„In Greifswald konnte ich endlich mein Wissen anwenden“

Das Erasmus-Stipendium führt ihn 2001 erstmals nach Greifswald. Der polnische Pharmaziestudent Grzegorz Garbacz knüpft erste Kontakte zur Pharmazeutischen Technologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität und zu Professor Werner Weitschies. Nach seinem Abschluss in Breslau kommt er zurück nach Greifswald. Bis heute ist Garbacz geblieben – nun promovierter Wissenschaftler und Unternehmer.

Die Medizinische Universität Wrocław (Breslau) ist eine kleine Hochschule mit rund 5000 Studenten. Tradierte Strukturen mit viel theoretischem Pauken, wenig persönlicher Betreuung und wenig Praxisnähe hat der Student Garbacz dort. „Wir mussten uns fast alles selber aus den Lehrbüchern beibringen, hatten aber keine Ahnung davon, wie man Tabletten herstellt oder prüft“. Forschungsfreiheiten hat der Student an seiner Heimatuni keine. Dabei sind so viele Ideen in seinem Kopf, die er ausprobieren will.

Grzegorz Garbacz geht seinen Forschungsimpulsen sofort nach: "Ich habe eine Idee und werde von ihr mitgenommen."
Grzegorz Garbacz geht seinen Forschungsimpulsen sofort nach: "Ich habe eine Idee und werde von ihr mitgenommen."
Als er 2004 sein polnisches Diplom in der Tasche hatte, zog es ihn wieder nach Greifswald in die Pharmazeutische Technologie zu Professor Weitschies. „Hier konnte ich endlich mein Wissen anwenden“. Erst einmal muss er aber für ein paar Monate in die Apotheke, vor allem, um ein bisschen mehr Deutsch zu lernen und mehr über Medikamente zu erfahren.

Dann bietet ihm Weitschies eine Diplomarbeit an und eröffnet ihm Forschungsfreiheiten. Garbacz bekommt einen Institutsschlüssel und Geräte. Ihm steht auch eine erstklassig ausgestattete feinmechanische Werkstatt zur Verfügung, die von hervorragenden Fachleuten betrieben wird. „Ich hatte das Gefühl, selber an einem neuen Thema arbeiten zu können, das war neu und toll“, erzählt Garbacz. Er kann sich immer unkompliziert einen Rat bei einem Professor holen, er schätzt die kurzen Wege. In Polen musste er oft wochenlang warten, bis jemand Zeit hatte.

„Gehofft habe ich viel – zum Glück waren ein paar Sachen wirklich gut“

Garbacz arbeitet gerne im Alleingang: „Ich habe eine Idee und werde von ihr mitgenommen, ich mache dann ein, zwei Messreihen selber, um zu sehen ob das klappt. Wenn sich alles bestätigt, dann gehe ich auf mein Team zu. Die Idee kommt plötzlich, und dann muss ich hinterher und mache es sofort“.

Ein starkes Team: In der Physiolution GmbH arbeitet man an Testgeräten und Verfahren, um die Wirkstofffreisetzung von Medikamenten zu untersuchen.
Ein starkes Team: In der Physiolution GmbH arbeitet man an Testgeräten und Verfahren, um die Wirkstofffreisetzung von Medikamenten zu untersuchen.
Ein erster Erfolg ist die Entwicklung und der Bau eines Testgerätes für die Untersuchung der Wirkstofffreisetzung von Tabletten unter körperähnlichen Bedingungen. "Als ich 2005 anfing, meinen ersten Stresstester zu entwickeln, hatte ich das Gefühl, dass das was wird und dass es etwas Wertvolles ist, was ich dort tue. Ich habe die ersten Geräte mit gebaut, ich kenne wirklich jede Schraube, das war toll. Ich habe ein Produkt von der Idee bis zur Fertigstellung entstehen sehen“. Auch in dieser Zeit werden die Entwicklungsschritte von der kritischen Meinung Weitschies begleitet. „Was ich von Werner Weitschies gelernt habe, ist, dass man Dinge durchzieht, von denen man überzeugt ist“, sagt Garbacz mit ein wenig Stolz.

Nach seinem Diplom in pharmazeutischer Technologie entwickelt er das Verfahren weiter und schreibt darüber seine Doktorarbeit. In dieser Zeit gründet Garbacz mit seinem Doktorvater das Unternehmen Physiolution GmbH, eine Ausgründung der InnoProfile-Initiative „Drug-Delivery-Technologien“. Die technischen Entwicklungen der Medikamentenfreisetzungsgeräte haben Marktreife erlangt. Da wurde quasi über Nacht die Firma gegründet, um Aufträge von Pharmafirmen annehmen zu können.

Ein großes Ziel vor Augen

Mit Erlangung des Doktortitels 2010 arbeitet Garbacz fast ausschließlich als Unternehmer im Labor der Physiolution GmbH. Da macht es ihm am meisten Spaß, auftretende Probleme zu lösen, denn Garbacz mag keine Routine. „Wenn man in die Routine verfällt, entwickelt man sich nicht weiter“, sagt er. „Ich muss hier die wirtschaftliche mit der wissenschaftlichen Seite verbinden. Wenn ich das nicht schaffe, kann ich auch meine Habilitationsarbeit vergessen."

Mit dem Stresstester lässt sich die Wirkung von Tabletten im Körper prüfen. Grzegorz Garbacz möchte ihn weiterentwickeln.
Mit dem Stresstester lässt sich die Wirkung von Tabletten im Körper prüfen. Grzegorz Garbacz möchte ihn weiterentwickeln.
Garbacz möchte den Stresstester weiterentwickeln: „Eines Tages sollen Medikamentenentwickler ein Testgerät in der Hand halten, mit dem sie zuverlässig die Wirksamkeit von Medikamenten testen können, sodass man sagen kann, hier sind zwei gleiche Arzneiformen, die eine gibt Probleme, verfolgen sie dies nicht weiter.“

Dafür braucht der 33-jährige Wissenschaftler nach eigener Einschätzung mindestens noch ein paar Jahre. Und wenn notwendig, ist er auch bereit, das ganze wissenschaftliche Leben der spannenden Fragestellung zu widmen.

Reisen ins Ungewisse

Der junge Student ist viel gereist. Er war per Anhalter in Sibirien und im Jahr 2000 in Nepal, zusammen mit einem Sandkastenkumpel, wie er es nennt. „2003 sind wir durch Skandinavien gefahren und hatten auf unseren Fahrädern Essen für drei Wochen dabei.“ 

An seinem Arbeitsplatz verbringt Grzegorz Garbacz viel Zeit. Er bezeichnet sich selbst als "Laborwesen".
An seinem Arbeitsplatz verbringt Grzegorz Garbacz viel Zeit. Er bezeichnet sich selbst als "Laborwesen".
Seit zwei Jahren hat sich der Reisestil etwas geändert: „Ich weiß jetzt ungefähr, wo ich übernachte, meine Frau Dorota besteht darauf.“ Garbacz hat seit vier Jahren eine Familie, er ist Vater von Maria und Helena. Das hat sein Leben verändert. Morgens bringt er Maria in die Krippe, arbeitet im Labor und holt sie am Nachmittag wieder ab. Dann wird Zuhause bis in den Abend weitergearbeitet. „Kulturell kann ich nicht viel sagen, weil ich eher ein Laborwesen bin. Ich muss hier hart arbeiten,  aber ich mache es am Ende für mich selber, und das kann mir keiner nehmen. Meine Arbeit wird anerkannt. Das gibt mir viel Kraft.“

Über Karriere hat Garbacz nie nachgedacht. Aber er kann sich nicht vorstellen, etwas zu machen, das ihm keinen Spaß macht. Zum Schluss kommt er selber zu einer Bilanz, die auch sein weiteres Handeln bestimmen wird, indem er sagt: "Die Chance ist eigentlich das Einzige, was man hat."



Nähere Informationen zur InnoProfile-Initiative Drug-Delivery-Technologien finden Sie hier.