrhiza-Pilzsporen, die Roland Watzke künftig in einer neuen Produktionsanlage in Bitterfeld-Wolfen herstellen will. Vorangegangen war der vom Bundesforschungsministerium unterstützte Wachstumskern "ReaWeC 2" zur Entwicklung einer Technologie zur Nassbeschichtung von zwei- und dreidimensionalen Oberflächen: "Und hier schließt sich der technologische Kreis", unterstreicht Roland Watzke. "Dieses Forschungsprojekt basierte auch auf der Beschichtung einer Oberfläche mit verschiedenen Substanzen, mit denen definierte Funktionen erfüllt werden können. Also wie damals beim Film. Nur besser, cleverer und zur Zeit ohne bedeutende Konkurrenz auf dem Weltmarkt."
Der Dichter und Unternehmer aus Anhalt strahlt, auch wenn er dies noch erleichterter täte, wenn sein neues Beschichtungszentrum in Sichtweite seines Büros schon im Bau wäre. Fast scheint es, als schüttele er den Kopf: "Eigentlich müssten wir jetzt über die finanzielle Chancengleichheit für Mittelständler in den neuen Ländern sprechen. Oder genauer über die Chancenungleichheit. Aber das ist eine andere Geschichte."
Weitere Informationen zum Innovativen regionalen Wachstumskerne ReaWeC 2 finden Sie hier.