Revolution in der Filmbranche

Ausstieg aus der Manufakturarbeit, Einstieg ins Industriezeitalter 4.0 – diese Umwälzung muss die Filmbranche schaffen. Das Rüstzeug sind digitale Technologien – und die entwickelt die „dwerft“.

„In Deutschland gibt es circa 2400 Archive, in denen historisches Material lagert“, sagt Jörg Wehling vom Deutschen Rundfunkarchiv (DRA). Das DRA ist eine Gemeinschaftseinrichtung von ARD und Deutschlandradio. Diese Sender – wie auch sämtliche anderen Medienanstalten und Filmproduzenten – können in ihren Produktionen nicht auf das historische Material verzichten. Aber wie lassen sich Dokumente aus Zeiten von Zelluloid und Magnetband in die modernen Informationstechniken transferieren? Das ist inzwischen eine drängende Frage, auf die auch das DRA Antworten sucht – und findet. Jörg Wehling ist Sprecher des Forschungsbündnisses dwerft. Ziel der Initiative von insgesamt zehn Partnern aus der Medien- und IT-Wirtschaft sowie aus der Wissenschaft ist die Entwicklung digitaler Technologien zur Vernetzung von Produktion, Vermarktung und Archivierung der „Bewegtbilder“. Dass die Vernetzung solcher Metadaten unerlässlich ist im IT-Zeitalter, erkannte die transfermedia production services GmbH in Potsdam-Babelsberg schon vor Jahren. Das Babelsberger Unternehmen entwickelt Konzepte, Kooperationen und Projekte, um die Branche fit zu machen für die Medienwirtschaft 4.0 und ist aus diesem Arbeitsfeld heraus Initiator und Koordinator des Forschungsbündnisses „dwerft – linked film & tv services“.

Blick ins Studio: Befundungsmaschine und zwei PCs analysieren das Filmmaterial.

Die mobile Film-Befundungsmaschine findet in jedem Archiv Platz.

PRpetuum GmbH

Jeder macht(e) sein Ding

„Medienstadt Babelsberg will Techno-Revolution“ titelte die Märkische Allgemeine Zeitung am 24. April 2013. Hier wurde erstmals über den Wachstumskern berichtet. Dessen „d“ im Namen steht für „digitale Daten“. Rasant erobern sie eine Branche, die von Manufakturarbeit geprägt ist. Was bedeutet, dass datenmäßig bisher jeder sein Ding macht(e) – vom Drehbuch über den Dreh bis zum Schnitt, Vertrieb und zur Archivierung. Praktiker wie die Netzwerkpartner der transfermedia production services GmbH wissen aber: Von der Entstehung bis zur Verwertung eines Films wird es immer wichtiger, dass alle produktionsbegleitenden Daten auf einer Plattform zusammenfinden. Diese gibt es nach drei Jahren Forschungsarbeit nun, als digitale Wolke: Auf der Linked Production Data Cloud, kurz LPDC, werden alle Metadaten ohne Verluste miteinander vernetzt und so strukturiert abgelegt, dass sie der Nutzer ohne großen Aufwand findet und abrufen kann.

Nahaufnahme des digital analysierten Filmarchivmaterials

Die Maschine erzeugt auch Videodateien über den Zustand des Filmes.

PRpetuum GmbH

Automatisierte Film-Befundung

Auch Archive können ihre Daten zu historischem Filmmaterial hier ablegen – vorausgesetzt, sie haben den Film digitalisiert. „Die Archive wissen allerdings gar nicht, was in jeder ihrer Filmdosen steckt und in welchem Zustand sich die Streifen befinden“, sagt Jörg Wehling mit Hinweis auf eine überaus innovative dwerft-Entwicklung: eine effiziente, kostensparende und automatische Befundungsmaschine mit speziellem Abtastsystem und schonendem Filmtransport. Ein Oberflächenanalysesystem schaut den Film an, findet Schrammen, Risse, Klebestellen ... und wertet die Schadstellen aus. Das System nutzt eingespeicherte Erfahrungen aus der manuellen Filmbewertung und gibt Empfehlungen zur Digitalisierung. Es erstellt den Befundungsbericht als PDF-Datei und erzeugt Videodateien zur Bildbeurteilung. „Schließlich will der Archivar auch in Augenschein nehmen, was die Maschine sieht“, sagt Jörg Wehling. Vernetzte und offene Daten ermöglichen den Zugang zu neuen Geschäftsmodellen und Arbeitsprozessen, die rechtliche Fragen aufwerfen. Zudem ist die Filmproduktion immer auch mit Rechten verbunden. Das Forschungsbündnis entwickelt ein Rechtemanagementsystem im Linked-Data-Format, auch das wird in der Cloud abgespeichert.