Gardinen sticken und Gussteile: Technisches Sticken eröffnet für die Region Plauen neue Märkte

Gestickte Tischdecken und dekorative Deckchen kennt jeder, aber dass die Stickereitechnologie noch viel mehr kann: Das zeigte der Plauener Wachstumskern highSTICK auf seiner ersten großen Fachkonferenz, bei der die laufenden Projekte vorgestellt wurden, so z.B. ein erster Prototyp eines gestickten Sensors.

Jahrhundertealte Textiltradition: Plauen als Zentrum der deutschen Stickerei

Hans-Peter Hiepe (Mitte), Referatsleiter im BMBF, im Gespräch mit dem sächsischen Textilbeauftragten Prof. Dr. Franz Rudoph (links).

Plauen gehörte einmal zu den reichsten Städten Sachsens. Dieser Reichtum war eng verbunden mit der hier ansässigen Stickereiindustrie. Die Stadt war bereits im 15. und 16. Jahrhundert Zentrum des Tuchmacherhandwerks und der Baumwollweber, aber erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der ganz große Durchbruch. 1881 erfand Anton Falke in Plauen die Maschinengestickte Tüllspitze und bereits 1883 wurden die ersten Schiffchenstickmaschinen aufgestellt. Spitze konnte nun maschinell hergestellt werden, die Produkte wurden unter dem Namen "Plauener Spitze" weltbekannt. Auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 wird die Plauener Spitze mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Die Herstellung der weltweit begehrten Produkte bewirkt einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Plauen zieht die Menschen magisch an. In wenigen Jahrzehnten wächst die Einwohnerzahl auf das Fünffache. Lebten 1870 nur knapp 23.000 Einwohner in der Stadt, so sind es 1912 über 128.000. Plauen erlebt seine Blütezeit, großstädtisches Flair bestimmt das Stadtbild und 16.000 Stickmaschinen sind im Einsatz. Noch heute zeugen zahlreiche Gebäude von der einstigen Bedeutung Plauens.

Kernkompetenz Sticken schafft Perspektiven für die Zukunft

Nach der Blütezeit folgen bis heute mehrere schwere Krisen für die Plauener Stickereiindustrie, vor allem durch die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges und später nach 1989 durch die Anpassung der ostdeutschen Textilindustrie an den Weltmarkt. Trotz dieser Krisen und Arbeitsplatzverluste ist aber immer noch eines vorhanden, was die Region stark und einzigartig macht: das weltweit unvergleichliche Know-how in der Stickereitechnologie und eine große Wertschöpfungstiefe durch regionale Forscher, Entwickler, Anwender und Produzenten. Hier könnte zusammenarbeiten, was zusammengehört. Damit diese Zusammenarbeit auch stattfindet – engagiert, effektiv und an gemeinsamen Zielen orientiert – dafür engagiert sich das Bündnis highSTICK, ein Zusammenschluss von 17 regionalen Unternehmen, acht Forschungseinrichtungen und drei Bildungsinstitutionen. Gemeinsam wollen die Partner neue textile und nichttextile Werkstoffe verarbeiten, die Sticktechnik weiterentwickeln und durch „Technisches Sticken“ neue Märkte erschließen. In der Anfangsphase des Wachstumskerns stehen dabei Mobiltextilien, Bautextilien und Medizintextilien im Vordergrund.

Großes Interesse bei Fachbesuchern. Schwerpunktprojekte für drei wichtige Märkte

Die Kühlmanschette von highSTICK soll in Zukunft unter dem Gips getragen Schwellungen mindern, den Heilungsprozess beschleunigen und im Sommer für einen angenehmen Kühleffekt sorgen.

Auf ihrer ersten Fachkonferenz am 29.10.2008, zu der über 150 Gäste aus ganz Deutschland nach Plauen reisten, stellten die Bündnispartner ihre laufenden Projekte vor. Dazu zählen beispielsweise die Erhöhung der Tragwerkssicherheit von Bauwerken durch textile Sensoren, die Herstellung von neuartigen Flächenheizungen für Gebäude sowie von medizinischen Kühlmanschetten, gestickte Ausrüstungen für Druck- und Abwasserleitungen, eine verbesserte Funktionsweise von orthopädischen Hilfsmitteln, z.B. Bandagen und Orthesen, oder das Hohlkörpergießen von Maschinenbauteilen. Hier ermöglicht das Technische Sticken die Herstellung von dreidimensionalen belastbaren Strukturen, die als Verstärkungsmaterial für hohl gegossene Bauteile – so genannte Metall-Matrix-Composites (MMC) – dienen. Mithilfe der Computertechnik entstehen geometrische Formen wie Halbkugel und Kegel aus Glas-, Basalt- oder Karbonfasern, die in die Schmelze eingebettet werden. Durch die Kombination der Fertigungstechniken Sticken und Gießen lässt sich so zukünftig die Masse von Hohlgussteilen in Maschinen und Antrieben um bis zu 30 Prozent reduzieren.

„Mithilfe von highSTICK können sich die Beteiligten einen technologischen Vorsprung im Wettbewerb sichern“, erklärte Sachsens Textilbeauftragter Prof. Dr. Franz Rudolph, Vorsitzender des Deutschen Innovationszentrums für Stickerei e.V. (DIS). MinR Hans-Peter Hiepe vom BMBF verwies in seinem Grußwort darauf, dass die Region Plauen – bei aller Zurückhaltung angesichts der inflationären Verwendung des Cluster-Begriffs – ein Cluster mit gewachsener Tradition sei, ein Cluster der Textil- und Maschinenbauindustrie und im engeren Sinne der Plauener Spitze und der Stickereiindustrie. Für die zukünftige, nachhaltige Profilierung der Region sei die Identität von Kompetenz und Region ausschlaggebend. Potenzielle Kunden in aller Welt müssten wissen, dass sie in Plauen die Lösung für ihr Anliegen finden.

Weitere Informationen zum Wachstumskern highSTICK finden Sie hier.