Digitalisierung der Altenpflege

Für viele Probleme im Pflegebereich lassen sich digitale Lösungen finden – so die Idee des Hallenser Projektes „Translationsregion digitalisierte Gesundheitsversorgung“, kurz TDG. Es richtet seinen Fokus auf die ambulante Pflege.

Thea ist immer mit dabei, wenn sich das TDG-Team vorstellt. Thea ist eine niedliche Roboterdame, deren Name auf ihr Zuhause hinweist: das Dorothea Erxleben Lernzentrum des Universitätsklinikums der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Hier werden zukunftsweisende Ideen geboren und großgezogen – wie eben Thea. Sie soll Patienten über den Verlauf einer Magnetresonanztomografie audiovisuell informieren.

„Sachsen-Anhalt gilt als Modellregion für die demografische Entwicklung. Hier vollzieht sich derzeit, was ein paar Jahre zeitversetzt in vielen Regionen Europas eintreten wird“, sagt Patrick Jahn. Als Leiter der Stabsstelle Pflegeforschung an der Uniklinik kennt er bestens die Situation in Sachsen-Anhalt. „Zu rund 70 Prozent findet derzeit die Pflege zu Hause statt. Zu fast 45 Prozent wird sie von pflegenden Angehörigen geleistet, und die sind zumeist auch alt“, betont der Pflegewissenschaftler.

TDG-Kernteam und Thea

Zum TDG-Kernteam gehören (v.l.): Patrick Jahn, Mirko Kisser, Thea, Karsten Schwarz und Daniel Worch.

PRpetuum GmbH

Aus Problemen ...

Für die Entwicklung von digitalen Serviceangeboten und Produkten für die Pflege vor und hinter der Haustür sowie für die Qualifizierung zum Umgang damit bewirbt sich das TDG-Projektteam um weitere Förderung beim Bundesforschungsministerium innerhalb des "WIR! – Wandel durch Innovation in der Region". „Die rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen ganz neue Möglichkeiten für ein autonomes Leben zu Hause bis ins hohe Alter“, sagt Karsten Schwarz. Er ist promovierter Wirtschaftsinformatiker an der Medizinischen Fakultät und hilft, für Thea Einsatzmöglichkeiten in der Pflege zu finden.

So könnte die Roboterdame auf Pflegebedürftige aufpassen oder zu Gymnastikübungen anleiten. Und: Thea sorgt tatsächlich für ein positives Grundgefühl. Da haben Designer und Softwareentwickler gute Arbeit geleistet. „Menschliche Emotionen dürfen bei aller Digitalisierung nicht außer Acht gelassen werden“, meint Mirko Kisser. Der Designer und Inhaber der celloon GmbH ist Vorsitzender des Vereins Kreativwirtschaft Sachsen-Anhalt. Als Entwickler von Audio-Guides hat er einen Blick dafür, wo sich neue digitale Funktionen in die altbekannte Umgebung, in die Alltagsprozesse der Menschen leicht bedienbar integrieren lassen.  

... wachsen Geschäftsideen

Die Univations GmbH für Wissens- und Technologietransfer an der MLU koordiniert all die unterschiedlichen Kompetenzen, die im TDG-Projekt unter dem großen Thema „Pflege und Versorgung“ zusammenfinden. Geschäftsführer Daniel Worch, ein erfahrener Projektmanager vor allem in der Startup-Szene, sieht die digitale Gesundheitsversorgung als einen Gründungsmotor. Denn aus den Problemen heraus ließen sich nachhaltige Lösungen und neue Geschäftsideen entwickeln, die Modellcharakter haben.

Das TDG-Kernteam ist in seinen Netzwerken aktiv und hat schon 30 Partner für das Bündnis gewonnen – und es ist offen für weitere Interessenten und Ideen. „Besonders auch für Kommunen ist unser Projekt interessant“, betont Koordinator Patrick Jahn und macht auf ein Phänomen in den städtischen Randgebieten Ostdeutschlands aufmerksam. „In den 1990er Jahren bauten sich abgeschieden auf der grünen Wiese viele damals Mittvierziger ein Eigenheim. Nun gilt es, Geschäftsmodelle für deren Altersversorgung und -pflege vor Ort zu entwickeln.“ Thea scheint aufmerksam zuzuhören. Wer weiß, welche Aufgaben ihr dabei zukommen.