Die neue Lausitz-Story

Brandenburgs Braunkohleabbaugebiete brauchen eine neue Story, ohne die alte zu streichen, sagen Akteure aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Nun trafen sie sich zur Konferenz „Lausitz 2030“, um den Stoff für das Zukunftskapitel zu sammeln.

Ehemalige Braunkohlehalde in Großräschen

Für die einstige Braunkohlehalde in Großräschen wird ein neues Kapitel als Kulturlandschaft geschrieben.

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Was benötigen betroffene Regionen, um den Wegfall der Arbeitsplätze im Umfeld der Braunkohleförderung zu verkraften? Während sich die von der Bundesregierung eingesetzte Kohle-Kommission am 24. September zu ihrer ersten Tagung in Mitteldeutschland traf, lud das brandenburgische Wissenschaftsministerium zur Konferenz „Lausitz 2030 – Wissenschaft, Forschung und Kultur“ nach Cottbus ein. Vertreter aus eben diesen Erwerbsfeldern tauschten sich über ihre Zukunftsvisionen für eine Region aus, die einst der staatlich deklarierte Kohle- und Energiebezirk der DDR war. Jetzt sind noch etwa 8.000 Menschen direkt in der Braunkohle beschäftigt, mit denen in den Nachfolgebranchen sind es zirka 20.000.

Im vergangenen Jahr verkündete die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag), bis etwa Mitte der 2030er-Jahre aus der Braunkohleförderung auszusteigen. In der Folge entwickelt Brandenburg als erstes Bundesland eine Transformationsstrategie. Das Braunkohleabbaugebiet soll sich zu einer Region mit differenzierter Wirtschaftsstruktur wandeln. „Das braucht Zeit, und Schnellschüsse helfen uns da nicht“, sagt die Wissenschaftsministerin des Landes, Martina Münch. Sie sammelt Ideen, die in die Lausitz-Strategie einfließen – und schaut auch in Richtung Ruhrgebiet, um von den Erfahrungen der westdeutschen Region zu profitieren. Der Sozialwissenschaftler und Stadtentwickler Klaus Wermker hat deren Umwandlungsprozess aktiv in Essen begleitet. Seine Empfehlung: „Es muss eine systematische Kommunikation geben, die den gesellschaftlichen Dialog lenkt.“ Übersetzt: Es darf kein Chaos an Visionen entstehen.

Innenstadt von Cottbus

Cottbus ist Schauplatz der Konferenz "Lausitz 2030" und eines der Zentren des Strukturwandels in Ostdeutschland.

BMBF/Innovation & Strukturwandel/Thilo Schoch

Strukturwandel braucht Strukturen

„Wenn hier von einer neuen Lausitz-Story die Rede ist, sollte sie nicht von den historischen Leistungen in der Region entkoppelt werden“, betont der Soziologe Manuel Rivera vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung. „Die Bevölkerung muss das Neue auch emotional annehmen, darum ist der Dialog von unten so wichtig.“

Als regionale Lenker solcher Dialoge engagieren sich der Betriebswirtschaftler Sven Weickert von den Vereinigten Unternehmerverbänden Berlin und Brandenburg sowie der Stadtplaner Rolf Kuhn, einst Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land in Großräschen; ebenso Christiane Hipp, die kommissarische Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Sie sehen Potenziale für hochwertige und gut bezahlte Arbeitsplätze unter anderem in der neuen Wasser-Landschaft mit Tourismus und Industriekultur und dem wissenschaftlichen „Kompetenzzentrum Wasser“.

Die Mobilität sei ein weiteres großes Zukunftsthema: Der Lausitzring wird zu Europas größtem Testzentrum für autonomes Fahren ausgebaut. Die BTU entwickelt unter anderem Technologien für Leichtbau und energieeffizientes Bauen. Davon profitieren auch regionale Zulieferbetriebe für die Luftfahrt und Automobilindustrie. Zudem gibt es an der BTU das Institut für Schwimmende Bauten. Hier werden unter anderem die Kompetenzen, die in den Lausitzer Tagebau- und Folgelandschaften zuhause sind, gebündelt und weiterentwickelt.

Dirk Roggenbuck und Peter Schierack im Labor

Wissenschaftler und Unternehmer Dirk Roggenbuck (rechts) mit dem BTU-Professor für Multiparameterdiagnostik, Peter Schierack (2.v.l.), sowie Mitarbeitern im Labor.

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Schwimmende Frei-Räume

Ein ebenso wichtiges Projekt für die Region ist der Gesundheitscampus, ein landesweit einmaliger Verbund aus Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Kliniken, um die medizinische Versorgung im bevölkerungsarmen Flächenland zu sichern. Einer der Akteure ist der Biochemiker Dirk Roggenbuck – Professor für Molekulardiagnostik und Geschäftsführer zweier Unternehmen, die medizinische Diagnostikprodukte entwickeln und vertreiben. Somit ist er ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Industrie – und lenkt die Aufmerksamkeit auf Wirtschaftskraft durch Investition in Forschung und Entwicklung. Roggenbuck holte den von Bundesforschungsministerium geförderten Wachstumskern „BioResponse“ in die Region und gehört zu den Stiftern der „InnoProfile-Transfer“-Stiftungsprofessur für Multiparameterdiagnostik an der BTU. „Wir entwickeln Technologien, die so innovativ sind, dass die ganze Welt zu uns schaut“, sagt Roggenbuck und lässt sich seinerseits begeistern von der FabLab-Idee.

Daniel Heltzel leitet solch ein Kreativlabor in Berlin. Entwickler können ihre innovativen Ideen hier zu Prototypen umsetzen. „Aber wir sind ausgebucht“, stöhnt Heltzel und hat spontan die Idee von einem schwimmenden FabLab auf der Lausitzer Seenlandschaft. Roggenbuck kann sich gut vorstellen, dass sich bei moderner Verkehrsanbindung zu solchen Frei-Räumen junge Menschen aus Berlin in die Lausitz locken lassen.