Die Antwort in der Lücke

Zu Knäueln und Stricken verklebte Proteine als Auslöser neurodegenerativer Erkrankungen – was passiert bei Alzheimer und Parkinson auf biochemischer Ebene? Carla Schmidt, neue Nachwuchsgruppenleiterin am ZIK „HALOmem“ in Halle, will dies erforschen.

„Biophysikalische Charakterisierung von medizinisch relevanten Membranproteinen“ – ein Monstrum von Name. Carla Schmidt lacht. Ja, sie hätte es auch gern etwas kürzer, wenn sie nach ihrem neuen Aufgabengebiet gefragt wird. Vor ein paar Wochen bezog die junge Wissenschaftlerin ihr Büro bei HALOmem (membrane protein structure und dynamics). Das Zentrum für Innovationskompetenz (ZIK) ist an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angesiedelt und wird seit 2008 vom Bundesforschungsministerium gefördert. Nun stehen zwei neue Nachwuchsforschungsgruppen in den Startlöchern – eine von ihnen leitet Carla Schmidt. Die 34-Jährige denkt sehr positiv an ihre Bewerbungsgespräche in Halle und Berlin. „Aus fachlicher Sicht bekam ich genau die Fragen, die ich mir auch gestellt hätte.“ Sie lacht wieder.

Carla Schmidt will auch auf den Straßen von Halle schnell vorangkommen – und steigt auf ihr Rad. (Foto: PRpetuum GmbH)
 
Carla Schmidt will auch auf den Straßen von Halle schnell vorangkommen – und steigt auf ihr Rad.
Foto: PRpetuum GmbH  

Beruflich zumindest hat die Niedersächsin auch allen Grund. Während des Chemie-Studiums in Leipzig entwickelte sie ihre Neigung zur Bioanalytik. Ab 2006 promovierte sie am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen auf dem Gebiet der bioanalytischen Massenspektrometrie.

 

Fachwissen und Tee aus England

Carla Schmidt bietet Tee an. Den hat sie aus England mitgebracht – und ihr Fachwissen, das sie zur Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe prädestiniert. Ihr Fachgebiet ist die Massenspektrometrie mit ihren verschiedenen Techniken zur Analyse von Proteinen und Lipiden. „Diese werden mit Lösungsmitteln gesprüht, damit sie in einem Massenspektrometer gemessen werden können“, sagt die Wissenschaftlerin. 2011 war sie als Postdoktorandin an die Uni in Oxford gegangen, weil dort eine Technik entwickelt wurde, mit deren Hilfe Proteinkomplexe gesprüht wurden, ohne dass diese auseinander fallen. „Das war damals eine Sensation“, sagt sie, „inzwischen wird das Verfahren durch unsere Postdoktoranden-Generation in die Welt getragen.“

So auch nach Halle. Hier am ZIK HALOmem ist in den zurückliegenden fünf Forschungsjahren die enge Verzahnung von Membranproteinbiochemie und Membranbiophysik gelungen. „Je umfangreicher Struktur und Dynamik der Membranproteine aufgeklärt sind, umso mehr lässt sich die Zeit für die Entwicklung gezielter Wirkstoffe verkürzen“, sagt ZIK-Direktor Milton T. Stubbs. Seit 30 Jahren ist er in der Proteinforschung tätig. „Die ist so komplex.“, sagt er, „Wenn wir eine Frage beantworten, tun sich zehn neue Fragen auf.“

Carla Schmidt  und ZIK-Direktor Milton T. Stubbs stehen in dem Labor, in dem sich die neue Nachwuchsgruppe einrichtet. (Foto: PRpetuum GmbH)
 
Carla Schmidt  und ZIK-Direktor Milton T. Stubbs stehen in dem Labor, in dem sich die neue Nachwuchsgruppe einrichtet.
Foto: PRpetuum GmbH  

 

Antwort Ablagerung

Stubbs freut sich über die neue Kollegin. Carla Schmidt wird der Frage nachgehen, was auf biochemischer Ebene bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson passiert. „Was geschieht, wenn etwas schief geht?“, fragt Stubbs. Seine Kollegin wird Antworten in den Ablagerungen suchen. Dass sie Auslöser neurodegenerativer Krankheiten sind, ist bekannt. Aber wie entstehen diese zu Knäueln oder Stricken verklebten Proteine? An welchen Stellen und wodurch ist die Information zwischen den Zellen gestört? „Wir suchen die Antworten in der Lücke“, schmunzelt Carla Schmidt und erklärt: „Zwischen den Synapsen sind Vesikel unterwegs: kleine Bläschen, die von einer Proteinschicht umgeben sind. Sie enthalten Botenstoffe, die Neurotransmitter. Die Wissenschaft weiß noch nicht viel über diese Interaktion.“

Wenn Carla Schmidt von „wir“ spricht, meint sie ihre Nachwuchsforschungsgruppe. Sie zusammenzustellen, ist ihre erste Amtshandlung. Im Sommer soll ihr Forschungsteam an die Arbeit gehen.

Weitere Informationen zum Zentrum für Innovationskompetenz HALOmem finden Sie hier.