Die Sinnlichkeit des Klangs

Um andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden, sollen Elektroautos in Zukunft lauter werden. Das hat die UNO beschlossen. Einer freut sich jetzt schon darüber: Dr. Friedrich Blutner von der Synotec Psychoinformatik GmbH, der das Thema bereits seit Jahren verfolgt. Und auch auf dem 3. Sounddesignforum wird es wieder um den Klang von E-Fahrzeugen gehen. Unter anderem.

Autos müssen Lärm machen! Was wie das Motto eines Tuning-Clubs mit angeschlossener Schrauberwerkstatt klingt, kommt in Wirklichkeit von den Vereinten Nationen. Unter deutschem Vorsitz hat eine UN-Expertengruppe in Genf beschlossen, dass Elektrofahrzeuge in Zukunft lauter sein müssen – aber nicht lauter als herkömmliche Fahrzeuge. Bis zu einem Tempo von 20 Stundenkilometern sollen außerhalb des Fahrzeugs gegebenenfalls künstlich erzeugte Geräusche deutlich machen, ob der Fahrer beschleunigt, bremst oder mit konstanter Geschwindigkeit fährt.

Dr. Friedrich Blutner auf dem eROCKIT, das einen Elektroantrieb mit dem Prinzip des Fahrradfahrens kombiniert. Das bis zu 80 Stundenkilometer schnelle Hybrid-Zweirad beschleunigt wie ein Motorrad, ist dabei aber viel leiser.

Gefährliche Leisetreter

Das alles hat wenig mit dem Spaß am Krach und viel mit der Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer zu tun. Elektromotoren sind im Vergleich zu herkömmlichen Antriebskonzepten extrem leise. Im unteren Geschwindigkeitsbereich fehlt eine akustische Information, die vor allem für schwächere Verkehrsteilnehmer eine wichtige Warnfunktion hat: Fußgänger und Fahrradfahrer, Senioren und Sehbehinderte sind durch die Leisetreter im Straßenverkehr in Gefahr.

„Wir wollen leise, aber auch sichere Elektrofahrzeuge“, sagt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. „Gerade bei der Sicherheit darf es zu herkömmlichen Fahrzeugen keine Abstriche geben.“ Denn die Zahl der Hybrid- und Elektrofahrzeuge nimmt stetig zu. Bis 2020 sollen allein auf deutschen Straßen eine Million Elektrofahrzeuge unterwegs sein, die UN-Beschlüsse sogar schon ab Sommer 2011 umgesetzt werden. Ambitionierte Ziele – und ein riesiger Zukunftsmarkt.

Deosprays, Würste und Autos

Dr. Friedrich Blutner weiß um das wirtschaftliche Potenzial von Geräuschen. Seit Jahrzehnten erforscht er als Wissenschaftler grundlegende Fragen der Akustik und des Sounddesigns. Von Deosprays über Bohrmaschinen und Geigen bis hin zur Wurst beim Hineinbeißen: In seinem Unternehmen Synotec Psychoinformatik GmbH im sächsischen Geyer beschäftigt er sich mit den unterschiedlichsten Klängen. Dazu gehören auch die von Automobilen. Als klassische Tonquellen, die typisch für ein bestimmtes Fahrzeug oder einen Hersteller sind, gelten die Geräusche von Blinker, Türen und – mit Abstand am wichtigsten – dem Motor.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Entscheidung der UN-Experten und ihrer Forderung nach lauteren E-Motoren. Doch im Erzgebirge beschränkt man sich längst nicht auf die sicherheitsrelevanten Aspekte. Denn Klang ist ein wichtiger Informationskanal, er ruft Assoziationen und Erinnerungen hervor. Dabei geht es neben der Beseitigung von Störgeräuschen vor allem um Geräusche, die Produkte individueller machen und die Funktion unterstützen. So trägt der Sound von Verbrennungsmotoren für viele Autofahrer ganz entscheidend zu einem sinnlichen Fahrerlebnis bei.

Die Sinnlichkeit von Basis-, Herz- und Kopfnoten

Genau darum geht es beim „3. Sounddesignforum“, das am 4. und 5. Mai 2011 im Erzgebirge stattfindet. Neben Sound- und Störmustern steht eine neue Sinnlichkeit des Hörens im Mittelpunkt. Am Beispiel von Elektroautos tauchen die Teilnehmer ein in die „Architektur der Klänge und Gestaltung der Basis-, Herz- und Kopfnotenmerkmale“. Als Referenten begrüßt Seminarleiter Friedrich Blutner Akustikexperten und Praktiker, die die Wirkungsmuster von Schall unter verschiedenen Aspekten beleuchten, darunter akustische Markenidentitäten, der Einfluss des Unbewussten auf das Kaufverhalten oder Trends der zukünftigen Geräuschlandschaft im urbanen Raum.

Das Sounddesignforum findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt.

 

Weitere Informationen unter www.sounddesignforum.de