Heilen durch Hören

Demenz, Tinnitus, selbst Schlaganfälle sind mit speziellen Geräuschen und Musik therapierbar. Dreidimensionales Hören könnte den Behandlungen zu einer neuen Qualität verhelfen, wie beim Auftaktmeeting des WIR!-Bündnisses 3D-Audio zu erfahren war.

Dreidimensionales Hören bedeutet, dass der Schall im Raum so naturgetreu wie möglich wiedergegeben wird. Das ist für Tonstudios und Opernhäuser interessant, aber auch für die Medizin. Deshalb haben die Bündnispartner von 3D-Audio ihr erstes Treffen dem Thema Gesundheitsversorgung gewidmet. Neben Musiktherapeuten, Neurologen und Pflegeheimbetreibern sitzen Ingenieure, Musiker und Politiker mitten im Erzgebirge, in dem kleinen Städtchen Zwönitz, zusammen.

Teilnehmer des Kick-off-Meetings bei 3D-Audio

Stefan Günther (2.v.r.), Bündnispartner und Chef der „Powertechnik Audio-Elektronik“, erläutert Gästen des Kick-Off-Meetings die 3D-Audiotechnologie der neuartigen Soundboards.

Uwe Vorberg

Ein Ort, der keineswegs zufällig gewählt wurde, sondern zum Programm gehört. Schließlich will das WIR!-Team nicht nur Audiotechnologien revolutionieren, sondern einer ganzen Region Aufwind verleihen. Das freut die sächsische Sozialministerin, Barbara Klepsch, die auf dem Podium sitzt, genauso wie den Zwönitzer Bürgermeister Wolfgang Triebert.

Aufbruchsstimmung

Triebert will ein vom Verfall bedrohtes Fabrikgebäude, das auf den Hügeln von Zwönitz thront, zu neuem Leben erwecken. Ein Innovations- und Gründerzentrum Erzgebirge schwebt ihm vor. Es soll viel Raum bieten für Leute mit Ideen: insgesamt 4.500 Quadratmeter auf sieben Etagen. Für Projektteams von 3D-Audio wird es dort einen mit spezieller Raumklangtechnik ausgestatteten Makerspace geben. Bündnissprecher Friedrich Blutner ist begeistert. Er sitzt mit seiner Firma Synotec Psychoinformatik GmbH im 10 Kilometer entfernten Geyer, mitten im Wald, und designt Wohlfühlklänge. „Das Erzgebirge ist ein Paradies der Stille“, sagt er. „Der leiseste Ort Deutschlands“ – ein guter Ort also für kreative Klangspezialisten.

Erinnerungsklang

Aber wie funktioniert eigentlich 3D-Audio? Digitale Klänge werden mit Metadaten gekoppelt, die Informationen darüber enthalten, wie und wo der Klang im Raum wahrgenommen werden soll. So taucht der Hörer ein in dreidimensionale Klangwelten.

Eine Frau mit Kopfhörern hört ganz entspannt zu.

Heilsam – Mit Wohlfühlklängen können Krankheiten therapiert und Erinnerungen aufgefrischt werden.

iStock – shironosov

Soft- und Hardware für diese Soundtechnologie haben Blutner und seine Mitstreiter schon entwickelt. Nun wollen sie Partner finden, um das System in Anwendungen zu bringen. Einer von ihnen ist Stefan Koelsch, Professor für biologische- und Musik-Psychologie an der Universität Bergen in Norwegen. Per Videobotschaft erzählt er, wie geschädigte Hirnregionen von Alzheimer-Patienten mit Musik aktiviert und neue Nervenzellen gebildet werden können. Koelsch möchte die 3D-Audio-Technologie virtuell anwenden, zum Beispiel beim Chorsingen übers Internet. Er ist überzeugt davon, dass gemeinsames Musizieren die Neurodegeneration aufhalten kann.

Frischzellenkur

Auch Rainer Sonntag bezeichnet 3D-Audio als „eine akustische Frischzellentherapie“. Der Vorstand des Diakonischen Werks Aue/Schwarzenberg e.V. hat die Technik bereits in seinen Heimen ausprobiert, selbst mit Schlaganfall-Patienten. Neben dem therapeutischen Nutzen sieht er auch den praktischen Aspekt: „Mit der Musik kann den alten Menschen geholfen werden, ohne dass die Pfleger gleichzeitig Musikanten sein müssen.“

Steven Grieshammer, Chefarzt der Klinik für Neurorehabilitation im Heinrich-Braun-Klinikum gGmbH Kirchberg, hat das 3D-Audio-System mit Schädel-Hirn-Trauma-Patienten getestet und sehr positive Ergebnisse erzielt. Selbst Schmerzen konnten durch das dreidimensionale Hören bestimmter Klänge gelindert werden.

Nach diesem spannenden Auftakt will das WIR!-Bündnis 3D-Audio nun in Workshops die Kompetenzen weiter bündeln, um daraus eine Strategie und erste Anwendungen abzuleiten.

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