Der Schlüssel des Lebens - die Regulation der Gene

Wie Noten lässt er Gene zusammenspielen: Der ausgebildete Konzertpianist Nikolaus Rajewsky lässt sich bei allem, was er tut, von seiner Neugier leiten und setzt seine kreativen Ideen scheinbar mühelos in der Wissenschaft um.

Die Begründung bei der Verleihung des Leibniz-Preises im Februar 2012 lautete: „Professor Nikolaus Rajewsky erhält den Preis, weil er neue Maßstäbe in der Systembiologie gesetzt und darüber hinaus die Lebenswissenschaften insgesamt bereichert hat. In seinen Arbeiten kombiniert er höchst kreativ und produktiv die Physik und Mathematik mit der Systembiologie, die die regulatorischen Prozesse in ganzen Zellen oder Organismen über die genom- oder proteomweiten Ebenen hinweg betrachtet“.

Ah ja, und was heißt das? Der Systembiologe vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) hat tatsächlich eine für den Laien einfacher klingende Erklärung: „Die Interaktion von Genen ist ein Schlüssel, um zu verstehen, wie das Leben funktioniert.“

Nikolaus Rajewsky untersucht diese Interaktion.
Er vergleicht seine Arbeit mit der eines Fotografen, der in einen dunklen Raum hinein blitzt: „Wie in einem Schnappschuss können wir erstmals sehen, wie Gene miteinander kommunizieren.“

Von der Fahrradkette zum Automatikgetriebe

Was bedeutet einem Wissenschaftler eigentlich ein solcher Preis? „Mit dem Leibniz-Preis wird der Kreativität und den nächsten wissenschaftlichen Projekten geholfen“, so der Wissenschaftler. „Leider muss ich jedoch gestehen: Als ich den Preis überreicht bekommen habe, konnte ich an gar nichts denken.“

In der Begründung für die Zuerkennung des Leibniz-Preises heißt es weiter, von besonderer Bedeutung seien seine Arbeiten zu den microRNAs – kleinen, nicht-codierenden Ribonukleinsäuren (RNAs), die eine Schlüsselrolle bei der Steuerung zellulärer Prozesse, aber auch bei der Entstehung von Krebs und anderen Krankheiten spielen.

Und in einfachen Worten? „Lange Zeit galt die RNA ausschließlich als Übermittlungsmedium, das die Botschaft bestimmter Abschnitte des Erbguts DNA in die Fabriken der Zellen trägt, die daraus je nach Bauplan bestimmte Proteine herstellen“, so Rajewsky. Seit rund zehn Jahren aber weiß man, dass die RNA nicht einfach wie eine Fahrradkette zwei Zahnräder verbindet und Informationen eins zu eins überträgt. Vielmehr funktioniert sie eher wie ein Automatikgetriebe, das die Aktivitäten in Zellen hoch- oder runterregelt oder sogar auf „Aus“ stellen kann.

Die Lebenswissenschaften spielten im Leben von Nikolaus Rajewsky zunächst keine so große Rolle. Wichtig waren ihm die Mathematik und die Physik, Biologie wählte er in der Schule sogar ab. Es zog ihn zur Musik. Zeitgleich jedoch zu seiner Pianistenausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen promovierte er in Köln in Theoretischer Physik.

Warum hat er sich dann doch der Wissenschaft gewidmet, nach seinem Abschluss als Konzertpianist? „Weil ich dachte, dass man als durchschnittlich guter Wissenschaftler immer noch besser leben kann als als durchschnittlich guter Pianist“, gibt er lächelnd zu. Das Wort „durchschnittlich“ ist hier allerdings falsch platziert: Nach einem ersten Postdoktorat in New Jersey (USA) ging er für ein zweites an die Rockefeller University in New York und danach als Professor an die New York University (NYU), wo er sich der Systembiologie zuwandte.

Das Leben in zwei verschiedenen Welten – Deutschland und Amerika – ist es vielleicht gar nicht so unterschiedlich? „Doch, natürlich gibt es da Unterschiede, aber es gibt überall Vor- und Nachteile. Für mich zählt nur, dass Berlin eine sehr dynamische und interessante Stadt ist und so gut in mein Leben passt, dass ich mir momentan schlecht einen anderen Ort vorstellen kann“, schwärmt Rajewsky.

Wirklich ausgezeichnet

Nikolaus Rajewsky hat bereits zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter 2010 den Wissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. 2008 wurde er Global Distinguished Professor of Biology an der New York University.

Professor Nikolaus Rajewsky und der Präsident der DFG, Professor Matthias Kleiner, bei der Leibniz-Preisverleihung (Photo: David Ausserhofer/Copyright: MDC)

Was treibt einen Mann, der schon so viel erreicht hat, eigentlich an? „Die Neugier natürlich“, sagt Rajewsky, der Systembiologe mit dem vollen Terminkalender, der zur EMBO (Europäische Organisation für Molekularbiologie) gehört und einer der renommiertesten Molekularbiologen weltweit ist. Auf die Frage, was ihm das Wichtigste auf der Welt sei, antwortet er daher auch nur kurz und knapp mit: „Lebendigkeit“. Glaubt er daran, dass man Krebs und andere, oft tödlich endende Krankheiten eines Tages wirklich heilen kann? „Ja“, meint er mit Überzeugung. „Ich glaube, dass man gerade in den nächsten Dekaden, getrieben durch die neuen Sequenziermethoden, große Fortschritte bei der Krebsbekämpfung erreichen wird.“

Aufschlüsse über seine Motivation bietet ein Interview mit dem ZEIT-Magazin, das Nikolaus Rajewsky gemeinsam mit seinem Vater Klaus gab, einem der einflussreichsten deutschen Forscher auf dem Gebiet der Genetik: Vater und Großvater sind bzw. waren bekannte Biophysiker, der Onkel Krebsforscher, die Mutter Professorin für Politikwissenschaft. Auch der überwiegende Rest der Familie war und ist in der Forschung tätig. Ein vorbestimmter Weg also? Nicht unbedingt. Aber dass er am MDC inzwischen mit seinem Vater, teilweise in Kooperationsprojekten, zusammen arbeitet, ist einfach nur ein Gewinn – für beide.

Es sind die bereits erwähnte Lebendigkeit und die Kreativität, die ihn als Wissenschaftler beflügeln. Und vielleicht die Aussicht, etwas besonders Wichtiges und Wirksames für die menschliche Gesundheit zu entdecken. Immerhin ist es kein normaler nine-to-five-Job, wenn man mit Leidenschaft an einem Projekt arbeitet, das den Menschen Gesundheit und ein langes Leben bieten kann. Dann geht die Arbeit – zumindest im Kopf – auch nach Feierabend weiter.

The Wild Wild West

Nikolaus Rajewsky, der sich hauptsächlich von seiner Neugier treiben lässt, beschreibt die Zeit vor ca. 15 Jahren in der Biologie als „eine Atmosphäre wie im Wilden Westen“: „Alles schien möglich, die Molekularbiologie und die Genetik wurden zunehmend mathematisch beschreibbar. Für jemanden wie mich, der mit komplexen Daten umgehen kann, bot das unglaubliche und kreative Möglichkeiten.“ Nikolaus Rajewsky arbeitet ganz klar daran, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Was möchte er eigentlich noch erreichen? „Ich möchte, natürlich nicht alleine, weiterhin neue Wege in der Forschung gehen. Das wäre etwas Wunderbares“, sagt Rajewsky. Als Professor für Systembiologie am MDC und als wissenschaftlicher Leiter des Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB) ist sein Einfluss auf die Verbindungen zwischen theoretischer, experimenteller und translationaler Forschung schon jetzt immens.

Die Verleihung des Leibniz-Preises dürfte die Verbindungen vor allem zwischen seiner alten Heimat New York und Berlin zudem kräftig befördert haben. Das BIMSB wurde 2008 gegründet, finanziert vom BMBF im Rahmen von "Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern" und kofinanziert vom Berliner Senat. Es arbeitet eng mit lokalen und internationalen Forschungseinrichtungen zusammen, insbesondere mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Charité - Universitätsmedizin Berlin sowie mit der New York University. Mit der NYU hat das BIMSB ein gemeinsames internationales Doktorandenprogramm eingerichtet.

Und wie entspannt sich eigentlich jemand, der ständig neue Wege gehen will? „Ich liebe es natürlich noch immer, mich ans Klavier zu setzen, dort kann ich am besten abschalten. Und ich spiele leidenschaftlich gerne Fußball“, ergänzt Rajewsky.

 

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