Neue Märkte für TechTex

Die jahrhundertealte Textilbranche erfindet sich neu – die Zukunft gehört den technischen Textilien. Das Sächsische Textilforschungsinstitut begleitet diesen Prozess und koordiniert das Forschungsbündnis "futureTEX".

Andreas Berthel reicht die aktuelle Ausgabe der „FreiePresse“ über den Tisch. „Keine Chance für Planenschlitzer“ lautet die Titelzeile zu einem Beitrag über einen schnittfesten Stoff, der zudem Alarm schlägt, sollten sich die berüchtigten Frachtgutdiebe an ihm zu schaffen machen. Berthel, Geschäftsführer des Sächsischen Textilforschungsinstitutes STFI in Chemnitz, spricht von weiteren interessanten Entwicklungen, an denen das Institut beteiligt ist; etwa an Textilien für Schüttgut-Großraumsilos, an markierten Nähfäden zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie oder an explosionssicheren Stoffen für Gepäcktransport-Container in der Luftfahrt. „Unsere traditionelle Textilbranche erfindet sich neu, seit Fensterstores aus der Mode gekommen und Bekleidungstextilien im Ausland billiger zu produzieren sind“, sagt Andreas Berthel und fügt hinzu, dass die sogenannten TechTex, die technischen Textilien, mittlerweile 60 Prozent der deutschen Textilproduktion ausmachen, produziert hauptsächlich von kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Photovoltaisch funktionalisierte technische Textilien

In der Entwicklung sind photovoltaisch funktionalisierte technische Textilien.

Fraunhofer IKTS

Digitale Produktion

Für diese KMU solle Industrie 4.0 kein Schreckgespenst sein, sondern den Vorstoß auf neue Geschäftsfelder beflügeln, meint Andreas Berthel und betont: „Auch dieser jahrhundertealte Industriezweig kann sich nicht dem digitalen Wandel verschließen, der die gesamte Gesellschaft betrifft.“ Das STFI sieht es als seine Aufgabe an, diesen Prozess zu begleiten und bewarb sich erfolgreich um eine Förderung durch das Bundesforschungsministerium im Rahmen des Programms „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“. 2014 ging das Forschungsprojekt futureTEX an den Start. „Das interdisziplinäre Konsortium umfasst mittlerweile über 300 Unternehmen“, sagt futureTEX-Koordinator Dirk Zschenderlein und erwähnt die Einrichtung eines branchenübergreifenden Kompetenzpools. Im Austausch von Gedanken und Know-how würden hier die innovativen Ideen auf den Weg gebracht, die dem Industriezweig Attraktivität und moderne Ausstrahlung verleihen. Denn neben den Textilien stünden gleichsam die Menschen, die sie herstellen, im Fokus des Forschungsvorhabens, sagt Zschenderlein. Er stellt eine provokante Frage in den Raum: „Wo gehen junge Menschen lieber hin: in die Automobilproduktion, die sie vom Tablet aus steuern, oder an einen historisch anmutenden Webstuhl?“ Zugegeben, die facettenreiche Textilherstellung zu automatisieren, sei nicht einfach, erwidert Andreas Berthel. „Aber die Zeiten sind günstig. Neueste technologische Entwicklungen eröffnen ganz andere Möglichkeiten.“ FutureTEX hat darum auch die Textilmaschinenbauer und IT-Experten ins Konsortium eingebunden und nutzt deren Kompetenzen.

Blick in die Textilfabrik der Zukunft.

Blick in die Textilfabrik der Zukunft.

STFI/I. Escherich

Smarte Produkte

Eine Menge Fachkompetenz kommt allein im Sächsischen Textilforschungsinstitut in Chemnitz zusammen. Das ging 1992 aus dem Zusammenschluss des Forschungsinstituts für Textiltechnologie Chemnitz und des Instituts für Technische Textilien Dresden hervor. Als neue Märkte für technische Textilien hat das STFI die Energiegewinnung und -speicherung, den Leichtbau in Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie Einsatzgebiete für Textilien mit sensorischen und kommunikativen Eigenschaften ermittelt. Konkrete Projekte befassen sich etwa mit Stoffen für Markisen und Planen, die Solarstrom gewinnen und speichern können, oder mit dem Gewebe für medizinische Materialien, die beispielsweise Vitalfunktionen messen oder die Wundheilung fördern. Auch die Entwicklung moderner Geschäftsmodelle benennen Berthel und Zschenderlein als eine futureTEX-Aufgabe. Schließlich solle die Produktion der technischen Textilien effizient gestaltet werden, um sie in Deutschland zu halten.

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