Die junge Wissenschaftlerin hängt an der Nadel

Für die 27-jährige Medizintechnikerin Mandy Kaiser ist es selbstverständlich, dass ihr Berufsstand Hand in Hand arbeitet mit der operierenden Ärzteschaft. Die junge Wissenschaftlerin von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg stellt sich auf dem Forschungsgebiet minimal-invasiver medizinischer Behandlungsmethoden der Herausforderung, dass die Mini-Instrumente für den Arzt nicht ein zusätzliches technisches Problem darstellen, sondern leicht zu bedienende Hilfsinstrumente sind, von denen der Mediziner profitiert.

Wie sieht ein Arbeitstag von Mandy Kaiser aus? „Ganz unterschiedlich“, sagt die junge Frau. Da gäbe es Tage im Büro, die müssen sein, schließlich warten Forschungsdaten auf ihre Auswertung. Auch die Internet-Recherche nach weltweit schon vorhandener Medizintechnik gehöre zu ihrer Aufgabe, sagt die Doktorandin. Schließlich solle das sprichwörtliche „Fahrrad“ nicht zum zweiten Mal erfunden, aber technisch weiter entwickelt werden. „Auch die Hospitationen und Gespräche mit den Ärzten sind für unsere praxisnahe Forschung eine unentbehrliche Grundlage“, Mandy Kaiser lächelt: „Es hat ein bisschen gedauert, bis ich die Sprache der Ärzte gelernt habe. Aber jetzt verstehen wir uns.“

Mandy Kaiser ist Doktorandin am Forschungscampus STIMULATE.
Mandy Kaiser ist Doktorandin am Forschungscampus STIMULATE.
Mandy Kaiser hatte an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg Elektrotechnik studiert. Respekt! Nur wenige Frauen trauen sich auf dieses Terrain. Muss man für ein solches Studium gut in Mathe sein? Eine Frage, die sich vor allem viele Mädchen stellen und sich dann doch nicht heranwagen an die sogenannten MINT-Studienfächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Ihr Abitur hat sie in Leipzig gemacht – und damals längst nicht an ihre künftige Studienrichtung gedacht, als sie Englisch und Mathe zu ihren Leistungskurs-Fächern wählte. Sie wollte ursprünglich Jura studieren, erzählt sie und dass sie froh ist, davon abgekommen zu sein. „Meine Freundin hat es gemacht ...“

Um auf das Mathe-Problem zurück zu kommen: „Man kann sich doch einfach mal in Vorlesungen rein setzen und möglicherweise feststellen, dass Mathe gar nicht so schlimm ist“, sagt Mandy aus eigener Erfahrung. An der Magdeburger Uni nahm sie das Angebot des Mathevorkurses dankbar an und profitierte davon im Verlauf ihres Studiums.

Weil die Medizintechnik so spannend ist ...

Mandy Kaiser fühlt sich wohl in dem Metier, für das sie sich entschieden hat. Wohl, weil sie sich im Vorfeld ihrer Berufswahl umgeschaut, informiert und „reingeschnuppert“ hat, wo es nur möglich ist. Was ja auch als Ausschlussverfahren gut geeignet ist.

Mandy Kaiser (li.) und ihre Studentin Svenja Hübner entwickeln den Prototyp einer Liegevorrichtung für den MRT.
Mandy Kaiser (links) und ihre Studentin Svenja Hübner entwickeln den Prototyp einer Liegevorrichtung für den MRT.
Sie arbeitete als Hilfswissenschaftlerin an der Uni, um ihren Lebensunterhalt studiennah verdienen zu können. Nicht nur, dass sie während dieser Zeit eine Programmiersprache erlernte und das selbständige Arbeiten. Sie lernte Prof. Georg Rose kennen. Heute ist er ihr Doktorvater. Damals führte er sie ein in die Welt der „Intelligenten Katheter“. Kurz INKA heißt das vom BMBF geförderte Forschungsprojekt im Rahmen des InnoProfile-Programms. Nachwuchswissenschaftler entwickeln hier innovative Medizintechnik, die neuartige minimal-invasive und kathetergestützte Eingriffe in den Bereichen Neurologie, Tumortherapie und Orthopädie ermöglicht. „Ich, die Elektrotechnik-Studentin, war begeistert“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Selbstredend schrieb sie dann ihre Diplomarbeit zu einem medizintechnischen Thema. In glücklicher Fügung wurde nach Abschluss ihres Studiums bei INKA eine Stelle frei.

Inzwischen ist das Forschungsgebiet noch umfangreicher und heißt „Forschungscampus STIMULATE“ – Solution Centre for Image guided local Therapies. Der Name ist Programm. Mandy Kaiser ist Teil eines jungen Wissenschaftler-Teams, das Technologien für bildgeführte minimal-invasive Methoden zur Verbesserung medizinischer Behandlungen entwickelt.

Weil die Röhre so lang ist ...

Wir haben uns natürlich am spannendsten Arbeitsplatz der jungen Forscherin getroffen – im MRT-Labor. In der Umgebung eines 3 Tesla starken Magnetresonanz-Tomographen (MRT) betreiben Mandy Kaiser und ihre Kollegen die Forschung, die nah dran ist an der praktizierenden Medizin: Die präzise Navigation der Mini-Instrumente erfordert den Einsatz externer Bildgebungsverfahren. Tesla ist die Einheit für die magnetische Flussdichte. „Der Trend geht wegen seiner sehr scharfen Bilder hin zum geschlossenen 3 Tesla MRT“, sagt Mandy Kaiser und demonstriert auch gleich das damit zusammenhängende Problem: Angesichts der zwei Meter langen Röhre des geschlossenen MRT kann man sich gut vorstellen, dass der Arzt mit seiner Einstichkanüle an den Tumor in der Brust etwa oder in der Leber schlecht rankommt.

Mandy Kaiser (li.) wertet mit Studentin Svenja Hübner die vom MRT gescannten Bilder aus. Auf denen erscheint die Mini-Nadel als stark vergrößertes Artefakt. Ein Umstand, der Gegenstand ihrer Forschung ist.
Mandy Kaiser (links) wertet mit Studentin Svenja Hübner die vom MRT gescannten Bilder aus. Auf denen erscheint die Mini-Nadel als stark vergrößertes Artefakt. Ein Umstand, der Gegenstand ihrer Forschung ist.
Um bei einer Brustbiopsie eine Distanz zu überwinden, die länger ist als ein Ärzte-Arm, sind Mandy Kaiser und Kollegen dabei, den Prototyp für eine neue Lagerungsvorrichtung zu entwickeln. Was deren Bequemlichkeit betrifft, ist die noch nicht so ausgereift, dass sie einem Probanden zuzumuten wäre. Aber auch da sind Mandy Kaiser und ihre Studentin Svenja Hübner, die gerade ihre Masterarbeit im Bereich Medizintechnik schreibt, erfinderisch. Ihr Brustmodell, mit dem sie in der neuen Lagerungsvorrichtung arbeiten, ist aus Gelatine. Weintrauben darin simulieren die Tumore, die von der Nadel präzise angesteuert werden sollen. Damit wäre Mandy beim Thema ihrer Doktorarbeit. Sie erforscht, inwieweit miniaturisierte Instrumente wie Katheter, Nadeln oder Elektroden verbessert werden können, damit sie bei den bildgeführten Eingriffen leicht handhabbar sind und punktgenau platziert werden.

Am Bildschirm demonstriert sie, wo das Problem liegt: Auf computergenerierten Bildern zeigt sich eine 3mm dünne Nadel als ein Artefakt von etwa 1,63 cm. Das könne unter Umständen den Tumor verdecken, der auf dem Bild so klein erscheint, wie er in natura ist – was eine große Hausforderung für die erforderliche Präzision bei der Instrumentenplatzierung bedeutet. „Aber wir haben da Ideen ...“, deutet Mandy Kaiser an.

Man wird davon hören und lesen. Für 2014 hat sie sich die Verteidigung ihrer Doktorarbeit vorgenommen.


Nähere Informationen zum InnoProfil INKA erhalten Sie hier. Zum Forschungscampus STIMULATE finden Sie hier weitere Informationen.