Grüne Züge

Vordenker sehen Anhalt als künftige Technologieregion für wasserstoffbetriebene Schienenverkehrssysteme. „TRAINS“ heißt ihr Konzept, das die Kompetenzen einer über 100-jährigen Bahntradition nutzt.

Aufklärer und Visionäre prägten schon im 18. Jahrhundert die Region Anhalt im Umfeld der Städte Dessau, Zerbst, Köthen, Bitterfeld: Leopold III. Friedrich Franz Fürst von Anhalt-Dessau schuf das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das heute Unesco-Welterbe ist. In den 1920er-Jahren kam das Bauhaus, das Flaggschiff der Moderne, von Weimar hierher – und hat der Region ebenfalls ein Unesco-Welterbe hinterlassen. Dazwischen lag die Zeit der Industrialisierung. Anhalt gewann durch den Eisenbahnbau an Bedeutung. 1911 ging die Strecke Dessau-Bitterfeld als erste elektrisch betriebene Fernbahn in Betrieb.

„Heute dagegen ist es eine große Herausforderung, die Menschen hier in der Region zu halten, ihnen hochwertige und gut bezahlte Arbeit und komfortable Lebensbedingungen zu bieten“, sagt Hans-Joachim Krokoszinski, Leiter des Forschungs- und Technologiezentrums der Hochschule Anhalt in Köthen. Die Hochschule und Bahntechnikfirmen des Vereins Bahntechnologie Dessau entwickeln das Konzept für „TRAINS – Wandel zur Technologieregion: Zukunftssicherung der Region Anhalt durch nachhaltige Technologien für Schienenverkehrssysteme“. Kompetenzen aus der über 100-jährigen Tradition im Waggonbau und in der Fahrzeuginstandhaltung fließen hier ein. Das  Bundesforschungsministerium fördert die TRAINS-Konzeptphase innerhalb des Programms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“.

Dieseltriebzug vor dem Umbau auf Brennstoffzellenantrieb

Aus rot wird grün – einen solchen Dieseltriebzug vom Typ GTW 2/6 will TRAINS auf Wasserstoff-getriebene Gasmotoren umrüsten.

TRAINS

Wasserstoff hat Zugkraft

TRAINS will etwas ganz Neues wagen und Züge mit Gasmotoren auf die Schiene schicken. Konkret geht es um wasserstoffbetriebene Züge – langfristig mit „grünem“ Wasserstoff aus Biomasse, Wind- und Solarenergie – die die diesel-getriebenen ablösen. Ausgestattet mit weiteren modernen Technologien soll ein Demonstrator dieser „grünen Züge“ zunächst auf der Regionalstrecke zwischen Dessau und Wörlitz getestet werden.

Akteure, die TRAINS einbinden will, kommen aus der Bahntechnik oder sind Bahnbetreiber; Strukturplaner gehören dazu und Vertreter der Politik; selbstredend auch die mittelständischen Industriebetriebe, die sich durch TRAINS sogar neue Geschäftsfelder eröffnen können. Weil die Fortführung der anhaltischen Bahntradition ohne Anbindung an die Industrie 4.0 nicht funktioniert, bezieht TRAINS die einschlägigen Experten an Hochschulen, Universitäten und wissenschaftlichen Instituten ein und strebt Kooperationsbeziehungen zum Wissenschaftlich-Technischen Zentrum für Motoren- und Maschinenforschung Roßlau und zur Fraunhofer-Gesellschaft an. „Wir wollen hier in Dessau ein Forschungs- und Versuchszentrum für Bahntechnologie gründen“, sagt TRAINS-Konzeptkoordinator Krokoszinski.

Bauhaus in Dessau

Das Bauhaus in Dessau ist bereits Welkulturerbe; die Technologieregion für wasserstoffbetriebene Schienenverkehrssysteme steht erst in den Startlöchern.

Pen Magazine, 2010, Stiftung Bauhaus Dessau

Last-Mile-Anbindung

Die „grünen Züge“, sprich die Innovationen in der Bahntechnologie, sollen Arbeitsplätze in der Forschung, Entwicklung und Produktion schaffen. Sie bieten zudem die Option, neue Mobilitätskonzepte für die Menschen in der Region und für deren Besucher zu entwickeln. Projektleiter Volker Höcht von der Hochschule Anhalt beschäftigt sich mit Studien und Marktanalysen insbesondere zum Mobilitätsbedarf der Bevölkerung im ländlichen Raum. Er spricht von der sogenannten „Last-Mile-Anbindung“ abgelegener Wohngebiete, Arbeitsstätten und touristischer Ziele mit einem – eventuell autonom fahrenden – Fahrzeug.

Eine erste Versuchsstrecke soll die Bahnlinie vom Dessauer Bahnhof zum Wörlitzer Park sein. Auch stillgelegte Eisenbahnstrecken wie jene zwischen Lutherstadt Wittenberg und Bad Schmiedeberg könnten mit den neuen hochtechnologischen Zügen wiederbelebt werden. Diese seien noch flexibler einsetzbar und wirtschaftlicher, wenn sie in Zukunft autonom und somit personalunabhängig führen.

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