Die Braunkohle ist ihre berufliche Energiequelle

Ein riesiger Schornstein weist den Weg nach Amsdorf. Er ist das Ausrufungszeichen von ROMONTA. Die Botschaft des Montanwachsherstellers: „Allein zum Verbrennen ist unsere Kohle zu schade.“ Getreu seiner Philosophie ist das Unternehmen einer der Initiatoren des ibi-Bündnisses. Dr. Carola Tretner koordiniert und bündelt die ibi-Forschungsaktivitäten.

„Was machen die eigentlich da mit ihrem riesigen Schornstein?“ Wenn eine Chemikerin aus Halle in ihrem Umland auf solchen 170 Meter hohen Fingerzeig eines kohleverarbeitenden Unternehmens stößt, stellt sie sich diese Frage schon aus beruflichem Interesse. „Was macht ROMONTA mit der Kohle?“ Carola Tretner erzählt, dass sie manchmal gezielt Ausflüge in die Nähe des faszinierenden Schornsteins unternahm.

Die Chemikerin Dr. Carola Tretner entwickelt entsprechend den Kundenanforderungen Wachse nach Maß.
Die Chemikerin Dr. Carola Tretner entwickelt entsprechend den Kundenanforderungen Wachse nach Maß.
Die Dörfer rund um Amsdorf haben sich inzwischen zur Gemeinde „Seegebiet Mansfelder Land“ zusammengetan. Wie der Name assoziiert, ist dies tatsächlich eine landschaftlich reizvolle Gegend mit kleinen Seen und Weinbergen.

2008 hatte das Unternehmen die Stelle für einen Chemiker in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung ausgeschrieben. Im sechsten Jahr jetzt fährt Carola Tretner auf die Anhöhe zu „ihrem“ Unternehmen. Sie steigt ein paar Treppen hoch zur Forschungs- und Entwicklungsabteilung von ROMONTA. Dort wollte sie bewusst ein Arbeitszimmer ohne! den herrlichen Ausblick. „Ich würde ja nur aus dem Fenster raus schauen und träumen“, sagt sie entschieden.

Ein nachhaltiger Glückstreffer

Von 1988 bis 1993 hatte die gebürtige Magdeburgerin an der Martin-Luther-Universität in Halle Chemie studiert. Ihre ersten beruflichen Schritte führten in eine Zeit, die schwierig war für den Chemiestandort Mitteldeutschland. Die gesamte Industrie war im Umbruch. Zunächst blieb Carola Tretner an der Uni und promovierte. Der Laie kapituliert beim Aufschreiben des Titels ihrer Doktorarbeit. „Ist eigentlich ganz einfach“, lacht die Expertin und fasst kurz zusammen: „Es ging um Untersuchungen in der anorganischen Koordinationschemie.“

Ihre Stelle bei ROMONTA war – nach einigen befristeten Jobs in der Wirtschaft und in einer Forschungseinrichtung – die eigentliche Wiederbegegnung mit ihrem Studienfach. Und: Es war ihre erste feste Anstellung. „Da war ich 38 Jahre alt“, betont Carola Tretner. Sie ist Vertreterin einer Generation junger Menschen, die in der DDR ihr Studium begannen und sich dann auf grundlegend gewandelten Berufsfeldern orientieren mussten. „Von meinen Kommilitonen ist niemand mehr hier“, sagt sie und dass sie solch ein Aufgabengebiet wie ihres als einen Glückstreffer zu schätzen weiß.

60 Prozent der Montanwachse werden je nach Kundenwunsch gebleicht und gefärbt. Durch diese Veredelung werden dem dunklen Rohmontanwachs neue Einsatzgebiete erschlossen.
60 Prozent der Montanwachse werden je nach Kundenwunsch gebleicht und gefärbt. Durch diese Veredelung werden dem dunklen Rohmontanwachs neue Einsatzgebiete erschlossen.
Auch für den kohleveredelnden Betrieb ROMONTA hat sich seit den Wendejahren der Absatzmarkt gewandelt. 1922 war auf der Grube Rießer bei Amsdorf die zu jener Zeit größte und modernste Anlage zur Montanwachsgewinnung in Betrieb gegangen. Heute, beinahe 100 Jahre später, ist der Betrieb weltweit führend, wenn es um die Entwicklung moderner Technologien zur Montanwachsgewinnung geht.

Weltweit steigt die Nachfrage an Montanwachs als wichtiger Grundstoff in vielen Industriezweigen, z.B. für Schmierstoffe, Polituren, Trennmittel. Die Baustoffindustrie, die Asphalt- und Bitumenindustrie benötigen Montanwachs ... Nicht zuletzt die Feingussindustrie ist mit ihren ständig wachsenden Anforderungen ein Innovationstreiber für die Wachsentwicklung. Allerdings steigen auch die Anforderungen an das aus Kohle gewonnene Wachs. Durch Veredelung hat es sogar Verwendung u.a. in der Kosmetik- oder Keramikindustrie gefunden.

Wachse nach Maß

Ob sie die einzige Frau war, die sich bei ROMONTA beworben hatte? Carola Tretner weiß es gar nicht. Auch, warum die Wahl auf sie fiel, habe sie nie hinterfragt. Es sei im Bewerbungsgespräch gar nicht so vordergründig ums Fachliche gegangen, erinnert sich die heute 44-Jährige. „Die Unternehmensführung wollte wohl herausfinden, ob da eine wissenschaftliche Mitarbeiterin kommt, die auch die Kompetenzen für einen guten Kontakt zum Kunden mitbringt. Die auch Willens und in der Lage ist, ihre Forschung in den Dienst des Kunden zu stellen.“ Soll heißen: Am Ende der Arbeit im Labor soll genau das Wachs herauskommen, das der Kunde braucht, beziehungsweise haben will.

Im Labor wird das Montanwachs geschmolzen und mit anderen Rohstoffen versetzt, bis das Spezialwachs die gewünschten Eigenschaften hat.
Im Labor wird das Montanwachs geschmolzen und mit anderen Rohstoffen versetzt, bis das Spezialwachs die gewünschten Eigenschaften hat.
„Nein, meine Arbeit mit der Kohle ist keine schmutzige“, Carola Tretner lacht. Seit ihrer Einstellung bei ROMONTA ist sie auf dem Forschungsfeld der Feingusswachse zu Hause. Sie informiert sich beim Kunden vor Ort, was für ein Spezialwachs genau gebraucht wird. Sie recherchiert nach den Rohstoffen, die sie dazu benötigt. Dann wird im Labor so lange experimentiert, bis das maßgeschneiderte Produkt passt.

„Unseren Kunden kommen natürlich auch die Ideen und Produkte zugute, die wir im ibi-Forschungsbündnis entwickeln“, sagt die Chemikerin. Das Kürzel ibi steht für Innovative Braunkohlen Integration in Mitteldeutschland. ROMONTA war einer der Initiatoren dieses branchenübergreifenden und vom BMBF geförderten Wachstumskerns zur stofflichen Nutzung der heimischen Braunkohle. Am Ende will ibi den Prototyp einer Anlage bauen, die den fossilen Rohstoff aufbereitet und ihn zu chemischen Basisstoffen veredelt. Gerade hat das Unternehmen eine Technikumsanlage zur Aufbereitung der Braunkohle in Betrieb genommen. Was hier in den Test geht, wird von Carola Tretner koordiniert, analysiert und in Berichten zusammengefasst. „Aber ein paar Kohlenextraktionsversuche im Labor mache ich noch selber!“, betont Carola Tretner. Auch wenn inzwischen der Anteil ihrer theoretischen Forschungsarbeit viel umfangreicher ist, so ganz will sie sich den Spaß an der geliebten Laborarbeit nicht nehmen lassen.


Nähere Informationen zum Wachstumskern ibi finden Sie hier.