Rasseln, stottern, heulen und klopfen

Wie Produkte klingen, wird immer wichtiger. Lärm oder Klang, die Käufer sind sensibel und die Soundqualität kann beim Kauf eine wichtige Rolle spielen. Dr. Friedrich Blutner erforscht seit vielen Jahren mit seinem Unternehmen Synotec Psychoinformatik grundlegende Fragen des Sounddesigns. Bei dem von ihm veranstalteten 2. Sounddesignforum stellte er seine Forschungsergebnisse und Überlegungen vor.

Satt, rappelfrei und kurz

Etwa 15 Teilnehmer, darunter Akustikspezialisten namhafter Automobil- und Hausgerätehersteller, waren nach Berlin-Adlershof gekommen, um in dem zweitägigen Seminar einen kompakten Überblick über moderne Psychoakustik und Soundgestaltung zu bekommen. Einer der thematischen Schwerpunkte war die Soundgestaltung in der Autoindustrie. Dr. Ralf Heinrichs, Gruppenleiter für Vehicle Sound Quality bei der Ford-Werke GmbH und zuständig für die Soundqualität aller europäischen Ford-Fahrzeuge, konnte hier viele Erfahrungen und methodische Kenntnisse weitergeben. Die Sounddesigner der Automobilindustrie müssen sich mit rund 100 verschiedenen Geräuschen in einem Auto beschäftigen. Viele davon müssen als „Störmuster“ weitgehend reduziert oder sogar eliminiert werden, weil sie vom Kunden als nervend empfunden werden. Die Fahrt in die nächste Werkstatt lässt dann nicht lange auf sich warten, denn ein rasselndes Getriebe z.B. sorgt für Verdruss und lässt den Fahrer an der Zuverlässigkeit des ganzen Fahrzeugs zweifeln. Andere Geräusche können nicht komplett beseitigt, sondern nur akustisch optimiert werden wie z.B. das Geräusch der Lüftung oder der Tür beim Schließen. Während es hier vor 15 Jahren noch erhebliche und deutlich hörbare Unterschiede gab, lautet heute das gemeinsame Credo fast aller Hersteller: Satt, rappelfrei und kurz. Mit einem tiefen, kurzen Geräusch fällt die Tür ins Schloss. Am interessantesten für die Fahrzeughersteller sind die Soundkomponenten, mit denen eine unverkennbare Signatur des Herstellers definiert werden kann, also eine eigene Klangwelt geschaffen wird, die der Kunde mit dieser Marke verbindet. Diese akustische Brand Identity ist das Ziel jedes Herstellers, man ist einzigartig und unterscheidet sich deutlich von den anderen z.B. durch einen ganz spezifischen Motorsound. 

Wie werden die Elektroautos klingen?

Das Ohr nimmt eine einzigartige Zwischenstellung im Orchester der Sinne ein. Ein trainierter Hörer kann z.B. über 60 Apfelsorten alleine am Geräusch beim Hineinbeißen erkennen.

Diese Frage treibt die Branche um und keiner weiß die Antwort. Fest steht: Elektrofahrzeuge sind bei niedrigen Geschwindigkeiten nahezu lautlos (Bei höheren Geschwindigkeiten sind Reifen- und Windgeräusche lauter als die Motorgeräusche). Der Mensch ist aber seit Urzeiten darauf trainiert, seinen Hörsinn zum Erkennen von Gefahren einzusetzen. Bei geräuschlosen Fahrzeugen entfällt diese Warnfunktion. Damit besteht eine höhere Gefährdung als bisher für Fußgänger, Radfahrer und Kinder. Man geht davon aus, dass es keine ausreichende Gewöhnung an diesen Zustand geben wird. In Japan wird bereits ein Gesetz über ein Mindestaußengeräusch vorbereitet, und auch in den USA und der EU rechnet die Branche mit solchen Vorgaben. Aber wie sollen diese Geräusche klingen? Und wie klingt es im Innenraum, denn das gewohnte Geräusch des Verbrennungsmotors entfällt und die verbleibenden Fahrzeuggeräusche weisen in der Regel keine gute Geräuschqualität auf, einzelne Aggregate sind deutlich besser hörbar als vorher. Auch die Rückmeldung an den Fahrer ist vollkommen anders als bisher und die für viele Fahrer emotionale Geräuschkulisse beim Beschleunigen und Gangwechsel entfällt.

Die neue Stille gestalten. Aber wie?

Darüber diskutierten die  Seminarteilnehmer in Adlershof sehr angeregt und es wurde deutlich, dass sich der eine richtige und wahre Weg noch nicht abzeichnet. Noch liegen zu wenige Erfahrungen, Ergebnisse und verlässliche Daten über die Wünsche der Verbraucher vor. Wollen die Fahrerinnen und Fahrer die Stille im Fahrzeug genießen und kultivieren? Dann bedeutet das höhere Anforderungen an die Geräuschqualität der Einbauteile und damit an die Zulieferer. Wird es einen Sound geben, der sich an das Geräusch der bisherigen Verbrennungsmotoren anlehnt? Oder eine komplett neue Soundkulisse, modern und „spacig“. Und welche Bedeutung und Aufgabe haben die Sounddesigner der Fahrzeughersteller? Gibt es eine „kulturelle Mission“ der Designer, wie Friedrich Blutner provokant fragte, um eine akustische Umweltverschmutzung zu verhindern. Oder wird der Markt alles organisieren und ein vielfältiges  Spektrum an Sounds bereitstellen und sogar individuelle Klänge ermöglichen. Kommt also der Handy-Klingelton fürs Auto? Es wird noch sehr spannend werden.

 

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