Im Internet verstrickt

Mit der Berliner Entwicklungswerkstatt Fab Lab initiiert "futureTEX" ein interdisziplinäres Prototyping Labor für die deutsche Textilwirtschaft. Als TechTex werden die Innovationen bezeichnet, die hier künftig in Kooperation zwischen Kreativwirtschaft, Industrie und Forschung entstehen.

Auf einem früheren Brauereigelände in Prenzlauer Berg ist das Fab Lab Berlin zuhause. Die Entwicklungswerkstatt bietet jedem offenen Zugang zu Hightechwerkzeugen. An 3D-Druckern, Laser-Schneidern, computergestützten Fräsen beispielsweise oder mit Hilfe einer Konstruktionssoftware können Erfinder hier ihre Ideen in einen Prototyp umsetzen. Bei Studenten und Absolventen der Kunsthochschule Weißensee Berlin (KHB) ist das Fab Lab längst keine Geheimadresse mehr. Gerade trifft sich hier ein Team, das in einem Semesterprojekt eine Computermaus für das handamputierte Armgelenk „erfunden“ hat. Das Fab Lab-Konzept der geteilten Ressource ermöglicht ihnen die kostengünstige Herstellung eines Modells.

Labor für technische Textilien

Essi-Johanna Glomb ist künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KHB. Ihr Spezialgebiet ist das Textil- und Flächen-Design. Sie weiß: „Junge Gestalter von innovativen Textilien haben kaum Chancen, professionelle Prototyping-Werkstätten zu nutzen.“ Grund genug, die Gründung einer Werkstatt für textiles Prototyping anzuregen. Seit dem 1. Juni dieses Jahres ist die Zusammenarbeit der KHB mit dem Fab Lab noch intensiver. Daniel Heltzel von der Entwicklungswerkstatt und Essi-Johanna Glomb koordinieren das „Textile Prototyping Lab“, kurz TPL. Das offene Labor ist ein Teilprojekt des vom Bundesforschungsministerium geförderten Zwanzig20-Konsortiums futureTex. Das Forschungsbündnis erarbeitet Anwendungsszenarien für die deutsche Textilbranche auf den Zukunftsfeldern „Internet der Dinge“, „Intelligente Fabrik“ und „Industrie 4.0“.

Essi-Johanna Glomb und Daniel Heltzel stehen vor einem Laptop und schauen in die Kamera.

Essi-Johanna Glomb und Daniel Heltzel zeigen an den Pfeilen, wie sich die Entwicklungswege von Technikern und Kreativen vereinen.

PRpetuum GmbH

„Als Nutzer des TPL haben wir Studenten im Fokus, die hier ihre Semesterprojekte durchführen, Start-ups, die ihre ersten Prototypen fertigen, und Industriepartner, die sich inspirieren lassen“, sagt Daniel Heltzel. An der Einrichtung des Prototypen-Labors in Berlin Mitte sind neben dem Fab Lab und der Kunsthochschule Berlin Weißensee das Sächsische Textilforschungsinstitut Chemnitz, das Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland und das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration beteiligt. Letzteres bringt seine Kompetenzen bei der Entwicklung einer Software ein, die die Textilproduktion in das digitale Zeitalter überführt. Mehr noch: Im „Internet der Dinge“ werden sich die Technischen Textilien, kurz TechTex, mit ihrer Umgebung vernetzen und kommunizieren. Die klassischen Produktionsprozesse Weben, Stricken, Sticken werden ganz neu erdacht.

Nahaufnahme der Probe eines textilen Stückes des Textilprojektes Trans.

Proben des Textilprojektes Trans.fur aus dem prämierten Semesterprojekt „Artificial Skins and Bones“ von Natalie Peter und Karina Wirth.

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Forschung ohne Zwang

Essi-Johanna Glomb und Daniel Heltzel zeigen Beispiele des studentischen Projektes „Trans.fur“. Hier wurden textile Strukturen entwickelt, die im Kontakt mit Feuchtigkeit ihre Wasserdurchlässigkeit jeweils anpassen. „Das Vorbild aus der Natur ist die menschliche Haut. Sie ist ein interaktives Sinnes- und Regulationsorgan mit sensorischen Eigenschaften“, erklärt Essi-Johanna Glomb. Als besonders geeignet stellten sich gestrickte Textilien heraus, in die Sensoren eingearbeitet wurden. Die unterschiedlichen Maschengrößen können – den Hautporen gleich – die Feuchtigkeitsdurchlässigkeit durch eine gelenkte Kontraktion reduzieren.

„Oft verläuft ein Entwicklungsweg so, dass sich erst bei Vorhandensein des Prototypen herausstellt, für welche Anwendung er sich bestens eignet“, sagt Daniel Heltzel. Er sieht das „Textile Prototyping Lab“ als einen Raum, in dem Forschung ohne den Zwang der konkreten Anwendung zugelassen ist. „Und wenn schon bei der Konzeption von Prototypen auch Gestalter einbezogen sind, kann das den Zugang zum Markt erleichtern“, ergänzt die Vertreterin der Kunsthochschule.

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