Signalforscher stellt Weichen

Koch wäre er auch gern geworden, der Signalforscher Alfredo Illanes aus Chile. Doch im Magdeburger INKA-Forschungsprojekt kommt der Elektrotechniker auf ebenso innovative Ideen wie in der heimischen Küche.

„Nein, den deutschen Winter finde ich gar nicht so schrecklich. Kälte ist mir lieber als große Hitze“, sagt Alfredo Illanes. Gerade war er mit seinen Wissenschaftler-Kollegen für ein Team-Wochenende in Garmisch-Partenkirchen. Skisport, sagt der Chilene, sei allerdings nichts für ihn. Von seiner Heimatstadt Santiago de Chile aus waren es etwa 40 Minuten Fahrtzeit in die Berge. „Der Wintersport ist dort sehr teuer“, sagt Illanes. Er lacht. Im Januar ist er 39 Jahre alt geworden. Das Laufen auf den schnellen Brettern möchte er jetzt nicht mehr lernen.

Patentverdächtige Nadel

Seit Ende 2015 gehört der promovierte Experte für Signalanalyse zum deutschen Stamm der INKAs, so der Kurzname für „Intelligente Katheter – Kathetertechnologien“. Das vom Bundesministerium geförderte Forschungsprojekt an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg entwickelt Komponenten und Gesamtsysteme für minimalinvasive Operationstechniken. Auf die INKAs zu treffen, sei ein Glücksfall gewesen, sagt der Elektrotechniker mit einem Faible für Medizintechnik. Überhaupt habe sein Leben bisher ziemlich glückliche Wendungen genommen. Er lässt es halt auf sich zukommen, das Leben. Und wenn ihm etwas besonders wichtig ist, dann stellt er die Weichen – so zuletzt 2015 mit der Orientierung nach Deutschland. „Da war unser Sohn Adrian zwei Jahre alt“, sagt Ehefrau Agnes Medalinski. Die Berlinerin wollte, dass ihr Kind die deutsche Kultur und Bildung mitbekommt. Illanes nickt zustimmend. Für den Wechsel nach Deutschland haben beide, Agnes Medalinski ist promovierte Informatikerin, eine Professorenstelle an der Universität Austral de Chile in Valdivia aufgegeben.

Vier Männer sind in einem Büro vor einem Computer und unterhalten sich.

Alfredo Illanes im Gespräch mit den INKA-Kollegen Prabal Poudel, Thomas Sühne
und Johannes Krug (v.l.).

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Beide schauen sich an: Ja, sie haben die Weichen richtig gestellt, da sind sie sich einig. Illanes lacht: „Meine Eltern lieben Magdeburg.“ Und sind wohl auch stolz: Ihr Sohn hat es im Stamm der INKAs zu Ansehen gebracht. Er demonstriert seine Erfindung, die zum Patent angemeldet wird. „Diese medizinische Injektionsnadel kann auf ihrem Weg zum Ziel dank eines Zusatzgerätes verschiedenste Gewebearten erkennen und diese Informationen sichtbar machen. Sie ist eine Alternative zum Ultraschallgerät, mit dem sich trotz modernster Bildgebungsverfahren der Weg solch einer Nadel nicht immer ganz genau verfolgen lässt“, erklärt der Wissenschaftler.

Keine Leidenschaft für die Elektrotechnik

Dass er einmal auf dem Gebiet der Medizintechnik forschen wird, hätte er als junger Student nicht gedacht. „Mir war es wichtig, einen Studienplatz an der hoch angesehenen Technischen Universität Federico Santa Maria in der Hafenstadt Valparaíso zu bekommen“, erzählt er und sucht im Internet nach Bildern. Einen Steinwurf von der Uni entfernt ist man schon am Pazifischen Ozean. Alfredo machte es seinem Vater nach, der dort Elektrotechnik studierte. „Leidenschaft für dieses Fach konnte ich allerdings nicht entwickeln“, sagt Illanes. „Bei uns in Chile ist die Elektrotechnik sehr einseitig auf Telekommunikation ausgerichtet.“ Nach dem Bachelor wechselte er nach Frankreich, um an der Sophia-Antipolis-Universität in Nizza den Master zu machen. Viel lieber hätte er Koch gelernt, erzählt er. Seine Frau muss lachen: „Alfredo kocht hervorragend! Und er kocht zur Entspannung“, sagt sie. Was im Umkehrschluss bedeutet: Er kocht ziemlich oft.

Ein Mann und eine Frau sitzen vor einem Computer und lächeln in die Kamera.

Signalforscher Alfredo Illanes und die Informatikerin Agnes Medalinski bauen sich in Magdeburg eine berufliche Karriere auf.

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Körpersignale verstehen

Hände halten ein kleines Gerät mit einer Nadel am Ende in eine gelbliche Flüssigkeit.

In unterschiedlichen Schichten wie hier aus Gelée und Knochen testet Alfredo Illanes das von ihm entwickelte medizinische Nadelsystem.

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Von der französischen Küche fühlte sich Alfredo Illanes stark inspiriert. Zunehmend auch von seinem Studienfach. „Das Anwendungsgebiet für die Elektrotechnik ist in Europa viel breiter aufgestellt“, sagt er. Mit der Bewerbung um ein Forschungsstipendium aus Chile, das ihm die Promotion an einem französischen Institut ermöglichte, stellte er eine nächste Weiche auf seinem Lebensweg. Der exzellente Mathematiker hatte inzwischen sein persönliches Interessensgebiet entdeckt: die Signale des menschlichen Körpers. Für seine Doktorarbeit errechnete er ein mathematisches Modell, mit dem die Signale eines Elektrokardiogramms (EKG) in umgekehrter Richtung wieder zurück in jede einzelne Herzzelle verfolgt werden können. Mit Hilfe dieser mathematischen Indikatoren könne man Schemata entwickeln, die zeigen, dass veränderte Herzfrequenzen auf bestimmte Krankheiten hinweisen, sagt Illanes.

Die nächste Weichenstellung kam in persona seiner künftigen Frau. Sie lief ihm als Postdoc am Nationalen Forschungsinstitut für Informatik und Automatisierung in Rennes über den Weg. Damit begann ihr gemeinsamer  beruflicher Weg an besagter Universität Austral de Chile in Valdivia.

Signalforscher Illanes erzählt, wie ihn dort Sohn Adrian schon vor seiner Geburt zu einem neuen Projekt animierte, in das inzwischen europaweit über 20 Wissenschaftler involviert sind. Sie errechnen mathematische Modelle aus den Signalen, die von Wehen ausgehen. Daraus erstellen sie Schemata, an denen abzulesen ist, ob und welche Stressfaktoren auf das Kind während der Geburt einwirken. Und sie haben einen Trainingssimulator entwickelt.

Der international vernetzte Signalforscher fühlt sich in Magdeburg am richtigen Ort – und ist gespannt, welche Weichen er hier künftig stellt. Das Lokal mit chilenischer Küche ist da (vorerst?) ein Scherz-Gedanke von Alfredo Illanes.

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