BIM ahoi!

Auf dem bayerischen Ammersee steuern Architekten, Planer, Handwerker und Informatiker auf die Zukunft der Baubranche zu: weg vom Papier und hin zum vollständig digitalisierten Bauprojekt.

3D-gedrucktes Hausmodell auf der MS Utting auf dem Ammersee

Die Daten für das Einfamilienhaus aus dem 3D-Drucker lassen sich binnen fünf Minuten aus einem BIM-Modell gewinnen – früher dauerte das einen ganzen Tag.

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Noch liegt die 50 Meter lange MS Utting sanft schaukelnd am Schiffssteg in Herrsching, da gibt Josef Kauer bereits die klare Linie vor: „Für alle in der Baubranche, die meinen, dass sie die Digitalisierung nicht interessiert, gibt es hinten an Bord eine Rutsche und einen Rettungsring“, droht der Präsident der Leitkonferenz BIM World Munich zur Begrüßung augenzwinkernd.

Den Rettungsring wird schließlich keiner der rund 80 Passagiere brauchen, die an diesem sonnig-warmen Maitag über den oberbayerischen Ammersee schippern. Die Teilnehmer des Innovationsforums Mittelstand „Building Information Modeling“ (BIM) wissen – oder sie ahnen zumindest –, vor welchem Umbruch die Baubranche steht: weg vom jahrhundertelang kultivierten Papier und hin zum vollständig digitalisierten Bauprojekt.

Neue Prozesse und Anwendungen

Building Information Modeling soll die immer noch stark zeichnungsorientierte durch eine modellorientierte Arbeitsweise ersetzen. Dabei basiert BIM auf einem dreidimensionalen Gebäudemodell und ermöglicht völlig neue Arbeitsprozesse und Anwendungen in allen Lebensphasen eines Gebäudes: von der Planung über den Entwurf und den Bau bis hin zum späteren Betrieb. Alle beteiligten Gewerke spielen eigene Daten in das Modell ein – und können prinzipiell jederzeit darauf zugreifen.

Wo die Hindernisse, aber auch die Chancen liegen, wird an den acht Thementischen des Innovationsforums deutlich. Gerade die vielen kleinen und mittleren Unternehmen in der Branche sehen sich vor einer ähnlichen Herausforderung wie in den 90er-Jahren, als die Computer-aided-Design-Welle in die oft wenig begeisterten Planungsbüros schwappte. Und so türmen sich an Tisch 4 im Salon der MS Utting die Fragen der Teilnehmer: Wie lässt sich die Baustelle aus BIM heraus steuern? Wie fließen Änderungen auf der Baustelle ins Modell zurück? Und wie kann man den korrekten Datenaustausch zwischen den fachspezifischen Softwarelösungen sicherstellen?

Angst vor dem Aufwand

Unterdessen wird auf dem Freideck an Tisch 1 das Thema Kollaboration weiter vertieft. „Planer, Architekten und Handwerker haben gemeinsame Ziele: Dazu zählen möglichst geringe Kosten und eine gute Qualität“, erklärt „Table Captain“ Rasso Steinmann. Der Professor für Bauinformatik an der Hochschule München diskutiert mit Gebäudeplanern, Softwareentwicklern und Bauingenieuren über Stolpersteine auf dem Weg zur BIM-Anwendung. Ein zentraler Befund: Viele Unternehmen trauten sich noch nicht, das Thema BIM anzugehen. Zu groß sei die Angst vor Mehraufwand und -kosten.

Teilnehmende des Innovationsforums Mittelstand BIM auf dem Freideck der MS Utting.

80 Teilnehmer, acht Thementische und fünfeinhalb Stunden auf dem Ammersee: das Innovationsforum Mittelstand BIM in Zahlen.

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Virtuelle Rohre und Leitungen

An Tisch 7 zum Thema „Augmented Reality“ hingegen stehen die Chancen im Vordergrund, denn die Anreicherung der Realität mit digitalen Inhalten macht spektakuläre Anwendungen möglich. So können etwa Architekten vor Ort mit dem Bauherrn ihre virtuellen Entwürfe begehen. Und für Stefan Truthän sind noch ganz andere Dinge denkbar: „In Zukunft bekommen Brandschützer auf der Baustelle automatisch eine Warnung in die AR-Brille eingespielt, wenn ein falsches Schott eingesetzt wurde“, glaubt der Geschäftsführer und Chef-Visionär der Berliner hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH. Oder durch eine AR-Brille erschienen virtuell Stützen, Rohre und Leitungen hinter einer glatten Wand. „In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir einen fundamentalen Wandel haben“, prognostiziert Truthän. „Wir dürfen uns mit dem, was es gibt, nicht zufrieden geben!“

Zufrieden sind am Ende die Veranstalter des Innovationsforums Mittelstand BIM, denn ein wichtiger Schritt zu einem interdisziplinären regionalen Netzwerk wurde heute auf dem Ammersee getan.

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