Meilenstein in der Tuberkulose-Behandlung

Jedes Jahr sterben weltweit 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose. Ein Team des Konsortiums „InfectControl 2020“ hat ein neues Antibiotikum gegen die gefährliche Infektionskrankheit entwickelt, das nun in die klinische Erprobung geht.

3D-Struktur der Substanz BTZ043

3D-Struktur der Substanz BTZ043, die in Jena entdeckt wurde und nun im Rahmen von InfectControl 2020 zum Tuberkulose-Medikament weiterentwickelt werden soll.

Matthias Gruner

Vor 136 Jahren entdeckte Robert Koch den Tuberkulose-Erreger. Ihm ist es zu verdanken, dass die Krankheit diagnostiziert und behandelt werden kann. Doch die Tuberkulose ist heute bedrohlicher denn je. Mit steigender Mobilität verbreitet sich die Erkrankung von den besonders betroffenen Regionen in Afrika und Indien um den gesamten Globus. Besorgniserregend sind vor allem multiresistente Erreger, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt.

Neue Medikamente sind dringend gefragt, doch wegen der geringen Gewinnaussichten haben sich Pharmaunternehmen weitgehend aus der Antibiotika-Entwicklung zurückgezogen. Erst durch die Unterstützung des Bundesforschungsministeriums und des Freistaates Thüringen wird diese Lücke nun geschlossen. In einem deutschlandweit einzigartigen Projekt haben Wissenschaftler und Unternehmer gemeinsam das Prüfmedikament eines aussichtsreichen Wirkstoffs gegen Tuberkulose entwickelt.

Klinische Studien starten

Am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie  – Hans-Knöll-Institut – (HKI) ist der Wirkstoff mit dem Namen BTZ043 entdeckt worden. Die Substanz ist selbst gegen hochresistente Tuberkulosestämme wirksam. „BTZ043 greift so gezielt und effektiv in den Aufbauprozess der Zellwand des Bakteriums ein, dass der Wirkstoff nur den Erreger bekämpft und nicht etwa wichtige Darmbakterien“, erklärt Florian Kloß. Der promovierte Chemiker leitet die pharmakologischen Studien im Rahmen eines Forschungsprojektes von InfectControl 2020. Er kooperiert mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, zu dem das Tropeninstitut der Ludwig-Maximilians-Universität München gehört. Dessen Leiter, Michael Hoelscher, ist für die klinischen Studien verantwortlich. Nach der offiziellen Genehmigung sollen nun bis zu 40 freiwillige Probanden das neue Antibiotikum erhalten. „Wir wollen sicherstellen, dass das Medikament im Körper gut aufgenommen und vertragen wird“, so Hoelscher.

Das Tuberkulose-Bakterium unter dem Mikroskop

Der Wirkstoff BTZ043 führt  zu Schäden in der Zellwand des Tuberkulose-Erregers – rechts eine Vergleichsaufnahme ohne Behandlung mit BTZ043.

Andreas Wiesner/DZIF

Antibiotika-Entwicklung der Zukunft

Die Studien werden noch einige Jahre dauern. Wenn sie erfolgreich sind, könnte das neue Tuberkulose-Medikament auch Patienten in den besonders betroffenen, ärmeren Regionen der Welt zugute kommen, denn der Wirkstoff BTZ043 lässt sich relativ günstig produzieren. Das deutschlandweit einzigartige Gemeinschaftsprojekt von InfectControl 2020 ist beispielhaft für die Antibiotikaentwicklung der Zukunft. Voraussetzung dafür ist das vereinte Engagement von Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Ärzten. „Alle Akteure müssen gemeinschaftlich handeln, um den verantwortungsvollen Gebrauch vorhandener Antibiotika zu fördern und zugleich den Antibiotika-Markt für Unternehmen attraktiver zu gestalten“, sagt Florian Kloß. Gelingt das, können Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose künftig wirksam bekämpft und Menschenleben gerettet werden.