Kompetenzen aus Gips

Der Harz ist ein wichtiger Lieferant von Naturgips, doch der weitere Abbau ist umstritten. Das Bündnis „Gipsrecycling als Chance für den Südharz“ will nun für die Region ein neues Innovationsfeld erschließen.

Gerade wurde ein besonderer deutscher Einheitstag gefeiert. Bis dato lebten die Deutschen 28 Jahre mit der Mauer und 28 Jahre ohne. Wo die innerdeutsche Grenze durch den Südharz verlief, ist heute noch am sogenannten „Grünen Band“ abzulesen. Hier, wo Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt aufeinandertreffen, hat sich die Natur ein Refugium zurückerobert. Und soll es auch behalten, so der Wille von Naturschützern und Naturtouristikern sowie von vielen Menschen, die für eine nachhaltige Lebensweise in der Industriegesellschaft eintreten.

Allerdings wohnen gerade in dieser Region zwei Seelen in der Brust vieler Einheimischer. Seit Generationen leben sie von Abbau und Weiterverarbeitung des hochwertigen Naturgipses. Der kommt in der Bauwirtschaft und der Medizin zum Einsatz. Die Region verfügt noch über weitreichende Lagerstätten, deren Erschließung aber umweltpolitisch abgelehnt werde, sagt Jürgen Poerschke von der Hochschule Nordhausen. Der Professor leitet das Forschungsteam Recyclingtechnik und hat regionale Partner gefunden in dem Bestreben, die „Kompetenzen aus Gips“ in der Region für einen Strukturwandel zu nutzen. Denn der stehe an, wenn der Abbau von Naturgips durch die Ausweitung von Naturschutzgebieten drastisch eingeschränkt werde. Immerhin sei der Südharz Hauptlieferant von Naturgips. Über 50 Prozent der in Deutschland direkt und indirekt mit der Gipsbranche zusammenhängenden Arbeitsplätze seien hier angesiedelt.

Kuh vor Landschaft in der Harzregion

Der Südharz als Hauptlieferant von Gips erfindet sich neu.

Hochschule Nordhausen

Unendlich wiederverwertbar

„Aktuelle Prognosen sagen einen drastischen Anstieg des Naturgipsbedarfes voraus“, sagt Jürgen Poerschke und dass im Recycling von Gipsabfällen eine große wirtschaftliche Chance für die Region bestehe. Immerhin ließe sich Gips theoretisch unendlich oft und ohne Qualitätsverlust im Wertschöpfungskreislauf führen. Somit hätte die strukturschwache ländliche Region des Südharzes auch künftig als Lieferant von Gips und Gipsprodukten eine deutschlandweite Bedeutung und könnte Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise neue schaffen.

Diese Vision wird im Südharz mit ersten Inhalten gefüllt. Drei besonders aktive Antreiber sind die Hochschule Nordhausen, die schon innerhalb des Unternehmen-Region-Programms „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“ die Profilierung des Harzes zur Recyclingregion vorantreibt und koordiniert; die Firma CASEA GmbH, eine Tochter der Remondis-Gruppe, verwendet schon seit einigen Jahren Recyclinggipse in der Produktion; und die Bauhaus-Universität Weimar ist spezialisiert auf Baustoffforschung. Das Bundesforschungsministerium gab für das „Gipsrecycling als Chance für den Südharz“ eine Anschubfinanzierung. Nun entwickeln die Partner ihr Konzept weiter, um sich damit auch für die Umsetzungsphase des BMBF-Programms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ zu bewerben.

Wertstoffkreislauf

Gips lässt sich theoretisch unendlich oft im Wertstoffkreislauf führen.

Hochschule Nordhausen

Neue Geschäftsfelder

Eine Aufgabe des Gipsrecycling-Projektes sieht Koordinator Poerschke darin, den Rückgang des sogenannten REA-Gipses zu kompensieren. Er erklärt: „Derzeit verwendet die deutsche Gipsindustrie zu großen Teilen den Rauchgasentschweflungsanlagengips, kurz REA-Gips. Der entsteht in den Kohlekraftwerken als Nebenprodukt. Im Zuge der Energiewende verschwindet diese Rohstoff-Quelle.“ Um dennoch die Ausbeutung der einzigartigen Gips-Karst-Landschaft im Südharz einzuschränken, seien die Recycling-, kurz RC-Gipse, gute Alternativen. „Unter diesem Aspekt wollen wir das überhaupt erste Gesamtkonzept für den Südharz entwickeln – von der Rückführung von Abfällen aus Naturgips über deren Aufbereitung bis hin zur Wiederverwertung“, sagt Jürgen Poerschke. Auf diesem Innovationsfeld könnten sich weitere Geschäftsfelder auftun und der Region ein neues Profil geben.

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