Modellregion für „gutes Leben“

Wasser – so weit das Auge reicht. Doch ein „Seenland“ allein macht aus einer Bergbaufolgelandschaft noch keinen boomenden Wirtschaftsstandort. Die Innovationswerkstatt Wasser-Landschaft-Lausitz will ganz neue Wertschöpfungsketten entwickeln.

Karsten Feucht reicht eine Broschüre über den Tisch: „Wo Bagger auf Boote treffen“. Zwei Jahre lang beschäftigten sich Gymnasiasten aus Senftenberg mit dem Strukturwandel in der Lausitz. Die Zeit der Braunkohleförderung haben sie nicht erlebt. Anfang der 1990er Jahre war in ihrer Region damit weitestgehend Schluss. Doch aus den eigenen Familiengeschichten, aus Überlieferungen in Bild und Schrift und auch immer noch aus eigener Anschauung ist ihnen bis heute gegenwärtig: Der Bezirk Cottbus war der staatlich deklarierte Kohle- und Energiebezirk der DDR. Hier wurden fast 60 Prozent des landesweit verbrauchten Stroms in Großkraftwerken produziert. Bis 1990 war in der Lausitz die jährliche Fördermenge von Braunkohle auf 195 Millionen Tonnen gestiegen.

Blick auf den See, wo der Hafen von Großräschen entstehen wird

Nächstes Jahr werden hier im Hafen von Großräschen Boote anlegen. 

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Danach ließ der Tage- und Bergbau eine verschmutzte Umwelt, eine geschundene Landschaft mit riesigen Halden und tiefen Kratern zurück. 136 Dörfer waren in der Lausitz der Braunkohleförderung gewichen, 25.000 Menschen umgesiedelt. „Was hat die Zukunft mit unserer Heimat vor?“, fragen die Mädchen und Jungen in ihrer Dokumentation.

Krater werden zu Seen

Der Architekt Karsten Feucht vom IBA-Studierhaus-Verein gehört zu denen, die kamen, um die verwundete Landschaft zu heilen – und um vor allem die Menschen in diesen Prozess einzubeziehen. Erste nachhaltige Impulse, der Region zum Aufbruch zu wortwörtlich „neuen Ufern“ zu verhelfen, gab die Internationale Bauausstellung „Fürst-Pückler-Land 2000-2010“. Sitz der IBA-Geschäftsstelle war Großräschen, wo seit 1888 Braunkohle zu Tage gefördert wurde. Zu IBA-Beginn fühlte sich Karsten Feucht hier an die Landschaft der chilenischen Atacama-Wüste erinnert. Heute sieht man Wasser so weit das Auge reicht. In der Lausitz entsteht die größte künstliche Seenlandschaft Europas.

Die Visionäre haben auch in der IBA-Folgezeit immer wieder neue Ideen, die der Region wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollen. Gerade füllen sie ihre Vorstellung von einer „Innovationswerkstatt Wasser-Landschaft-Lausitz“ mit Leben. Ganz neue und zeitgemäße Instrumente für den Strukturwandel sollen in dieser Werkstatt entwickelt werden.

Außergewöhnliche Zukunftsszenarien

„WIR sind die Bergbaufolger“, sagt Karsten Feucht mit Betonung auf dem WIR. Die Innovationswerkstatt Wasser-Landschaft-Lausitz bewirbt sich beim Bundesforschungsministerium um eine weitere Förderung innerhalb des Programms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“.

Anlegerbrücke im See

Ein Bagger-Bauteil wurde zur Anlegebrücke umfunktioniert, und am Hang des einstigen Förderlochs in Großräschen wächst Wein.

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Zum Kernteam, das derzeit an dem Konzept feilt, gehören die Brandenburgisch-Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) und ihr Institut für Schwimmende Bauten, das Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften (FIB) in Finsterwalde, der brandenburg-sächsische Verein Wasser-Cluster-Lausitz, die Hochschule Zittau-Görlitz mit ihrem Studiengang Tourismusmanagement und nicht zuletzt die einstige Bergbaustadt Großräschen mit dem IBA-Studierhaus e.V. als Werkstatt-Koordinator.

Das Bündel von Kompetenzen zeigt, worum es geht: Früher bestimmte die Kohle das Leben hier. Jetzt sollen modernste Technologien die tiefgreifend und langfristig gestörte Bergbaufolgelandschaft sanieren, damit sich deren Zukunft ausgestalten lässt – mit der neuen Wasser-Landschaft, mit Tourismus und Industriekultur, mit Wissenschaft und Forschung. Das Werkstatt-Team will viele Partner ins Boot holen, um attraktive Wertschöpfungsketten zu kreieren, außergewöhnliche Zukunftsszenarien zu entwickeln. Für ein wissenschaftliches „Kompetenzzentrum Wasser“ beispielsweise oder für die Produktion von schwimmenden Bauten oder für die Herstellung von polymeren Werkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen ...

„Was hat die Zukunft mit unserer Heimat vor?“, war die Frage der jungen Menschen. „Die Lausitz kann Modellregion für ,gutes Leben‘ werden“, bringt es des Werkstatt-Team auf den Punkt.