Zwickauer Ausnahmetalent spielt mit Hightechgeige aus dem Erzgebirge

Für seinen Auftritt in der Carnegie Hall in New York überlässt das zwölfjährige Geigentalent Elin Kolev nichts dem Zufall – schon gar nicht die Wahl seiner neuen Geige. Die Entscheidung fiel auf eine „NewStrad“. Das Instrument wurde nach dem Vorbild einer Geige von Antonio Stradivari aus dessen bester Schaffensperiode entwickelt und vereinigt jahrhundertealte Geigenbaukultur und moderne Technologie in einer faszinierenden Mischung.

Für Geigenvirtuosen ist die Wahl eines neuen Instruments alles andere als ein Samstagnachmittagsbummel. Nicht weniger als perfekte Harmonie, das Verschmelzen von Künstler und Instrument ist das Ziel. Verschiedenste Legenden ranken sich um die Beziehungen zwischen Künstlern und ihren Geigen, einige Violinisten waren nicht einmal mehr bereit, ihre Geige von anderen Menschen auch nur berühren zu lassen. Ähnlich geht es bei der jahrhundertealten Tradition des Geigenbaus zu, wo selbst der Verwendung bestimmter Lacke eine maßgebliche Wirkung auf den Klang des jeweiligen Instruments nachgesagt wird. Dementsprechend konservativ zeigt sich die Geigenszene gegenüber Neuerungen auf dem Markt. Da klingt es beinahe verwunderlich, wenn ein zwölfjähriges Ausnahmetalent sich für eine Konzertreise in den USA für eine mit einem neuartigen Edelharz behandelte Geige aus dem Erzgebirge entscheidet. Besagtes Talent, der bereits mehrfach preisgekrönte Elin Kolev aus Zwickau, kann gegenüber konservativen Bedenkenträgern nur mit den Schultern zucken. Über seine neue NewStrad Geige sagt er bestimmt: „Das war ganz klar die beste von den Geigen, die ich bisher getestet habe.“

Wiederbelebung des Klangreichtums

v.l.n.r.: Marian Kolev, Elin Kolev, Dr. Friedrich Blutner und Dominik Hufnagl im Pressegespräch.

Die NewStrad Geige ist eine Entwicklung von Dr. Friedrich Blutner basierend auf Forschungsergebnissen des Wachstumskerns „intonato“. Blutner ist eigentlich im Sounddesign tätig und betreibt im Rahmen eines Firmenverbunds im Erzgebirge akustische Materialforschung. Dabei geht es darum, die Wirkung von Klängen und Geräuschen auf den Menschen zu analysieren und die gewonnenen Erkenntnisse im Produktdesign zu implementieren, damit beispielsweise die Autotür beim Zufallen auch wirklich „zu“ klingt. Nebenher forscht Blutner schon seit Jahrzehnten daran, den Geigenbau mit Hightechmethoden zu verbinden. Konkret geht es dem Forscher darum, Instrumente zu entwickeln, die einer echten Stradivari in Klangqualität in nichts nachstehen. Sein Geheimnis ist das bereits erwähnte „Edelharz“, das es ermöglicht, sensible Bereiche im  Korpus der Geige mehr auszuarbeiten als mit unbehandeltem Holz möglich. „Schon Stradivari hat sich gewünscht, bestimmte Stellen im Corpus der Geige dünner bauen zu können“, so Dr. Blutner. „Mit den damaligen Mitteln war das unmöglich. Heute können wir Stradivaris Traum wahr werden lassen.“

Das Konzept scheint sich auszuzahlen. In Hörtests schnitten die NewStrad Geigen besser ab, als die echten Stradivaris. Dr. Friedrich Blutner bleibt bescheiden. „Es geht hier in erster Linie gar nicht um Hightech, sondern um eine jahrhundertealte Kultur. Wir wollen einen Beitrag leisten, um die Klangvielfalt und den Klangreichtum wiederzubeleben, wie es ihn vor hunderten von Jahren, zu Hochzeiten des Geigenbaus, einmal gegeben hat.“ Dazu passt, dass auch für die NewStrad Geigen immer noch die fachkundige Hand eines Geigenbauers vonnöten ist, der in jahrelanger Ausbildung dieses diffizile Handwerk, bei dem selbst Millimeter über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, gelernt hat. „Bei aller Technik kann man nicht auf die Fähigkeiten eines erfahrenen Geigenbaumeisters verzichten“, erklärt Blutner. Dominik Hufnagl, einer der profiliertesten  Geigenbaumeister mit Werkstatt im Unterallgäu, der seit zwei Jahren mit Blutner zusammenarbeitet und auch die NewStrad für Elin Kolev angepasst und fein eingestellt hat, sieht das genauso: „Durch die NewStrad Technologie wird die Kunst des Geigenbauers nicht überflüssig gemacht“, so Hufnagl. „Sie bietet uns vielmehr neue Möglichkeiten, neues Potenzial. Die Anforderungen an den Geigenbauer bleiben jedoch dieselben.“

Bruchteile von Millimetern

Nicht weniger als 200 Stunden Bauzeit nimmt die Konstruktion einer hochwertigen Geige in Anspruch, dazu kommen in etwa noch einmal so viele Stunden für Einstellungsarbeiten und die verschiedenen Prüfverfahren – auch bei der NewStrad. Zwar nutzen Blutner und Hufnagl hochwertige Computertechnologie, um die Feineinstellung des Instruments zu überwachen (wobei das entsprechende Programm Millionen von Parametern bearbeiten muss), jedoch muss die Computertechnik hinter der jahrelangen Erfahrung und der Kunst des Geigenbauers zurücktreten. „Entscheidend sind immer die noch Intuition und die Fertigkeiten des Geigenbauers und natürlich die Wünsche des Künstlers“, so Blutner. Denn bei der Feinjustierung geht es oft um Kleinigkeiten. So beispielsweise beim Abstand der Saiten oder der Höhe des Stegs. Das Verrücken des Stimmstocks, der „Seele des Instruments“, um nur Bruchteile eines Millimeters kann entscheidende Änderungen im Klang der Geige hervorrufen. Eine ruhige Hand, handwerkliches Geschick und Erfahrung sind notwendige Voraussetzungen für den Geigenbauer, ebenso wie Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse der Künstler. Denn gerade bei der Feinjustierung ist eine außerordentlich intensive Zusammenarbeit zwischen dem Geigenbauer und dem Künstler notwendig.

Elin Kolev jedenfalls ist mit dem Ergebnis der Arbeit sehr zufrieden. Über seine neue Geige sagt er: „Sie hat einen weichen Klang, kann aber auch strahlen, wenn ich das möchte.“ Bei mehreren Soloauftritten hat sich das neue Instrument schon bewährt. Seiner USA-Tour im April und dem Auftritt in der Carnegie Hall sieht Elin Kolev daher auch gelassen entgegen. Die neue Geige wird der Junge jedoch, wie es sich für einen echten Violinisten gehört, wie seinen Augapfel hüten und bei den insgesamt 13 Flügen, die vor ihm liegen, keine Sekunde aus den Augen lassen. Kolev: „Die Geige kommt ins Handgepäck.“