Erster weltweiter Sepsis-Tag: von wegen „bloß eine Blutvergiftung“

Am ersten Welt-Sepsis-Tag wurde mit unterschiedlichen Veranstaltungen, Vorträgen und Mitmach-Aktionen in vielen Städten auf der ganzen Welt darauf aufmerksam gemacht, dass die Sepsis (besser bekannt als Blutvergiftung) eine weit häufigere Todesursache ist als Krebs, HIV/AIDS oder Herzinfarkt.

Eine Blutvergiftung – das hört sich nicht so dramatisch an, oder? Ist es aber: Alle drei bis vier Sekunden stirbt weltweit ein Mensch daran (18 Millionen Erkrankungen, acht Millionen Tote), allein in Deutschland erkranken jährlich rund 150.000 Menschen an Sepsis, 60.000 sterben. Damit ist die Sepsis die dritthäufigste Todesart in Deutschland.

Impression von einer Veranstaltung zum ersten Welt-Sepsis-Tag am Brandenburger Tor in Berlin.

Daher war es höchste Zeit, mit einer weltweiten Aktion auf diese weitgehend unbekannte Tatsache aufmerksam zu machen. Bei rund 40 Veranstaltungen in Berlin, London, New York, Peking und vielen anderen Städten wurden am ersten World Sepsis Day die globalen Bemühungen unterstrichen, der tödlichen Krankheit entgegenzutreten und zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Im thüringischen Jena, beim Zentrum für Innovationskompetenz SEPTOMICS, wo die Sepsis genauer erforscht wird, um Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu verbessern, wurde umfangreich zum Thema informiert. Es gab einen Vortrag des SEPTOMICS-Nachwuchsforschungsgruppenleiters Prof. Dr. Oliver Kurzai und bei verschiedenen Mitmach-Aktionen konnten sich Besucher informieren und u.a. Sepsis-Erreger unter dem Mikroskop ansehen oder lernen, wie man sich korrekt die Hände wäscht und desinfiziert.

An vielen Orten auf der Welt wurden gemeinsam mit Ärzten, Wissenschaftlern, Betroffenen und Interessierten Sepsis-Überlebenslichter entzündet. Und spätestens beim Anblick der vielen Kerzen vor dem Brandenburger Tor in Berlin, wird klar: Das Anzahl der Betroffenen ist groß. Vor Ort konnten sich Passanten von vielen freiwilligen Helfern (u.a. Medizinstudenten und Ärzten) aufklären lassen: Eine Blutvergiftung muss nicht zwangsläufig mit einem aufgeschlagenen Knie oder einem eingerissenen Fingernagel zu tun haben, über diese Kanäle jedoch kann der Erreger in den Körper gelangen – also quasi täglich. Auch Pilzerkrankungen gehören zu den häufigsten Sepsis-Auslösern. Kein Grund zur Hysterie, aber mit einer Sepsis ist nicht zu scherzen: Wenn die Erreger erst einmal im Blut gelandet sind, breiten sie sich in Windeseile im ganzen Körper aus und können zu einem multiplen Organversagen führen.

Dass Menschen jeden Alters, Geschlechts und Herkunft von Sepsis betroffen sein können, zeigt die Liste derjenigen, die am Welt-Sepsis-Tag an den verschiedenen Veranstaltungen über ihre Erkrankung sprachen und dabei eindringlich darauf hinwiesen, welch ein Kampf es war, die Sepsis zu überstehen. Dabei könnte man sich gegen eine Sepsis auch schützen: Mediziner sind sich einig, dass mit einer Schutzimpfung schon viel gewonnen wäre. Oft jedoch haben selbst Mediziner nicht das nötige Bewusstsein dafür, wie bedrohlich diese Krankheit ist. Der „Trend“ zum Nicht-Impfen wird im allgemeinen größer, „das sehen wir auch in den Kinderarzt-Praxen, wo sich immer mehr Eltern dagegen entscheiden, ihr Kind beispielsweise gegen Masern impfen zulassen“, erzählt ein Arzt bei einer Veranstaltung in Berlin. Auch das Wort „Antibiotikum“ löse bei vielen Menschen bereits ablehnende Reaktionen aus, beklagt ein Medizinstudent am Brandenburger Tor.

Und wenn man nicht geimpft ist und erste Anzeichen (Fieber, Schüttelfrost, Taubheit oder Schmerzen in den Gliedmaßen) bemerkt? Dann muss es schnell gehen! Prof. Dr. Konrad Reinhard, Chairman der Global Sepsis Alliance und Sprecher des ZIK SEPTOMICS, steht am Brandenburger Tor und spricht von der „goldenen Stunde“: „Das ist die Zeit, in der eine Blutvergiftung möglichst erkannt werden sollte. Mit unseren Forschungen bei SEPTOMICS in Jena wollen wir erreichen, dass die Sepsis nicht übersehen wird, denn eine schnelle Einleitung einfachster Behandlungsmaßnahmen kann das Todesrisiko halbieren.“ Wird die Infektion innerhalb der ersten Stunde erkannt und behandelt, hat der Patient eine 80-prozentige Überlebenschance. Nach sechs Stunden hat der Erkrankte nur noch eine 30-prozentige Chance zu überleben. Intensivmediziner Reinhard wünscht sich eine Schutzimpfung gegen Pneumokokken, denn das Risiko der Blutvergiftung könnte so deutlich verringert werden. „Die meisten Sepsis-Fälle sind die Folge einer Lungenentzündung, und dagegen schützt die Pneumokokken-Impfung“, erklärt Reinhard und rät vor allem älteren Menschen, Diabetikern, Menschen mit chronischer Lebererkrankung und Patienten, denen die Milz entfernt wurde, zur Impfung. Nur ein Drittel dieser Risikogruppe sei geimpft, ergänzt der Professor.

Wenn also Überlebende erzählen, dann heißt das tatsächlich, dass man diese Krankheit auch nicht überleben kann? Reinhard: „Ja, in vielen Fällen wird die Blutvergiftung nicht erkannt, und die falsche Diagnose führt zur falschen Behandlung. Dabei kann es zu dramatischen Fehldiagnosen kommen, die zwar nicht immer den Tod zur Folge haben, aber häufig eine Amputation von Gliedmaßen, die nicht mehr zu retten sind.“

Höchste Zeit also für Aufklärung: Die Veranstaltungen der Global Sepsis Alliance (GSA) wurden von Regierungsmitgliedern, Medizinern, Wissenschaftlern, Sepsis-Überlebenden und der Öffentlichkeit unterstützt. Der World Sepsis Day wurde von ca. 2000 Krankenhäusern, Organisationen, Medizinern und Privatpersonen weltweit gefördert.

 

Nähere Informationen zum Jenaer ZIK SEPTOMICS stellen wir Ihnen hier zur Verfügung. In unserer Mediathek finden Sie außerdem einen kurzen Film, in dem wir Ihnen aus Anlass des World-Sepsis-Day die Arbeit des ZIK SEPTOMICS vorstellen.