Genialer Kaugummi

Ein neuer Kaugummi schmeckt schon im Frühstadium einer Zahnfleischentzündung bitter und signalisiert so Handlungsbedarf. Schon 2015 gewann „3a Diagnostika“ mit der Idee einen Wettbewerb. Nun gründet sich daraus ein Unternehmen.

Entzündetes Zahnfleisch, Knochenschwund und lockere Zähne – in diesem Stadium der Parodontitis haben die entsprechenden Bakterien in der Mundhöhle schon geraume Zeit ihr Unwesen getrieben. Die Krankheit kann lange schmerzfrei sein und darum unbemerkt verlaufen. „Doch in ihrer Folge werden jährlich zirka eine Million Zähne gezogen. Zudem kann Parodontitis den ganzen Körper krank machen“, sagt Lorenz Meinel. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und entwickelt mit einem Team einen Kaugummi-Schnelltest für Parodontitis, den „anyone, anywhere, anytime“ durchführen kann. „3a Diagnostika“, so der abgeleitete Name, könne von jedermann an jedem Ort und zu jeder Zeit ohne logistischen Aufwand, ohne Analysegerät und ohne fachliche Kenntnisse angewendet werden, erklärt Lorenz Meinel. Nicht nur er hält den innovativen Kaugummi für einen weiteren Schritt zur personalisierten Medizin. Die PolyAn GmbH in Berlin ließ sich schnell überzeugen, als Industriepartner einzusteigen. Das Unternehmen ist spezialisiert auf funktionalisierte Verbrauchsmaterialien für die Life-Science-Forschung.

Eine Frau schiebt einen Kaugummi in den Mund.

Schmeckt das Kaugummi bitter, ist das ein Zeichen für Parodontitis.

PRpetuum GmbH

Bitter signalisiert Gefahr

„Der Kaugummi funktioniert über eine funktionalisierte Oberfläche“, sagt PolyAn-Geschäftsführer Uwe Schedler. „Er enthält einen Sensor, der auf die speziellen Enzyme reagiert, die bei der Entzündung im Mund aktiv sind. Innerhalb sehr kurzer Zeit wird ein Geschmack freigesetzt, der dem Kaugummi-Kauer Parodontitis signalisiert.“ Pharmazeut Meinel ergänzt: „In diesem Falle haben wir uns für einen Bitterstoff entschieden. Es liegt in den menschlichen Genen, den Bittergeschmack mit Gefahr zu verknüpfen.“ Wer dann gleich seinen Zahnarzt aufsucht, könnte die Parodontitis frühzeitig behandeln lassen.

Vor zwei Jahren gewann das „3a Diagnostika“-Projekt einen Ideen-Wettbewerb, in dem neue Ansätze für die Entwicklung moderner In-vitro-Diagnostika gefragt waren. Den Wettbewerb hatte das „PARMENIDes“-Netzwerk, eine vom DiagnostikNet-BB koordinierte Initiative, ausgeschrieben. Die bundesweite Initiative für Personalisierte Diagnostik und Medizin erhielt dafür eine finanzielle Förderung vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des Programms „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“. „3a Diagnostika“ war einer von vier Siegern.

Unternehmensgründung steht bevor

Das Kaugummi-Thema hat sich mittlerweile vor allem unter Zahnärzten einen großen Bekanntheitsgrad verschafft. Um die Markteinführung aktiv voranzutreiben, gründen Mitglieder aus dem „3a Diagnostika“-Team noch in diesem Jahr ein Unternehmen gleichen Namens. Es soll die weitere Entwicklung des Kaugummis, die Zulassungsverfahren und das Qualitätsmanagement koordinieren – und steht jetzt schon auf soliden Füßen, wie alle betonen: Die Technologie sei durch Patente abgesichert, es seien Marktanalysen durchgeführt, Marketingstrategien entwickelt und ein Businessplan vorbereitet worden. „Im Ergebnis haben wir uns zunächst für die Zahnärzte als Vertriebspartner entschieden“, sagt Lorenz Meinel. „Der Parodontitis-Kaugummi ermöglicht ihnen eine Diagnose innerhalb weniger Minuten. Oder es wird den Patienten zur Langzeitbeobachtung mit nach Hause gegeben.“

Da das Kaugummi künftig als Individuelle Gesundheitsleistung – kurz: IGeL-Leistung – abgerechnet wird, steht auch dessen preisliche Gestaltung im Fokus des zu gründenden Unternehmens. Auch zur Früherkennung anderer Krankheiten will „3a Diagnostika“ Kaugummi-Schnelltests entwickeln. Kürzlich veröffentlichte das Team seine Forschungsergebnisse zu Entzündungen im Mundraum, die in der Umgebung von Zahnimplantaten auftreten können.

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