Konferenz „ideenreich.zukunftssicher. 20 Jahre Aufbau Ost in Forschung und Innovation“

Hochkarätige Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bilanzierten am 28. September in Berlin 20 Jahre Aufbau Ost und identifizierten die zentralen Weichenstellungen für die kommenden 20 Jahre. Die 540 Gäste erlebten im axica Kongress- und Tagungszentrum geistreiche und teilweise sehr persönliche Reden, sahen Filmbeiträge und verfolgten eine Talkrunde mit Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Tenor: Es wurde viel erreicht, aber es gibt noch immer viel zu tun, um künftige Herausforderungen zu bewältigen. Und dafür hatte jeder der Konferenzteilnehmer seine ganz eigenen Ideen.

Der erste Redner des Tages, Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, stellte fest, dass es vor allem in Naturwissenschaften, Medizin und Technik keinen qualitativen Unterschied zwischen Ost und West mehr gebe. Der Spitzenclusterwettbewerb und die Exzellenzinitiative „greifen, unabhängig ob die Universität in Dresden, Leipzig, Stuttgart oder München ist“. Der erste Ministerpräsident des Freistaates Sachsens warnte aber davor, bei Bildung und Forschung zu sparen, und plädierte dafür, alle personellen Ressourcen zu mobilisieren. Dazu gehörten sowohl die über 50jährigen als auch die nachwachsende Generation. „Wettbewerb und Offenheit sind für die Zukunft unverzichtbar“, stellte Biedenkopf fest und forderte, „zu unterstützen, was Chance hat, nicht was sicher ist“.

Eine Bilanz über zwanzig Jahre Forschung im Vereinigungsprozess zog Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer. Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft lobte den insgesamt erfolgreichen Vereinigungsprozess in der Forschung und die „Erfolgsgeschichte der Transformation“ der Akademie der Wissenschaften bzw. ihrer Institute – wies allerdings auch auf die damaligen Probleme hin. Die neuen und engen Kooperationen, die außeruniversitäre Einrichtungen mit den Hochschulen eingegangen sind, seien „für die Exzellenzinitiative wegweisend“ gewesen. Mit Blick auf die Zukunft plädierte er dafür, die Grenzen zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung noch stärker infrage zu stellen.

Einen „innovationsphilosophischen Blick von außen“ warf Prof. Dr. Hans N. Weiler auf die ostdeutschen Hochschulen. „Ostdeutschland hat einiges zu bieten“, stellte Weiler fest und verwies unter anderem auf neue Verbundformen der Hochschulen mit außeruniversitärer Forschung und Wirtschaft, auf die vielfältigen Formen der Interdisziplinarität und die internationale Verflechtung. In Zukunft seien allerdings mehr finanzielle Mittel nötig, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hochschulen zu sichern. Weiler wünschte sich eine weitere Differenzierung von Wissen und Ausbildung, etwa mittels neuer Möglichkeiten des Übergangs von der schulischen zur universitären Ausbildung. Wie Biedenkopf verwies er auf das Innovationspotenzial der Älteren und schlug eine Aufhebung der Altersgrenze für Hochschulprofessoren vor.

Anschließend sahen die Konferenzteilnehmer den Film „Weltpremiere in der dritten Dimension“, der die Vorbereitungen zum ersten 3-D-Live-Konzert der „Fantastischen Vier“ am Abend der Konferenz in Halle dokumentiert – und an dem auch das vom BMBF geförderte Innovationsforum „3-D Cinema und Stereoskopische Medienproduktionen“ mitwirkte.

Prof. Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Reiner Haseloff, Minister für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt und Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern und Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Länder [v.l.].

Prof. Dr. Annette Schavan hob in ihrer Rede den „großen intellektuellen Beitrag“ hervor, den Wissenschaft und Forschung für die innere Einheit geleistet hätten. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung verwies auf die „Erfolgsgeschichten und die damit verbundene qualitative und nachhaltige Verbesserung der ostdeutschen Innovationslandschaft“. Die Förderphilosophie des BMBF werde den spezifischen strukturellen Voraussetzungen Ostdeutschlands gerecht, insbesondere mit den Programmen „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ und „Unternehmen Region“. „Wir kommen vom Aufbau Ost und haben die Zukunft Ost fest im Blick“ erklärte Schavan. Auf Zukunftsfeldern wie erneuerbare Energien, Medizintechnik oder Gesundheitswirtschaft brauche Ostdeutschland keinen Vergleich zu scheuen. Dennoch müssten sich Wirkungsgrad und Umsetzungsgeschwindigkeit von Fördermaßnahmen erhöhen, Technologietransfer und Innovationsmanagement weiter verbessern. Schavan kündigte an: „Das BMBF bleibt ein verlässlicher Partner für Ostdeutschland.“ 

Auch Dr. Reiner Haseloff, Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt, sprach von einer „Erfolgsgeschichte, die in keinem anderen Nationalstaat weltweit in den letzten 20 Jahren“ stattgefunden hat. Heute gebe es bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) keine Ost-West-Unterschiede mehr, das Problem seien allerdings fehlende Großunternehmen.  Konkret forderte Haseloff, Mehrfachförderungen bei Unternehmenserweiterungen zuzulassen und steuerliche Hemmnisse beim Generationswechsel abzubauen. Der Minister warb für mehr Kooperation und Spezialisierung – auch bei Hochschulen. In deren Wettbewerbsfähigkeit erkannte Haseloff noch Nachholbedarf und schlug deshalb vor, „dass man etwas mehr ankommen lässt bei uns als rein mathematisch berechnet wurde“.

Der Bundesinnenminister, Dr. Thomas de Maizière, wies auf im Osten vielerorts entstandene Innovationsschwerpunkte hin und forderte Wissenschaftler und Unternehmer auf: „Machen wir was aus den Schwerpunkten!“. De Maizière, der auch Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Länder ist, schlug vor, sich nicht ständig am (bundesdeutschen) Durchschnitt zu orientieren. Hochschulen wie Unternehmen müssten stattdessen den Mut zu Exzellenz und Profilbildung aufbringen, den „Mut zu differenzieren und zu sagen, was gut ist und was nicht“. Dies könne der Staat nicht. Schließlich warb er dafür, weniger über Abwanderung zu reden und die positive Seite unbesetzter Lehrstellen zu betonen: „Keine Generation von jungen Leuten hatte in den letzten 20 Jahren so gute Chancen wie heute.“

Im Anschluss konnten die Konferenzgäste einige der angesprochenen Erfolgsgeschichten kennen lernen. Der Film „7 aus über 2000“ berichtete von spannenden Projekten aus Greifswald, Berlin, Potsdam, Magdeburg, Leipzig, Hermsdorf und Jena.

Diskussionsrunde am Nachmittag

In der abschließenden Talkrunde diskutierten Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft über die „Zukunft Ost: Perspektiven, Chancen und Notwendigkeiten“.

Prof. Dr. Tilman Brück vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung forderte mehr Mut zu Reformen und eine höhere Reformgeschwindigkeit. Die Politik müsse den Trägern von Forschung und Innovation vor Ort mehr Freiheiten zugestehen und mehr Verantwortung übertragen – und Unterschiede zulassen. Prof. Dr. Michael Baumann, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der TU Dresden, schloss sich Brücks Forderung nach mehr Freiheit von politischer Seite an, verlangte aber auch eine stärkere Fokussierung und mehr Mut auf Seiten der Wissenschaft: „Voraussetzung für Erfolg ist, dass man etwas leisten kann und will“.

Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam und des DAAD, verwies auf die Kreativität und das Innovationspotenzial, das in der Zusammenarbeit von Hochschulen und Forschungseinrichtungen liege. Politik und die Hochschulen selbst sollten Standorte mit Zukunftspotenzial festlegen. Die Hochschulen müssten deutlich internationaler werden, etwa durch Anstellung ausländischer Dozenten – und das bei einer guten finanziellen Ausstattung. Für mehr Internationalisierung plädierte auch Prof. Dr. Thomas Pertsch von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er prophezeite einen internationalen Wettkampf um Studenten, dem man sich mit gezielter Werbung stellen müsse – z.B. durch Gründung von Auslands-Dependancen. Auch müsse man grundsätzlich über die Grenzen von Bundesländern hinweg denken.

„Wir werden mehr Transferleistungen brauchen, wir werden aber auch Ideen liefern müssen, um die Mittel umzusetzen“, gab Prof. Dr. Thomas Lenk zu bedenken. Der Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen und Public Management an der Universität Leipzig wünschte sich zudem eine noch stärkere Fokussierung auf naturwissenschaftliche und technische Disziplinen und verwies auf die Notwendigkeit Technischer Universitäten in dicht besiedelten Regionen. Noch früher setzte der geschäftsführender Gesellschafter der TETRA GmbH in Ilmenau, Olaf Mollenhauer, an. Er schlug ein bundesweit einheitliches Schulsystem vor und betonte die Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Außerdem müssten Innovationen schneller und besser in Geld umgewandelt werden – und weitere Anstrengungen zur Aggregation von KMU unternommen werden.

Im Anschluss an das Resümee von Moderator Christoph Teuner nutzten Teilnehmer und Gäste den Empfang, um gewonnene Erkenntnisse zu vertiefen und zu diskutieren, den von Ministerin Schavan vorgestellten „Innovationsatlas Ostdeutschland 2010“ durchzublättern – und, um die Ausstellung „ideenreich.zukunftssicher. Die Zukunft Ost im Blick“ zu besuchen. Oder auch, um am Abend der Weltpremiere in 3-D beizuwohnen – und so ein ganz konkretes Ergebnis aus 20 Jahren Innovationsförderung in Ostdeutschland zu erleben.


Weitere Informationen zur Ausstellung "ideenreich. zukunftssicher. Die Zukunft Ost im Blick." erhalten Sie hier.