Wenn Antikörper putschen

Vollautomatisierte Tests zur Diagnose von Autoimmunerkrankungen erlangen in der personalisierten Medizin zunehmende Bedeutung. Die Generic Assays GmbH aus Dahlewitz bei Berlin entwickelt gemeinsam mit der BTU Cottbus-Senftenberg innovative Produkte.

Wenn eine Armee gegen den eigenen Staat zu Felde zieht, sei das zu vergleichen mit den Wächtern im menschlichen Immunsystem, die sich gegen den eigenen Körper richten – dieses Bild zeichne er immer vor seinen Studenten, sagt Dirk Roggenbuck. Er stellt Thesen auf, warum die Antikörper putschen: Das Immunsystem langweilt sich, weil ihm äußere Feinde wie etwa Parasiten fehlen. Oder: Es ist noch nicht auf die hohe Lebenserwartung des Menschen eingestellt. Oder: Es erleidet Defekte durch Umgebungsbedingungen. Der promovierte Immunologe ist Honorarprofessor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg BTU. „Ich passe da gut hin“, schmunzelt er. Denn zur Wissenschaft fühle er sich ebenso hingezogen wie zum Unternehmertum. Schließlich müsse man etwas „unternehmen“, damit die Erkenntnisse aus der Forschung in der Praxis ankommen. 2002 gründete er in Dahlewitz bei Berlin die GA Generic Assays GmbH, die spezifische Tests zur Differenzialdiagnose autoimmuner Erkrankungen herstellt. Roggenbuck bringt seine Markt-Erfahrungen in die Hochschul-Forschung ein und wendet im Gegenzug neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft in seinem Unternehmen an.

Vier Wissenschaftler stehen und sitzen in einem Labor. Eine Wissenschaftlerin sitzt und hält ein Reagenzglas mit einer Lösung in der Hand.

Gastwissenschaftler Aamir Ali und Peter Schierack (v.l.n.r.) von der BTU Cottbus-Senftenberg schauen mit Generic Assays-Chef Dirk Roggenbuck und seiner Mitarbeiterin Valentina Somma bei der Vorbereitung einer Test-Lösung zu.

PRpetuum GmbH

Der Erfolg gehört allen

„Wissenstransfer und der Aufbau von Exzellenz sind Weichenstellungen hin zum wirtschaftlichen Erfolg“, sagt Dirk Roggenbuck. Darum war Generic Assays ein Partner in dem vom Bundesforschungsministerium finanzierten Wachstumskern "BioResponse". Seine Firma sei im wahren Wortsinne daran gewachsen, betont Roggenbuck. Jetzt ist Generic Assays eines der Unternehmen, die die Stiftungsprofessur von Peter Schierack an der BTU finanzieren. Der Professor für Multiparameterdiagnostik leitet das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt „Bildbasierte Nachweisverfahren für die medizinische Diagnostik“. Er hält engen Kontakt zur Wirtschaft, um anwendungsnah zu forschen. „Wir entwickeln Technologien, die so innovativ sind, dass Gastwissenschaftler aus der ganzen Welt an unsere Hochschule kommen wollen“, sagt Schierack. Gerade wird er von Aamir Ali aus Pakistan begleitet, der die Generic Assays kennen lernen möchte. Motivierend bei der Arbeit in Verbundprojekten sei, dass der Erfolg allen gehöre, meinen Peter Schierack und Dirk Roggenbuck. Beide kennen sich aus dem Projekt „Neue Technologien für molekulare Diagnostik“. Von 2007 bis 2012 wurden Technologien für die Multiparameterdiagnostik entwickelt, um möglichst viele Werte simultan und somit schnell zu messen und zu analysieren. Die Laborverfahren, die nur eine oder sehr wenige Proben benötigen, sind als „Videoscan“-Technologie in einem vollständig automatisierten Fluoreszenzmikroskop vereint.

Zwei Männer und eine Frau sitzen vor einem Bildschirm vor einer großen Fensterfront.

Dirk Roggenbuck (links) und sein Mitarbeiter Dimitrij Hefele demonstrieren einer Vertriebspartnerin aus Kasachstan ein Gerät zur Bestimmung von Autoantikörpern im Routinelabor.

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Innovationen mit Marktwert

Für ein Verfahren zur Identifizierung des Antigens, das für die Morbus Crohn-Erkrankung hauptverantwortlich ist, bekam Generic Assays 2010 den Innovationspreis der IHK Potsdam. „Eine Innovation ist erst eine Innovation, wenn man jemanden findet, der sie abkauft“, ist eine unternehmerische Devise von Roggenbuck. Peter Schierack nickt: „Dem Labor, beziehungsweise dem Mediziner geht es am Ende um Effizienz durch Automatisierung und um ein breites Anwendungsgebiet für die neuen Technologien.“ Eine neue große Aufgabe für seine Forschungsgruppe sieht Schierack im standardisierten und automatisierten Nachweis von Bakterien in den sogenannten Biofilmen, die sich auf Materialoberflächen bilden; auf Implantaten beispielsweise. Entzündungen sind die Folge. „Die können zielgerichtet therapiert werden, wenn ein differenzierter Nachweis der Bakterienstämme gelingt“, sagt der Stiftungsprofessor. „Im Umkehrschluss könnten Materialoberflächen soweit optimiert werden, dass keine Ansiedlung solcher Bakterien möglich ist.“