Wie hat die Wende Ihr Leben verändert?

Der international renommierte Strahlenforscher Michael Baumann übersiedelte vor zwanzig Jahren von Hamburg nach Dresden und zieht Bilanz; der Textilforscher Ralf Bauer schildert das Auf und Ab der Textilbranche in den vergangenen 25 Jahren; und die Alternsforscherin Dagmar Pöthig berichtet über die Riesenchance in ihrem „zweiten Leben“.

„Mich in Dresden an der Aufbauarbeit beteiligen zu können, empfand ich als enorm reizvoll“

Von der Öffnung der innerdeutschen Grenze erfuhr ich während eines Forschungsaufenthaltes 1989 an der Harvard University in Boston – beim Feierabendbier in einem Pub. Damals ahnte ich noch nicht, dass die weiteren Entwicklungen in Deutschland mein Leben gravierend beeinflussen. Zunächst kehrte ich Ende 1989 an meine Universität nach Hamburg zurück. Die Silvesternacht verbrachte ich am Brandenburger Tor in Berlin. Ich war damals 27 Jahre alt. An diesem Platz in Berlin mit allen zusammen zu feiern, war für mich ein ganz besonderes Gefühl, weil ich Ost-Berlin schon zu DDR-Zeiten mehrfach bereist hatte.

1993 promovierte ich auf dem Gebiet der Strahlentherapie. In unserer beruflichen Laufbahn ist es üblich, dann das akademische Umfeld zu wechseln. 1994 entschied ich mich für Dresden. Einerseits, weil ich den damaligen Direktor der dortigen Klinik für Strahlentherapie kannte und mir eine Zusammenarbeit mit ihm gut vorstellen konnte. Andererseits war 1993 in Dresden die jüngste Medizinische Fakultät Deutschlands gegründet worden. Mich hier an der Aufbauarbeit beteiligen zu können, empfand ich als enorm reizvoll.

Dr. Michael Baumann (51) ist Professor für Strahlentherapie und Radioonkologie sowie Klinikdirektor und Direktor des „OncoRay“-Zentrums an Uniklinikum und Helmholtz Zentrum Dresden.
Dr. Michael Baumann (51) ist Professor für Strahlentherapie und Radioonkologie sowie Klinikdirektor und Direktor des „OncoRay“-Zentrums an Uniklinikum und Helmholtz Zentrum Dresden.
Meine Frau und ich leben und arbeiten nun seit 20 Jahren in Dresden. Und ich kann sagen: Die Entscheidung war richtig. Es ist viel an Forschung und Entwicklung passiert in dieser Zeit. In unserem Team haben wir es uns u.a. zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig alle Förderprogramme durchzuschauen, um zu sehen, wo unsere eigenen Ideen und Vorhaben gut hineinpassen. Ziel unserer Forschungstätigkeit ist es, die Heilung von Krebskranken durch eine biologisch individualisierte, technologisch optimale Strahlentherapie zu verbessern. Mit Hilfe des BMBF gründeten wir 2004 das Zentrum für Innovationskompetenz für medizinische Strahlenforschung in der Onkologie (ZIK) „OncoRay“. Hier trifft die Kompetenz von Biologen, Medizinern und Physikern auf diesem Gebiet zusammen. Wir entwickeln Verfahren, die eine für jeden Patienten individuelle Strahlentherapie ermöglichen.

Die medizinische Spitzenforschung aus Dresden findet mittlerweile internationale Beachtung. Meine Vision ist es, dass sie sich in 20, 30 Jahren auf einem weltweiten Spitzenplatz fest etabliert hat. Als Mediziner mit hautnaher Berührung zur Praxis liegt mir natürlich sehr viel daran, dass die neuen Methoden in der Klinik zum Einsatz kommen und die Patienten davon profitieren.

„Die Zeit brach an, in der selbstbestimmtes Handeln und Kreativität gefragt waren“

Der Wendeherbst mit seinen Montagsdemonstrationen hatte eine ganz besondere Atmosphäre. Ich war 33 Jahre alt und arbeitete damals in der Forschungsabteilung des Chemiefaserkombinats „Wilhelm Pieck“. Wir entwickelten ein Verfahren zur Herstellung einer hochwertigen Viskosefaser für die Bekleidungsindustrie, und ich war gerade der zuständige Geschäftsbereichsleiter geworden. Meine Hauptabteilung hatte mannigfaltige Probleme bei der Einführung der Pilotanlage und war einem Extremdruck – auch von Seiten der Politik – ausgesetzt. Meine solide Ausbildung an der Ingenieurhochschule Köthen und das anschließende Forschungsstudium halfen mir und meinem Team damals über manche Klippe hinweg.

Dr. Ralf Bauer (58) leitet das Thüringische Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung e.V. (TITK) in Rudolstadt.
Dr. Ralf Bauer (58) leitet das Thüringische Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung e.V. (TITK) in Rudolstadt.
1989 hatte ich das Gefühl des Aufbruchs in eine neue Zeit, in der man vielleicht auch sein berufliches Tun kreativ und selbstbestimmt gestalten kann. Aber auch die aufkommenden existenziellen Ängste erwiesen sich als nicht ganz unberechtigt. Drei Jahre später war der Viskosemarkt zusammengebrochen. Die Treuhand bescheinigte, dass unser Betrieb nicht sanierungsfähig sei und verkaufte ihn 1991 für die symbolische Mark an einen indischen Konzern. Dieser war jedoch nur an der Gewerbefläche interessiert. Wir konnten dann allerdings die vielfältigen Förderangebote des Landes Thüringen klug nutzen. Gemeinsam mit der Landesentwicklungsgesellschaft gründeten wir 1991 die Schwarza Faser GmbH und ich wurde Geschäftsführer. Jetzt brach wirklich die Zeit an, in der selbstbestimmtes Handeln und Kreativität gefragt waren: beim Zusammenstellen neuer Produkte, beim Erschließen neuer Märkte, beim Aufbau eines Vertriebsnetzes… Und wir begannen, die Spielregeln der sozialen Marktwirtschaft zu beherrschen. Doch als ein großer Anbieter über Nacht seine Preise senkte, mussten wir einer Tatsache klar ins Auge sehen: Unter den Wettbewerbern in Westeuropa waren wir einer der kleinsten und schlecht aufgestellt. Viskosefasern aus Rudolstadt hatten keine Chance mehr.

„Alternative Cellulose Rudolstadt“ hieß der neue Weg, den ich mit dem Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung gegangen bin. 1997 gründeten wir die ALCERU SCHWARZA GmbH. Funktionsfasern in all ihren Facetten führten unseren geschichtsträchtigen Produktionsstandort in eine neue Richtung und hin zum BMBF-geförderten Wachstumskern ALCERU HIGHTECH – Cellulosewerkstoffe-Rudolstadt. 25 Jahre nach der Wende ist der Standort wirtschaftlich gut aufgestellt und wächst dynamisch. Mehrere Hightech-Ausgründungen sprechen für sich. Vor einem Jahr hat das TITK auf der Basis unserer neuen Technologien, die Weltniveau besitzen, ein weiteres Unternehmen gegründet. Es lohnt sich, Forschung und Entwicklung in diese Richtung fortzusetzen.

„Ich habe die Grenzöffnung fassungslos erlebt, aber beherzt genutzt.“

Als ich am 9. November 1989 im Fernsehen verfolgte, wie Schabowski verkündete, die Grenzen seien offen, war ich fassungslos. Beherzt ergriff ich die Möglichkeit und zog im Januar 1990 mit der Familie nach Hessen. Ich wollte das für mich neue Gesellschaftssystem authentisch begreifen und mitgestalten. Das war goldrichtig. Ich kenne jetzt beide Systeme von Grund auf. Die Hälfte meines Berufslebens habe ich im Osten verbracht. Es war – obschon politisch unfrei – eine bildungs- und kinderfreundliche Zeit. Ich konnte problemlos meine Kinder allein aufziehen, zwei Facharztexamen ablegen und mich wissenschaftlich qualifizieren – vom Diplom bis zur Habilitation.

Privatdozentin Dr. med. habil. Dagmar Pöthig (67) ist Alternsforscherin und Fachärztin für Innere Medizin sowie Sportmedizin, seit 2001 Vorstandsvorsitzende der Europäischen Vereinigung für Vitalität und Aktives Altern eVAA e.V.
Privatdozentin Dr. med. habil. Dagmar Pöthig (67) ist Alternsforscherin und Fachärztin für Innere Medizin sowie Sportmedizin, seit 2001 Vorstandsvorsitzende der Europäischen Vereinigung für Vitalität und Aktives Altern eVAA e.V.
Am Alternsforschungszentrum Max Bürger der Universität Leipzig haben wir auf höchstem Niveau gearbeitet. Es war weltweit unikat, einen strikt fachübergreifenden und ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen: Was können Biologen, Gesundheitswissenschaftler und Ärzte gemeinsam dazu beitragen, dass der Mensch gesund und vital älter wird? Obschon uns damals viele renommierte Spezialisten aus den USA, Westeuropa und Japan aktiv kontaktierten, gelangte unser Wissen de facto nicht über die Grenzen des Ostblocks hinaus. Das hatte die bekannten politischen Gründe. Der seit der Jahrtausendwende boomende westliche Trend zur „Atomisierung“ des Wissens tat sein übriges. Das starke „geist`ge Band“ (Mephisto!) der Bürger Schule prägt mich glücklicherweise im wissenschaftlichen Denken und Handeln bis heute.

2001 bin ich nach Leipzig zurückgekehrt und habe zusammen mit „alten und neuen“ Experten die Innovationsplattform „Demografie + Gesundheitsressourcen“ etabliert. Wir wollen die in den Wendewirren verschüttet gegangenen und im demografischen Wandel dringend benötigten wissenschaftlichen Schätze der Leipziger Alternsforschung in Anwendung bringen. Das BMBF-Innovationsforum 2005 „Neue Technologien und Dienstleistungen für den Gesundheits- und Arbeitsmarkt von morgen“ gab unserem Partnernetzwerk starke Impulse.

Ich bin dankbar, dass ich in einem „zweiten Leben“ die Riesenchance erhielt, neu zu starten und mein Wissen in Innovation umzumünzen. Das wurde erst nach 1989 möglich. Mein Credo ist, in der Gesundheitsversorgung den Bedarf des Menschen und nicht die Angebote des Systems bzw. Marktes in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist das Einfache, das schwer zu machen, aber durchaus möglich ist.