Ein Pferdesprung ins digitale Zeitalter

In Zeiten der Digitalisierung wird es auch Zeit für die Telemedizin im Veterinärbereich. HorseVetMed entwickelt eine erweiterbare Plattform zur Diagnose- und Therapieunterstützung in der Pferdegesundheit. Bislang gibt es kein komplexes digitales System.

Als bewegliche Punkte auf dem Monitor zeigen sich die Lagesensoren, die an den Fesseln des Pferdes befestigt sind und am Musculus Longissimus. Das ist der „lange Rückenstrecker“. Dieser Bewegungsmuskel des Pferdes reicht vom ersten Halswirbel bis zum Kreuzbein. Wegen seiner enormen Länge und vielfältigen Funktionen nimmt er auch verschiedenste Schmerzen des Pferdes auf und überträgt sie auf die Hinterbeine. „Wenn ein Pferd lahmt, sind die Ursachen dafür oft ganz woanders zu lokalisieren“, sagt Michael Geiger von der Chirurgischen Tierklinik der Universität Leipzig. Er koordiniert hier die Projekte, die Algorithmen zur Diagnose unterschiedlicher Krankheitsbilder entwickeln.

Telemetriefähige Sensoren sind auf dem Rücken eines Pferdes im Stall angebracht. Der Arzt beobachtet die Signale über einen Laptop.

Telemetriefähige Sensoren erfassen wichtige Parameter für die Pferdegesundheit.

PRpetuum GmbH

Telemetrie fürs Pferd

Die Uni Leipzig ist Partner im Forschungsbündnis HorseVetMed – Telemetrische Veterinär-Medizintechnik. Das Bundesforschungsministerium fördert diesen Wachstumskern Potenzial, denn komplexe medizintechnische Diagnoseverfahren wie für den Menschen gibt es in der Veterinärmedizin bislang nicht. Hier sind nach wie vor die wichtigsten Instrumente zur Erkennung von Krankheiten die geschulten und erfahrenen Augen und Hände der Tierärzte.

Zum angestrebten HorseVetMed-Diagnosesystem gehören telemetriefähige Sensoren zur nichtinvasiven Messung der Muskel- und Sehnenaktivität, der Herztätigkeit und der Körpertemperatur sowie zum Erfassen der Kopf- und Hüftbewegungen, sogar zum Erkennen von Entzündungen.

Michael Geiger von der Leipziger Tierklinik bringt die besondere Herausforderung an diese Sensoren im Vergleich zur Humanmedizin auf den Punkt: „Pferde bewegen sich auf vier Beinen, und Pferde haben ein Fell.“ Für Sensoren, die auf dem Fell des Pferdes befestigt werden können, entwickelt die Haynl-Elektronik GmbH aus Schönebeck batteriebetriebene Modelle. Sie sollen die bioelektrische Muskelaktivität erfassen, um Muskelverletzungen, -verspannungen und -blockaden zu erkennen und zu lokalisieren. Die Magdeburger Thorsis Technologis GmbH schafft die technischen Voraussetzungen dafür, dass die Elektroden ihre Daten verlässlich und sicher auf einen Diagnose- und Therapieserver übertragen. Auf dieser innovativen Technologieplattform sollen sich neue und schon vorhandene Daten miteinander verknüpfen und automatisch eine Diagnose erzeugen bzw. Therapievorschläge machen.

Nahaufnahme des Hufeisenrings eines Pferdes mit den Drucksensoren

In einen Hufeisenring aus Gummi sind Drucksensoren eingearbeitet.

PRpetuum GmbH

Internet of farm animals

HorseVetMed-Koordinator Thorsten Szczepanski vergleicht dieses offene Kommunikationssystem für telemedizinische Anwendungen mit dem „Internet der Dinge“. Dieser Begriff steht für die Kommunikation zwischen Dingen, die über Sensoren miteinander verbunden sind. Der Mensch ist dabei unbeteiligt. Doch der Mensch muss das System mit Informationen füttern, damit es lernt. Die Tierarztpraxis ProSaani aus Berlin bereitet Krankheitsfälle zu diesem Zweck auf und stellt zudem Daten aus ihrer ärztlichen Betreuung von Wettkämpfen im Distanzreiten zur Verfügung. Das Forschungsbündnis prägt den Begriff „Internet of farm animals“. Das Diagnosesystem soll auf Säugetiere über das Pferd hinaus anwendbar sein.

Nach dem ersten Jahr Laufzeit kann HorseVetMed wegweisende Entwicklungsergebnisse vorzeigen. Ist von einer Art „Raumanzug für Pferde“ die Rede, handelt es sich im ersten Entwicklungsstadium um eine Matte, in die Sensoren zur Messung der Oberflächentemperatur eingearbeitet sind. Auch entwickelte die Initiative bereits den Demonstrator eines Gerätes, das die elektrische Muskelaktivität misst, und den Prototyp einer Hufeisendrucksensorik zur rechtzeitigen Lahmheitserkennung. Die in einen dünnen Gummiring eingearbeiteten Sensoren messen die Druckverteilung zwischen Huf und Boden, woraus der Grad der Schmerzen abgeleitet werden kann und daraus die Schwere der Lahmheit.

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